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Eine CO2-Pipeline durch die Alpen

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Das Umweltbundesamt sieht CCS als notwendig für Österreichs Klimaziele, erfordert aber ein 1.000 km langes Pipeline-Netz und hohe Investitionen.

Die Gesamtkosten bis 2040 betragen 10,7 Milliarden Euro, wobei ohne staatliche Förderung CCS für die meisten Anlagen wirtschaftlich nicht tragbar ist.

Die Umsetzung hängt von politischen Entscheidungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und dem Ausbau erneuerbarer Energie ab.

Bis 2040 könnten 9,2 Mio. Tonnen CO₂/Jahr abgeschieden werden (13 % der Emissionen).

Gesamtkosten bis 2040: 10,7 Mrd. Euro, davon 4 Mrd. für das Pipeline-Netz.

Pipeline-Netz müsste rund 1.000 km lang sein.

Erster CCS-Anlagenbetrieb in Österreich frühestens 2030 geplant.

Das Umweltbundesamt sieht CCS als notwendig für Österreichs Klimaziele, erfordert aber ein 1.000 km langes Pipeline-Netz und hohe Investitionen.

Die Gesamtkosten bis 2040 betragen 10,7 Milliarden Euro, wobei ohne staatliche Förderung CCS für die meisten Anlagen wirtschaftlich nicht tragbar ist.

Die Umsetzung hängt von politischen Entscheidungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und dem Ausbau erneuerbarer Energie ab.

Bis 2040 könnten 9,2 Mio. Tonnen CO₂/Jahr abgeschieden werden (13 % der Emissionen).

Gesamtkosten bis 2040: 10,7 Mrd. Euro, davon 4 Mrd. für das Pipeline-Netz.

Pipeline-Netz müsste rund 1.000 km lang sein.

Erster CCS-Anlagenbetrieb in Österreich frühestens 2030 geplant.

Vergangene Woche hat das Umweltbundesamt ein Dokument veröffentlicht, das sowohl für Wirtschaft und Wohlstand in Österreich, unsere Klimapolitik und unsere Geldbörsen ziemlich entscheidend sein könnte. Es geht um eine knapp 70-seitige Studie über Carbon Capture and Storage (CCS) in Österreich. Sie ist die bisher detaillierteste Durchrechnung dessen, was es kosten würde, in Österreich tatsächlich CO2-Abscheidung samt Pipeline-Netz aufzubauen – und wer dafür wie viel zahlen könnte.

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Was ist Carbon Capture and Storage?

Hinter dem Kürzel „Carbon Capture and Storage“ steht eine eigentlich recht simple Idee: Wenn wir CO2 aus dem Rauchgas einer Industrieanlage herausfiltern, können wir es verflüssigen, in eine Pipeline einspeisen, irgendwohin transportieren und tief unter der Erde dauerhaft einlagern. Damit gelangt es nicht in die Atmosphäre und trägt somit auch nicht zum Klimawandel bei.

Brauchen werden wir das Ganze, weil Österreichs Ziel der Klimaneutralität bis 2040 ohne CCS schwer (read: gar nicht) zu erreichen sein wird. In manchen Industrien – der so genannten „hard-to-abate“-Klasse – entstehen die CO2-Emissionen nämlich nicht (nur) durch die Verbrennung von Kohle oder Gas (die könnte man durch erneuerbaren Strom ersetzen), sondern durch den Produktionsprozess selbst. Wenn man Zement brennt, wird aus Kalkstein Kalk – und das CO2, das dabei freigesetzt wird, bekommt man nicht weg, indem du den Ofen mit Strom heizt. Ähnliches gilt für die Kalk-, Feuerfest-, Papier- und Müllverbrennungsindustrien.

Weil dem Klima aber null geholfen wäre, wenn wir die Zementindustrie in Österreich zusperren und die Brennerei dann irgendwo in Afrika gemacht wird – vielleicht noch mit langen Transportwegen dazu –, wäre eine Idee, dieses „unvermeidbare“ CO2 stattdessen einzufangen und zu lagern; capture and storage also. Das war eine Zeit lang umstritten, weil in der Klimabewegung lange der Verdacht vorgeherrscht hat, dass Klima-Bremser mit dem Verweis auf die CCS-Option die Transformation der Gesellschaft Richtung Klimaneutralität ganz stoppen wollen – inzwischen hat man aber in vielen Staaten recht pragmatisch erkannt, dass man diese Neutralität ohne einen CCS-Anteil nicht schaffen wird.

