„Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich draufhauen“

Gewaltschutzexpertinnen kritisieren, dass der Fokus der Diskussion oft auf dem Verhalten der Betroffenen liegt, statt auf Machtstrukturen

Risiken für Machtmissbrauch sind starke Machtgefälle, prekäre Arbeitsverhältnisse und ein „Geniekult“

Viele Betroffene melden Vorfälle aus Angst vor Konsequenzen nicht

Jede 4. Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Laut einer Umfrage von Columna V haben über zwei Drittel der Teilnehmer:innen bereits Machtmissbrauch in der Medienbranche erlebt

ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist wegen dem Vorwurf der sexuellen Belästigung zurückgetreten. Er bestreitet die Anschuldigung.

Gewaltschutzexpertinnen kritisieren, dass der Fokus der Diskussion oft auf dem Verhalten der Betroffenen liegt, statt auf Machtstrukturen

Risiken für Machtmissbrauch sind starke Machtgefälle, prekäre Arbeitsverhältnisse und ein „Geniekult“

Viele Betroffene melden Vorfälle aus Angst vor Konsequenzen nicht

Jede 4. Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Laut einer Umfrage von Columna V haben über zwei Drittel der Teilnehmer:innen bereits Machtmissbrauch in der Medienbranche erlebt

ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist wegen dem Vorwurf der sexuellen Belästigung zurückgetreten. Er bestreitet die Anschuldigung.

Dieser Artikel behandelt sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch. Der Inhalt kann belastend wirken. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

Wenn ein Stein erst einmal rollt, kann ihn wenig aufhalten. Im Fall Weißmann lässt sich das gut beobachten. Leitartikel, Statements, Diskussionsrunden. Ganz Österreich beschäftigt sich mit der Frage: Hat der ORF ein Problem mit Sexismus? Oder vielleicht sogar die ganze Branche?

Mehr für dich: Das M in Kochen steht für Mann

Die WZ hat Journalist:innen gefragt, ob sie in ihren Arbeitsverhältnissen schon einmal Machtmissbrauch, unangemessenes Verhalten oder sexuelle Belästigung erlebt haben. Innerhalb von nur 72 Stunden erreichten uns unzählige Schilderungen. Wir haben sie aufgeschrieben.

Ich habe einem Produzenten einmal erzählt, dass ich meine alte Wohnung mit meinem damaligen Freund ausmalen muss. Er hat mich gefragt, ob es so enden wird wie im Film ‚Der letzte Tango in Paris‘. Ich kannte den Film zu diesem Zeitpunkt nicht. Er meinte, ich soll einfach die ‚Butter-Scene‘ googeln. Es handelt sich um eine Szene, in der der Hauptcharakter eine Frau anal vergewaltigt und dabei Butter als Gleitmittel verwendet.

Ich habe einem Produzenten einmal erzählt, dass ich meine alte Wohnung mit meinem damaligen Freund ausmalen muss. Er hat mich gefragt, ob es so enden wird wie im Film ‚Der letzte Tango in Paris‘. Ich kannte den Film zu diesem Zeitpunkt nicht. Er meinte, ich soll einfach die ‚Butter-Scene‘ googeln. Es handelt sich um eine Szene, in der der Hauptcharakter eine Frau anal vergewaltigt und dabei Butter als Gleitmittel verwendet.

Beim Sprechtraining für’s Radio hat der Vortragende vor allen Teilnehmer:innen zu mir gesagt, dass ich ‚zu viel Sex in der Stimme habe‘ und nicht seriös klinge.

Beim Sprechtraining für’s Radio hat der Vortragende vor allen Teilnehmer:innen zu mir gesagt, dass ich ‚zu viel Sex in der Stimme habe‘ und nicht seriös klinge.

