Gehen uns die Arbeiter:innen aus?
Bis 2050 werden in Österreich rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen, besonders außerhalb von Wien drohen massive Verluste.
Hauptgründe sind sinkende Fertilitätsraten, eine alternde Bevölkerung und geringe Erwerbsbeteiligung bei Frauen und Älteren.
Bekannte Maßnahmen wie bessere Kinderbetreuung, Integration von Zuwander:innen und höhere Beschäftigung Älterer reichen vermutlich nicht aus.
Bis 2050 fehlen in Österreich rund 120.000 Erwerbspersonen.
Fertilitätsrate 2025: 1,29 Kinder pro Frau (historisches Tief).
Nur Wien gewinnt bis 2050 Erwerbspersonen: +15,9 %; Kärnten: -12,8 %.
Zahl der Lehrlinge seit 1980 halbiert: 2025 nur noch 102.878.
Bis 2050 werden in Österreich rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen, besonders außerhalb von Wien drohen massive Verluste.
Hauptgründe sind sinkende Fertilitätsraten, eine alternde Bevölkerung und geringe Erwerbsbeteiligung bei Frauen und Älteren.
Bekannte Maßnahmen wie bessere Kinderbetreuung, Integration von Zuwander:innen und höhere Beschäftigung Älterer reichen vermutlich nicht aus.
Bis 2050 fehlen in Österreich rund 120.000 Erwerbspersonen.
Fertilitätsrate 2025: 1,29 Kinder pro Frau (historisches Tief).
Nur Wien gewinnt bis 2050 Erwerbspersonen: +15,9 %; Kärnten: -12,8 %.
Zahl der Lehrlinge seit 1980 halbiert: 2025 nur noch 102.878.
Manchmal spielt das (politische) Leben so, dass voneinander getrennte Erkenntnisse sich wie durch ein Wunder zu einem – im aktuellen Fall: einem beunruhigenden – Gesamtbild zusammensetzen. Ich darf dich einladen, kurz die letzten beiden Beiträge aus dieser Serie Revue passieren zu lassen.
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Ohne, dass ich eine zusammenhängende Serie im Kopf gehabt hätte, sind an dieser Stelle gleich mehrere Puzzlestücke erschienen: Österreichs Bevölkerungswachstum ist im Vorjahr auf 0,24 Prozent zusammengeschmolzen. Die Langfristprognose des Budgetdiensts zeigt eine Schuldenquote, die auf 148 Prozent des BIP zusteuert – getrieben vor allem durch die Demographie. Und der Arbeitsmarkt für Frauen hat, freundlich gesagt, Luft nach oben, genau wie die Integration von Zuwander:innen in selbigen.
Und diese Woche habe ich einen weiteren Datensatz bekommen, der sich mit den genannten zusammenfügt: Die Statistik Austria und das AMS haben gemeinsam eine neue „Erwerbspersonenprognose“ vorgestellt. Und die Botschaft ist, es wird dich nicht überraschen: eher unerfreulich.
Ergebnisse der Erwerbspersonenprognose
Die Schlagzeile über dieser Prognose: Bis 2050 werden Österreich rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen – also Menschen, die arbeiten oder Arbeit suchen. Im sogenannten Trendszenario, das die laufende Steigerung der Erwerbsbeteiligung (vor allem bei Frauen und Älteren) fortschreibt, sinkt die Zahl der Erwerbspersonen von heute 4,76 Millionen auf 4,66 Millionen. Bleibt die Erwerbsbeteiligung auf dem aktuellen Niveau, wären es sogar nur 4,53 Millionen.
Das klingt nach abstrakten Zahlen und Voraussagen, die weit weg von unserer Realität sind, aber lass mich das übersetzen: Aktuell kommen auf jede Person im Pensionsalter (65 plus) drei Personen im Erwerbsalter zwischen 20 und 64 Jahren. 2040 werden es nur noch 2,2 sein, 2060 nur noch 1,9. Weniger Leistungsträger:innen, die mehr Pensionist:innen erhalten müssen – das ist, wie wir vor ein paar Wochen beim Langfristbudget gesehen haben, der zentrale Treiber der Staatsschulden.
Jetzt könnte man sagen: Das wissen wir doch alles, alles längst geschrieben. Aber: Diese Prognose hat sich zuletzt deutlich zugespitzt. Die Statistik Austria überarbeitet ihre Annahmen alle drei Jahre. Die vorige Erwerbspersonenprognose stammt aus dem Herbst 2024, also von vor gerade einmal anderthalb Jahren. Und schon jetzt sehen die Zahlen deutlich schlechter aus.
Der größte Unterschied: die Fertilitätsrate. Die vorige Prognose ist davon ausgegangen, dass sich die Kinderzahl pro Frau bis 2050 auf 1,57 erholt. Die neue rechnet nur noch mit 1,35 Kindern. Vorläufig liegt der Wert für 2025 bei 1,29 – ein historisches Tief, das die letzte Annahme als viel zu optimistisch entlarvt. Zum Vergleich: Frankreich liegt bei 1,59. Hätte Österreich die französische Fertilitätsrate, gäbe es rechnerisch rund 17.600 zusätzliche Geburten pro Jahr, rechnet AMS-Chef Johannes Kopf vor.
