We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Einäugiger Lupenblick beim Antisemitismus

5 0 0
24.06.2021

Karl Luegers Denkmal im 1. Wiener Bezirk steht im Kreuzfeuer einer massiven politischen Debatte mit der Zielsetzung des Denkmalsturzes beziehungsweise der Verunstaltung. "Cancel Culture" - die Zerstörung von Denkmälern, Monumenten, Bildern und sonstigen Herrschaftssymbolen - ist als Kampfbegriff der "Political Correctness" nur semantisch neu. Dahinter verbirgt sich der Ikonoklasmus (griechisch icon = Bild, und clamere = zerstören, vernichten), den Machthaber seit jeher einsetzten, um unliebsame Vorgänger oder Mitkämpfer ins Dunkel der Geschichte zu drängen.

George Orwell hat in "1984" exakt beschrieben, wie in totalitären Systemen die Vergangenheit permanent retuschiert und den Bedürfnissen der Gegenwart angepasst wird. 76 Jahre nach dem Sieg über Adolf Hitler wird der Kampf gegen den Nationalsozialismus von zahlreichen "Widerstandskämpfern" dadurch intensiviert, dass man Lueger zum Inbegriff des Antisemitismus macht und dessen Denkmal stürzen will. Auch, weil Hitler Lueger verehrte. Fakt ist: Lueger kannte Hitler nicht und hätte sicher den Nationalsozialismus verabscheut. Die Nationalsozialisten standen dem Rassenantisemitismus Georg von Schönerers nahe. Dieser hatte Lueger wiederholt heftigst als Judenfreund angegriffen.

Die Historiker Franz Schausberger und Johannes Schönner haben mit wissenschaftlicher Akribie - sine ira et studio - die Geschichte der Entstehung des von Josef Müllner gestalteten Lueger-Denkmals detailreich geschildert: Der damalige sozialistische Bürgermeister Karl Seitz sowie zahlreiche jüdische Publizisten, die der Sozialdemokratie nahestanden, schätzten und verehrten Lueger als bedeutenden Bürgermeister und Modernisierer Wiens. In seinem Gemeindesozialismus sah die Sozialdemokratie der 1920er ein Vorbild für das Rote Wien.

Lueger war als Bürgermeister ein typischer Repräsentant des Munizipialsozialismus (lateinisch municipium = Stadt, Sozialismus = kollektivstaatliches Eingreifen). Im Zuge der Urbanisierung und Modernisierung der Städte war man bestrebt, die Infrastruktur zum Wohle der Allgemeinheit nicht Privatfirmen, sondern den Gemeinden zu überlassen. Lueger, der ursprünglich vom Liberalismus her kam, wurde dann zum Vertreter der "kleinen Leute", die ihn als ihren Erlöser verehrten. Er vertrat die untere Mittelschicht, die unter der Industrialisierung besonders litt, und baute kommunale Infrastrukturen auf mit dem Ziel, Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Geschäftsleute vor Monopolisten zu schützen.

Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, besuchte als begabter Schüler das Theresianum, wurde Advokat und liberaler Gemeindevertreter. Im 3. Wiener Bezirk, wo er seit 1876 seine eigene Kanzlei hatte, galt er als "Anwalt der kleinen........

© Wiener Zeitung


Get it on Google Play