Als ich neu in der Redaktion war, bin ich an einem Schreibtisch gegenüber vom Chefredakteur gesessen. Einmal ist ein führender Manager gekommen, hat kurz mit ihm gesprochen, sich dann zu mir gedreht und gefragt, ob ich weiß, dass ich die Sorte Mädchen bin, für die ältere Männer ins Gefängnis gehen würden. Ich war knapp 18 Jahre alt. Der Chefredakteur hat dazu nichts gesagt. Auch in anderen Situationen hat der besagte Mann gerne erzählt, mit wem von seinen weiblichen Angestellten er am ehesten eine Affäre haben würde, Frauen, die er eingestellt hat, look-wise mit dem bestehenden Team verglichen und seine Fetische angedeutet. Mich hat er immer wieder Lolita genannt.

Als ich neu in der Redaktion war, bin ich an einem Schreibtisch gegenüber vom Chefredakteur gesessen. Einmal ist ein führender Manager gekommen, hat kurz mit ihm gesprochen, sich dann zu mir gedreht und gefragt, ob ich weiß, dass ich die Sorte Mädchen bin, für die ältere Männer ins Gefängnis gehen würden. Ich war knapp 18 Jahre alt. Der Chefredakteur hat dazu nichts gesagt.

Auch in anderen Situationen hat der besagte Mann gerne erzählt, mit wem von seinen weiblichen Angestellten er am ehesten eine Affäre haben würde, Frauen, die er eingestellt hat, look-wise mit dem bestehenden Team verglichen und seine Fetische angedeutet. Mich hat er immer wieder Lolita genannt.

Ich habe beobachtet, wie ein Chefredakteur einer Angestellten einen Klapps auf den Po gegeben hat. Als ich sie gefragt habe, ob eh alles ok ist, meinte sie nur, dass das normal und keine große Sache sei.

Ich habe beobachtet, wie ein Chefredakteur einer Angestellten einen Klapps auf den Po gegeben hat. Als ich sie gefragt habe, ob eh alles ok ist, meinte sie nur, dass das normal und keine große Sache sei.

Ein Kollege wollte mir schmeicheln und hat mir gesagt, dass ich im geheimen ‚Locker Room Ranking‘ der männlichen Belegschaft auf Platz 2 bin. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Praktikantin. Im gleichen Unternehmen hat mir ein Vorgesetzter mal gesagt, er könne sich im Gespräch nicht konzentrieren, weil meine Bluse zu transparent sei.

Ein Kollege wollte mir schmeicheln und hat mir gesagt, dass ich im geheimen ‚Locker Room Ranking‘ der männlichen Belegschaft auf Platz 2 bin. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Praktikantin. Im gleichen Unternehmen hat mir ein Vorgesetzter mal gesagt, er könne sich im Gespräch nicht konzentrieren, weil meine Bluse zu transparent sei.

Das Klima in meiner Arbeit hat mich teilweise so unter Druck gesetzt, dass ich mich regelmäßig am Klo übergeben habe.

Das Klima in meiner Arbeit hat mich teilweise so unter Druck gesetzt, dass ich mich regelmäßig am Klo übergeben habe.

Auf einer Firmenfeier hat sich ein betrunkener Vorgesetzter neben mich gesetzt. Wir hatten noch nie miteinander gesprochen. Noch bevor er überhaupt meinen Namen kannte, hat er seinen Arm schon um meinen Rücken gelegt und seinen Stuhl so nah wie möglich an meinen gerückt. Ich bin fast von meinem Sessel gefallen, weil ich versucht habe, wegzurutschen, ohne ihn zu auffällig abzulehnen, weil ich Angst um meinen Job hatte.

Auf einer Firmenfeier hat sich ein betrunkener Vorgesetzter neben mich gesetzt. Wir hatten noch nie miteinander gesprochen. Noch bevor er überhaupt meinen Namen kannte, hat er seinen Arm schon um meinen Rücken gelegt und seinen Stuhl so nah wie möglich an meinen gerückt. Ich bin fast von meinem Sessel gefallen, weil ich versucht habe, wegzurutschen, ohne ihn zu auffällig abzulehnen, weil ich Angst um meinen Job hatte.