Auch bei der Lebenserwartung wurde nach unten korrigiert, das heißt: Ab den 2040ern wird Österreich voraussichtlich an Einwohner:innen verlieren. Bis dahin wächst es noch auf rund 9,4 Millionen – aber das Wachstum wird vor allem in die ältere Bevölkerung gehen. 2040 wird voraussichtlich jede vierte Person 65 Jahre oder älter sein.
Besonders drastisch ist die regionale Dimension. Nur ein einziges Bundesland wird bis 2050 mehr Erwerbspersonen haben als heute: Wien, mit einem Plus von 15,9 Prozent. Der Grund: Zuwanderung. Alle anderen Bundesländer verlieren, teils massiv: Kärnten minus 12,8 Prozent, Burgenland minus 12,4 Prozent, Tirol minus 10,9 Prozent, Salzburg minus 10 Prozent. AMS-Chef Kopf spricht von einer „dramatisch ungleichen Situation" und rechnet vor, dass außerhalb Wiens bald eine Viertelmillion Arbeitskräfte fehlen werden. Einzelne Bezirke wie Mürzzuschlag oder Hermagor müssten mit Rückgängen von 20 Prozent rechnen.
Und was 20 Prozent weniger Arbeitskräfte in einem Tal bedeuten – denk z.B. an Schulen, Nahversorgung, Gesundheitswesen, den öffentlichen Verkehr und so weiter –, das können sich auch politische Verantwortliche ausmalen, die Demographie sonst eher für ein abstraktes Thema halten.
Jetzt ist es aber nicht so, dass niemand wüsste, wo man ansetzen könnte. Das AMS hat bei der Präsentation eine recht konkrete Liste an Potenzialen aufgelegt, die im Wesentlichen aus sechs Hebeln besteht: Rot-Weiß-Rot-Karte, Geflüchtete, Frauen, Ältere, Lehre und – mit großen Fragezeichen versehen – Künstliche Intelligenz. Was bei jedem Einzelnen davon auffällt: Es sind alles bekannte Stellschrauben.
Nehmen wir die Frauen: Die Teilzeitquote bei österreichischen Frauen liegt bei 51,1 Prozent, bei Frauen mit Kindern sogar bei 75,6 Prozent, Tendenz steigend.
Rund 67.100 Frauen arbeiten zwar, würden aber gerne mehr Stunden machen – können aber nicht, meist wegen fehlender Kinderbetreuung. Dazu kommen 126.400 Frauen mit Kindern unter drei Jahren und 37.000 mit Kindern zwischen drei und fünf, die gar nicht arbeiten. Der Elefant im Raum: Jede fünfte der 9.875 Kinderbetreuungseinrichtungen in Österreich hat höchstens bis 15 Uhr offen. (Was allerdings auch stimmt: Dass die Teilzeitquote ausgerechnet dort am höchsten ist, wo die Betreuungseinrichtungen am längsten offen haben, in Wien).
Bei den Älteren liegt Österreich mit einer Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen von 58,8 Prozent deutlich unter dem europäischen Schnitt von 65,2 Prozent. Dass die Anhebung des Frauenpensionsalters hier hilft, haben wir erst vor zwei Wochen gesehen – allerdings eben auch mit den Reibungsverlusten am Arbeitsmarkt. Und bei den Lehrlingen hat sich die Zahl seit 1980 halbiert: von 194.089 auf 102.878 im Jahr 2025. Die Lehre gilt zwar offiziell als Erfolgsmodell, ist aber faktisch ein schrumpfendes.
Die Rot-Weiß-Rot-Karte wiederum ist zwar gewachsen – von 1.702 Bewilligungen im Jahr 2015 auf 12.893 im Vorjahr – bleibt aber ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts 120.000 fehlender Erwerbspersonen. Und bei den Asylberechtigten hat Kopf (wieder) einen Vorschlag auf den Tisch gelegt, der politisch Sprengkraft hat: eine Wohnsitzauflage, wie es sie in Schweden oder Deutschland gibt, um den ohnehin starken Zuzug nach Wien zu bremsen und die Arbeitskraft dorthin zu lenken, wo sie gebraucht wird, um Gegenden nicht zu entvölkern.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Ob das alles reicht, um unseren Wohlstand durch Arbeit zu sichern? Wahrscheinlich nicht. Aber es wäre zumindest ein Anfang. Die Zahlen sind jedenfalls unmissverständlich: Der österreichische Arbeitsmarkt hat zwei Jahrzehnte lang von steigender Frauenerwerbstätigkeit und Zuwanderung gelebt – 762.800 zusätzliche Erwerbspersonen seit 2005. Dieses Wachstum läuft aus. Kann sein, dass die KI-Revolution diese Arbeit eh überflüssig macht. Aber auf Wunder zu spekulieren, ist in aller Regel eher minder nachhaltige Politik.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
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