Unsere Republik hat sich im Juni 2024 mit der Carbon Management Strategie der damaligen Bundesregierung Nehammer-Kogler (ÖVP-Grüne) erstmals offiziell auf den CCS-Pfad gesetzt – die geologische Speicherung von CO2 ist bisher aber noch immer verboten. Das entsprechende Speichergesetz, das Industriebetrieben Rechtssicherheit geben soll, lässt allerdings weiter auf sich warten – ÖVP, SPÖ und Neos haben sich zwar im Regierungsprogramm dazu bekannt, CCS zu ermöglichen (und das zu Jahresbeginn auch in der Industriestrategie noch einmal bekräftigt), müssen das aber erst noch umsetzen. Vielleicht hilft ja besagte Studie dabei.

Das Umweltbundesamt hat sich 31 Industrieanlagen in Österreich angeschaut – alle Zement-, Kalk- und Feuerfestwerke, sieben Müllverbrennungsanlagen, 13 Anlagen der Papier-, Zellstoff- und Holzindustrie sowie zwei Heizkraftwerke der OMV-Raffinerie – und durchgerechnet, wie viel CO2 dort jeweils abgeschieden werden könnte und was das kosten würde. Das Ergebnis: Bis 2040 könnten 9,2 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingefangen werden – das entspricht ungefähr 13 Prozent der heutigen Treibhausgas-Emissionen Österreichs. Aber: Im Endausbau bräuchte es dafür ein Pipeline-Netz von rund 1.000 Kilometern Länge.

Wir sehen: Das Hochlaufen läuft langsam an – 2030 wäre erst eine einzige Anlage in Betrieb – und beschleunigt erst Mitte des kommenden Jahrzehnts deutlich. Bis dahin müsste in Genehmigungsverfahren, Investitionsentscheidungen und Pipeline-Trassen viel passieren. Vergleichbare Überlegungen wälzen übrigens auch die Schweiz und Deutschland gerade, während man in Skandinavien bereits erste Anlagen in Betrieb genommen hat. Wo die Pipelines verlaufen sollen, hat das Austrian Institute of Technology bereits 2024 in einer eigenen Studie skizziert, auf der die UBA-Berechnungen aufbauen:

Wir sehen einen Hauptstrang vom Industrieraum Linz Richtung Wien und ins Burgenland, dazu eine südlich verlaufende Trasse vom Steiermark-Raum bis nach Italien. Letzteres ist der Schlüssel, denn so charmant es klingt, das CO2 einfach unter den nächsten heimischen Acker zu pumpen: Die österreichischen Speicherkapazitäten in ausgeförderten Erdöl- und Erdgaslagerstätten dürften nicht ausreichen, um auf Dauer 9,2 Mio. Tonnen pro Jahr aufzunehmen. Das meiste CO2 müsste also exportiert werden – Richtung Norwegen (Nordsee) oder Richtung Adria (Norditalien).

Womit wir beim ökonomisch interessantesten Teil des Berichts wären. Die geschätzten Gesamtkosten bis 2040: rund 10,7 Milliarden Euro. Davon entfallen ca. 4,3 Mrd. auf die Abscheideanlagen selbst, 2,4 Mrd. auf die zusätzlich nötigen Energieanlagen (das Abscheiden braucht enorme Mengen Wärme und Strom) und 4 Mrd. auf das Pipeline-Netz. Die zentrale Frage: Wer trägt das? Aus der Sicht der Industrie ist die Sache simpel: Beim aktuellen CO2-Preis im EU-Emissionshandel von rund 70 Euro pro Tonne rechnet sich CCS für keine einzige der 31 Anlagen. Selbst mit dem im Bericht für 2040 angenommenen Preis von 200 Euro pro Tonne würden gerade einmal fünf Anlagen ihre CCS-Kosten allein durch ersparte Zertifikate hereinspielen. Alle anderen bräuchten Förderungen.