Als ich 19 Jahre alt war, hat mir eine Redakteurin gesagt: ‚Du solltest dein Foto im Lebenslauf ändern, du siehst aus, als würdest du für irgendein Frauenhaft arbeiten und nicht in einem seriösen Medium.‘

Als ich 19 Jahre alt war, hat mir eine Redakteurin gesagt: ‚Du solltest dein Foto im Lebenslauf ändern, du siehst aus, als würdest du für irgendein Frauenhaft arbeiten und nicht in einem seriösen Medium.‘

Ein Journalist hat bei einer Abendveranstaltung jungen Kolleginnen auf den Hintern geschlagen und ich habe gehört, wie er gesagt hat: ‚Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich einfach draufhauen.‘

Ein Journalist hat bei einer Abendveranstaltung jungen Kolleginnen auf den Hintern geschlagen und ich habe gehört, wie er gesagt hat: ‚Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich einfach draufhauen.‘

Als ich und ein paar Kolleg:innen in der Redaktion Vorschläge und Feedback zur Themenauswahl gemacht haben, ist er laut geworden und hat gesagt: ‚Eine Redaktion ist keine Demokratie!‘

Als ich und ein paar Kolleg:innen in der Redaktion Vorschläge und Feedback zur Themenauswahl gemacht haben, ist er laut geworden und hat gesagt: ‚Eine Redaktion ist keine Demokratie!‘

Ich hatte mit Anfang 20 einen älteren Kollegen, der sich als Mentor der jungen Mitarbeiterinnen aufgespielt und uns das Gefühl gegeben hat, dass unsere Jobs als ständige Freie oder Jungredakteurinnen von ihm abhängig sind (‚Ich leg ein gutes Wort für dich ein‘, ‚ich werde dem Chefredakteur sagen, wie toll du hier mitgearbeitet hast‘). Wenn er in der Redaktion hinter dir vorbeigegangen ist, ist er ‚zufällig‘ an deinem Hintern angestreift. Als ich mehrere Kolleg:innen mit dem Auto nach Hause gefahren habe und er als letztes ausgestiegen ist, hat er mich gefragt, ob ich mit in seine Wohnung gehen möchte. Ich habe abgelehnt. Später bekam ich mehrere E-Mails von ihm mit der Tonalität ‚Du warst in letzter Zeit so gestresst, da dachte ich mir, guter Sex würde helfen‘. Ich habe lange gebraucht, bis ich meinem Ressortleiter davon erzählen konnte. Der ging mit den ausgedruckten Mails zum damaligen Chefredakteur. Passiert ist nichts.

Ich hatte mit Anfang 20 einen älteren Kollegen, der sich als Mentor der jungen Mitarbeiterinnen aufgespielt und uns das Gefühl gegeben hat, dass unsere Jobs als ständige Freie oder Jungredakteurinnen von ihm abhängig sind (‚Ich leg ein gutes Wort für dich ein‘, ‚ich werde dem Chefredakteur sagen, wie toll du hier mitgearbeitet hast‘). Wenn er in der Redaktion hinter dir vorbeigegangen ist, ist er ‚zufällig‘ an deinem Hintern angestreift. Als ich mehrere Kolleg:innen mit dem Auto nach Hause gefahren habe und er als letztes ausgestiegen ist, hat er mich gefragt, ob ich mit in seine Wohnung gehen möchte. Ich habe abgelehnt. Später bekam ich mehrere E-Mails von ihm mit der Tonalität ‚Du warst in letzter Zeit so gestresst, da dachte ich mir, guter Sex würde helfen‘. Ich habe lange gebraucht, bis ich meinem Ressortleiter davon erzählen konnte. Der ging mit den ausgedruckten Mails zum damaligen Chefredakteur. Passiert ist nichts.

Eine Bitte nach Supervision nach einem Zwischenfall in der Arbeit wurde abgelehnt mit der Argumentation, dass man als Journalistin schon was auszuhalten hätte.

Eine Bitte nach Supervision nach einem Zwischenfall in der Arbeit wurde abgelehnt mit der Argumentation, dass man als Journalistin schon was auszuhalten hätte.

Bei einem Praktikum habe ich eine Straßenumfrage gemacht, dabei ist es normal, dass man öfter die Seiten wechseln muss, einmal links von der Kamera, dann wieder rechts, damit die Interviewpartner:innen nicht immer aus der gleichen Perspektive gefilmt werden. Der Kameramann hat mir aber nicht einfach gesagt, dass wir jetzt Seiten wechseln sollten, sondern mich an der Hüfte angefasst und herumgeschoben. Ich habe ihm gesagt, dass er das lassen soll. Er hat so getan, als wäre nichts gewesen. In der Redaktion habe ich mit anderen Kolleginnen gesprochen und erfahren, dass es einige gibt, die wegen seinem Verhalten nicht mehr mit ihm arbeiten wollen.

Bei einem Praktikum habe ich eine Straßenumfrage gemacht, dabei ist es normal, dass man öfter die Seiten wechseln muss, einmal links von der Kamera, dann wieder rechts, damit die Interviewpartner:innen nicht immer aus der gleichen Perspektive gefilmt werden. Der Kameramann hat mir aber nicht einfach gesagt, dass wir jetzt Seiten wechseln sollten, sondern mich an der Hüfte angefasst und herumgeschoben. Ich habe ihm gesagt, dass er das lassen soll. Er hat so getan, als wäre nichts gewesen. In der Redaktion habe ich mit anderen Kolleginnen gesprochen und erfahren, dass es einige gibt, die wegen seinem Verhalten nicht mehr mit ihm arbeiten wollen.

Ein Redakteur hat ein Meeting mit folgenden Worten beendet: ‚Ich freu mich sehr auf dieses Projekt, ich habe noch nie mit so vielen jungen hübschen Frauen zusammengearbeitet.

Ein Redakteur hat ein Meeting mit folgenden Worten beendet: ‚Ich freu mich sehr auf dieses Projekt, ich habe noch nie mit so vielen jungen hübschen Frauen zusammengearbeitet.

Ein Vorgesetzter hat zu meinem Kollegen gesagt: ,Was machst du minderjähriges Arschloch eigentlich da!‘

Ein Vorgesetzter hat zu meinem Kollegen gesagt: ,Was machst du minderjähriges Arschloch eigentlich da!‘

Meine Vorgesetzte hat mich am Telefon so zusammengeschissen, dass ich nach dem Gespräch zitternd und weinend dasaß. Ab diesem Moment hatte ich morgens immer Panikattacken, wenn ich mit ihr zusammenarbeiten musste.

Meine Vorgesetzte hat mich am Telefon so zusammengeschissen, dass ich nach dem Gespräch zitternd und weinend dasaß. Ab diesem Moment hatte ich morgens immer Panikattacken, wenn ich mit ihr zusammenarbeiten musste.

Mein Chef hat mich gefragt, ob es Nacktbilder von mir gibt. Er hat gemeint, das sei wichtig für ihn, zu wissen, weil das Unternehmen dadurch in Schwierigkeiten kommen könnte, wenn das rauskommt. Ich war 22, er Mitte 50. Als ich mich bei meinem direkten Vorgesetzten über die unangebrachten Kommentare des Chefs beschwert habe, hat mein Vorgesetzter es direkt an ihn weitergeleitet. Daraufhin hat mir von meinem Chef gedroht, meine Karriere im Journalismus zu beenden und mich auf Verleumdung zu verklagen.

Mein Chef hat mich gefragt, ob es Nacktbilder von mir gibt. Er hat gemeint, das sei wichtig für ihn, zu wissen, weil das Unternehmen dadurch in Schwierigkeiten kommen könnte, wenn das rauskommt. Ich war 22, er Mitte 50. Als ich mich bei meinem direkten Vorgesetzten über die unangebrachten Kommentare des Chefs beschwert habe, hat mein Vorgesetzter es direkt an ihn weitergeleitet. Daraufhin hat mir von meinem Chef gedroht, meine Karriere im Journalismus zu beenden und mich auf Verleumdung zu verklagen.

Am Ende einer journalistischen Abendveranstaltung waren nur noch eine Handvoll männlicher Angestellter da. Sie haben beisammengestanden und Bier getrunken. Ich habe nebenbei aufgeräumt, als mich ein Kollege fragte, ob ich nicht auch ein Bier haben mag. Ich habe verneint und gesagt, dass ich mit dem Rad da bin und nichts trinken möchte. Darauf er: ‚Warum? Musstest du schonmal blasen… also im Straßenverkehr‘. Alle Männer um ihn herum haben gelacht. Ich bekomme immer noch Herzklopfen, wenn ich die Geschichte erzähle.