Das Umweltbundesamt rechnet in seinem Hauptszenario daher mit einer staatlichen Förderung von 50 Prozent der Investitionskosten plus voller Finanzierung des Pipeline-Netzes. Macht über 13 Jahre einen Finanzierungsbedarf der öffentlichen Hand von 7,3 Milliarden Euro. (In einer Variante übernimmt der Staat nur das Netz vor und holt sich das Geld ab 2035 über Netzgebühren von 25 Euro pro Tonne CO2 zurück – die budgetschonendere Option.) Hier wird es aber spannend, weil das Umweltbundesamt nicht nur ausgerechnet hat, was diese Investitionen kosten, sondern auch, was sie volkswirtschaftlich bewirken:

Wenn der Staat die Förderungen zusätzlich aufnimmt – also als Mehrinvestition – haben die CCS-Investitionen netto durchaus positive Effekte. Im Schnitt 350 bis 400 Millionen Euro mehr Wertschöpfung pro Jahr, etwa 1.000 zusätzliche Vollzeitstellen, getragen vor allem vom Bausektor und vom Maschinenbau. (Das Umweltbundesamt hat auch eine weitere Variante mit Einsparungen anderswo durchgerechnet, die zu weit weniger Wertschöpfung führt – aber das hängt naturgemäß stark davon ab, wo diese Einsparungen passieren.)

Bei aller technokratischen Eleganz solltest du beim Lesen dieses Berichts allerdings drei Dinge im Hinterkopf haben. Erstens steht und fällt die ganze Rechnung mit einer Annahme, die heute rechtlich noch nicht gilt: Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass biogene CO2-Emissionen (etwa aus Papierfabriken, die Holzreste verfeuern) künftig im Emissionshandel eins zu eins fossile Emissionen kompensieren dürfen – sich also wirtschaftlich genauso rechnen, wie das Abscheiden von Kohle- oder Gas-CO2. Das ist heute nicht so geregelt. Für 13 der 31 Anlagen im Szenario hängt damit ihr ganzes Geschäftsmodell an einer Brüsseler Entscheidung, die noch aussteht.

Zweitens braucht CCS-Energie. Viel davon. Der zusätzliche Strom- und Wärmebedarf von 13,8 Terawattstunden im Endausbau bedeutet, dass Österreich seine Stromerzeugung deutlich über die heutigen Pläne hinaus ausbauen müsste – nahe dem, was die E-Control an dieser Stelle vor zwei Monaten als ambitioniertes „Transformations-Szenario“ gerechnet hat. Erneuerbarer Strom und heimische Biomasse sind ja nicht beliebig vermehrbar – jede Kilowattstunde, die in einen Aminwäscher fließt, fehlt in der E-Mobilität, der Wärmepumpe oder dem elektrischen Industrieofen.

Und drittens fällt Wasserstoff als Energieträger für CCS faktisch aus: Bei den Anlagen, die ihre Abscheidewärme mit Wasserstoff erzeugen müssten (weil weder Biomasse noch Strom verfügbar sind), kostet die Tonne abgeschiedenes CO2 zwischen 360 und 430 Euro – weit über jedem realistischen Zertifikatspreis. Die „Wasserstoffwirtschaft“, die für die Industrie-Dekarbonisierung gerne beschworen wird, taugt für wirtschaftlich interessante CCS jedenfalls nicht.

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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

Bleibt die Frage, was die Politik aus all dem macht. Das CCS-Speichergesetz steht weiterhin aus, und die ersten Förderzusagen wären, wenn man dem Pfad des Berichts folgt, bis spätestens 2028/29 zu treffen, damit die erste Anlage 2030 in Betrieb gehen kann. Das klingt weit weg, ist es politisch aber nicht: Die Investitionsentscheidungen in der Industrie für diese Zeit werden jetzt vorbereitet. Und das ist möglicherweise der wichtigste Befund des Berichts: Diese 10,7 Milliarden Euro werden kein Selbstläufer. Aber sie nicht zu investieren wäre auch keine billige Option – weil dann die emissionsintensiven Industrien entweder mit hohen Zertifikatskosten dastehen oder ins Ausland abwandern. Wie wir hier vor sechs Wochen gesehen haben, rechnet der Budgetdienst des Parlaments allein für die Verfehlung der EU-Klimaziele 2021–2030 mit Mehrkosten von 2,86 Milliarden Euro – und für die Periode danach mit jährlich rund zwei Milliarden zusätzlich. Ein wenig CCS, könnte man sagen, ist dann doch billiger als gar keines.

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Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

Umweltbundesamt: CCS in Österreich: Energieverbrauch und volkswirtschaftliche Effekte


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