Am Ende einer journalistischen Abendveranstaltung waren nur noch eine Handvoll männlicher Angestellter da. Sie haben beisammengestanden und Bier getrunken. Ich habe nebenbei aufgeräumt, als mich ein Kollege fragte, ob ich nicht auch ein Bier haben mag. Ich habe verneint und gesagt, dass ich mit dem Rad da bin und nichts trinken möchte. Darauf er: ‚Warum? Musstest du schonmal blasen… also im Straßenverkehr‘. Alle Männer um ihn herum haben gelacht. Ich bekomme immer noch Herzklopfen, wenn ich die Geschichte erzähle.

Anfang 20 bekam ich zufällig den Kontakt eines bekannten Journalisten kurz vor der Pension, der sich anbot, mir ein paar Tipps zum Einstieg in die Branche und meinem Lebenslauf zu geben. Das zweite Treffen war dann ein Abendessen, bei dem er mich gleich fragte, ob ich mit ihm auf Urlaub fahre. Danach habe ich jeden weiteren Kontakt abgeblockt.

Anfang 20 bekam ich zufällig den Kontakt eines bekannten Journalisten kurz vor der Pension, der sich anbot, mir ein paar Tipps zum Einstieg in die Branche und meinem Lebenslauf zu geben. Das zweite Treffen war dann ein Abendessen, bei dem er mich gleich fragte, ob ich mit ihm auf Urlaub fahre. Danach habe ich jeden weiteren Kontakt abgeblockt.

Als Praktikantin hat sich ein älterer Redakteur bereiterklärt meine Reportage zu betreuen. Ich wurde nicht nur wie ein Kind und Trottel behandelt, sondern hatte kaum Mitspracherecht bei meinem eigenen Projekt und musste dazu mit misogynen und rassistischen Kommentaren dealen und Schikanen seinerseits aushalten. Einmal hat er mich vor Tür der Redaktion dermaßen zur Sau gemacht, dass ich heulen musste. Danach hat er mir verboten wieder in die Redaktion zu gehen, damit keiner sieht, dass er mich zum Weinen gebracht hat.

Als Praktikantin hat sich ein älterer Redakteur bereiterklärt meine Reportage zu betreuen. Ich wurde nicht nur wie ein Kind und Trottel behandelt, sondern hatte kaum Mitspracherecht bei meinem eigenen Projekt und musste dazu mit misogynen und rassistischen Kommentaren dealen und Schikanen seinerseits aushalten. Einmal hat er mich vor Tür der Redaktion dermaßen zur Sau gemacht, dass ich heulen musste. Danach hat er mir verboten wieder in die Redaktion zu gehen, damit keiner sieht, dass er mich zum Weinen gebracht hat.

Ich sollte statt meinem Kollegen ein Interview mit einem älteren Mann führen, weil mein Vorgesetzter meinte: ‚Einer jungen hübschen Frau erzählt der sicher mehr‘.

Ich sollte statt meinem Kollegen ein Interview mit einem älteren Mann führen, weil mein Vorgesetzter meinte: ‚Einer jungen hübschen Frau erzählt der sicher mehr‘.

Bei meinem ersten Praktikum hat mich meine Vorgesetzte angerufen und angebrüllt, dass aus mir nie eine richtige Journalistin werden wird.

Bei meinem ersten Praktikum hat mich meine Vorgesetzte angerufen und angebrüllt, dass aus mir nie eine richtige Journalistin werden wird.

Eine Führungsperson hat mir privat Geld überwiesen, um sich nach Ausrastern bei mir zu entschuldigen.

Eine Führungsperson hat mir privat Geld überwiesen, um sich nach Ausrastern bei mir zu entschuldigen.

Ich habe bei einem Praktikum von allen Seiten das Gefühl bekommen, dass ich nicht gut genug bin. Ich musste immer wieder aus der Redaktion gehen, um kurz zu weinen. Danach bin ich wieder rein und habe so getan, als wäre nichts gewesen, um nicht schwach zu wirken.

Ich habe bei einem Praktikum von allen Seiten das Gefühl bekommen, dass ich nicht gut genug bin. Ich musste immer wieder aus der Redaktion gehen, um kurz zu weinen. Danach bin ich wieder rein und habe so getan, als wäre nichts gewesen, um nicht schwach zu wirken.

Ein Vorgesetzter rezensierte meine Texte immer viel härter und aus meiner Sicht auch unfairer als die meines männlichen Kollegen. Einmal gaben wir mit vertauschten Namen ab – der Kollege gab sich als Autor meines Textes aus, ich mich als die Autorin seines Textes. Er fand den Text, unter dem mein Name stand, schlecht, und lobte meinen eigentlichen Text, von dem er glaubte, mein Kollege hätte ihn geschrieben.

Ein Vorgesetzter rezensierte meine Texte immer viel härter und aus meiner Sicht auch unfairer als die meines männlichen Kollegen. Einmal gaben wir mit vertauschten Namen ab – der Kollege gab sich als Autor meines Textes aus, ich mich als die Autorin seines Textes. Er fand den Text, unter dem mein Name stand, schlecht, und lobte meinen eigentlichen Text, von dem er glaubte, mein Kollege hätte ihn geschrieben.

Als freie Redakteurin ist mein Beitrag einmal nicht gesendet worden, weshalb ich nicht bezahlt wurde. Der Produzent hat mich zum Trost einmal ‚schick ausführen wollen‘ und die Rechnung war dann ca. so hoch, wie das Honorar, das ich nie bekommen habe.

Als freie Redakteurin ist mein Beitrag einmal nicht gesendet worden, weshalb ich nicht bezahlt wurde. Der Produzent hat mich zum Trost einmal ‚schick ausführen wollen‘ und die Rechnung war dann ca. so hoch, wie das Honorar, das ich nie bekommen habe.

Seit einer Umstrukturierung geht es mir deutlich schlechter – toxische Atmosphäre ausgehend von den Führungskräften, extrem hoher Workload, große Gehaltsgefälle. Leute haben deshalb schon gekündigt.

Seit einer Umstrukturierung geht es mir deutlich schlechter – toxische Atmosphäre ausgehend von den Führungskräften, extrem hoher Workload, große Gehaltsgefälle. Leute haben deshalb schon gekündigt.

Ich habe es einmal gewagt, etwas resoluter für einen Platz für eine meiner Geschichten zu kämpfen, indem ich halt normal auf den Vorgesetzten zugegangen bin und ihm ernst vorgetragen hab, warum die Geschichte einen Platz verdient hat. Er hat es dann für nötig befunden, mir zu sagen, dass ich mehr lächeln soll.

Ich habe es einmal gewagt, etwas resoluter für einen Platz für eine meiner Geschichten zu kämpfen, indem ich halt normal auf den Vorgesetzten zugegangen bin und ihm ernst vorgetragen hab, warum die Geschichte einen Platz verdient hat. Er hat es dann für nötig befunden, mir zu sagen, dass ich mehr lächeln soll.

Als ich unter Zeitdruck einen Text fertigstellen musste, hat ein Vorgesetzter zu mir gesagt: ‚Wenn du über Lippenstifte schreiben müsstest, würde es schneller gehen!‘ Im gleichen Unternehmen hat mich eine Führungskraft nach einem Fehler so zusammengeschrien, dass ich weinen musste. Nach dem Vorfall hat sie auf meine Aussage, dass ich sehr hart an mir arbeite, gesagt: ‚Arbeite härter!‘

Als ich unter Zeitdruck einen Text fertigstellen musste, hat ein Vorgesetzter zu mir gesagt: ‚Wenn du über Lippenstifte schreiben müsstest, würde es schneller gehen!‘ Im gleichen Unternehmen hat mich eine Führungskraft nach einem Fehler so zusammengeschrien, dass ich weinen musste. Nach dem Vorfall hat sie auf meine Aussage, dass ich sehr hart an mir arbeite, gesagt: ‚Arbeite härter!‘

Einmal drohte mir nach einer langen Recherche keine Bezahlung. Der Journalist, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, sagte, mein Teil sei nicht zu gebrauchen. Dabei verwendete er einen Großteil meiner Interviews, führte mich aber nicht als Autorin an.

Einmal drohte mir nach einer langen Recherche keine Bezahlung. Der Journalist, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, sagte, mein Teil sei nicht zu gebrauchen. Dabei verwendete er einen Großteil meiner Interviews, führte mich aber nicht als Autorin an.

Eine Kollegin und ich haben am Flur miteinander geredet als meine Vorgesetzte an uns vorbeigegangen ist und mir auf den Hintern geschlagen hat. Als ich ihr nachgerufen habe, ob sie das gerade wirklich gemacht hat, ist sie zurückgekommen und hat es nochmal getan.

Eine Kollegin und ich haben am Flur miteinander geredet als meine Vorgesetzte an uns vorbeigegangen ist und mir auf den Hintern geschlagen hat. Als ich ihr nachgerufen habe, ob sie das gerade wirklich gemacht hat, ist sie zurückgekommen und hat es nochmal getan.

Mein Chef hat mich gefragt, ob ich gut im Bett bin. Als ich mich geweigert habe, darauf zu antworten, hat er einen männlichen Kollegen im Raum gefragt, ob er auch denkt, ich sei gut im Bett.

Mein Chef hat mich gefragt, ob ich gut im Bett bin. Als ich mich geweigert habe, darauf zu antworten, hat er einen männlichen Kollegen im Raum gefragt, ob er auch denkt, ich sei gut im Bett.

Ich wurde von Kollegen und Chefs angebrüllt oder am Gang nicht mehr gegrüßt, weil ihnen Entscheidungen von mir nicht gepasst haben. Man hat mich nicht zu Sitzungen eingeladen und mir Dinge unterstellt, die nicht gestimmt haben. An viele Situationen kann ich mich heute gar nicht mehr erinnern, weil alles so belastend war, dass ich es komplett verdrängt habe.

Ich wurde von Kollegen und Chefs angebrüllt oder am Gang nicht mehr gegrüßt, weil ihnen Entscheidungen von mir nicht gepasst haben. Man hat mich nicht zu Sitzungen eingeladen und mir Dinge unterstellt, die nicht gestimmt haben. An viele Situationen kann ich mich heute gar nicht mehr erinnern, weil alles so belastend war, dass ich es komplett verdrängt habe.

Hat der Journalismus ein Machtmissbrauch-Problem?

Es ist der 8. März, Feministischer Kampftag, als Roland Weißmann mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als ORF-Generaldirektor zurücktritt. Eine Mitarbeiterin hat sich mit dem Vorwurf der mutmaßlichen sexuellen Belästigung an das Aufsichtsorgan des österreichischen Rundfunks, den Stiftungsrat, gewandt. Weißmann bestreitet ein Fehlverhalten.

Es ist nicht erste Fall dieser Art. Vor zwei Jahren berichtet der Falter von einer ORF-Managerin, die sich gegen das übergriffige Verhalten ihres Vorgesetzten zur Wehr setzte. 2021 beschäftigt Österreich die Causa Fellner, 2017 wird der damalige Chefredakteur der Wiener Zeitung nach Vorwürfen eines sexuellen Übergriffs entlassen.

„Die Themen, die sich gerade auftun, sind keine neuen. Trotzdem diskutieren wir kaum über die Strukturen, die Machtmissbrauch möglich machen, geschweige denn über die Hürden, die sich ergeben, wenn jemand eine Grenzverletzung erfährt und melden will“, sagt Sophie Rendl, Expertin für Gewaltschutz. Sie ist Teil des Vereins Columna V, der sich für eine Vertrauens- und Kompetenzstelle gegen Belästigung und Gewalt in der Medienbranche einsetzt. Der Auslöser: Öffentlich gewordene #MeToo-Fälle.

„Wenn #MeToo-Fälle auftauchen, beschäftigen wir uns als Gesellschaft als erstes mit der betroffenen Person. Und damit meine ich nicht im Sinne von Betroffenenschutz“, sagt Rendl. „Recht schnell kommt die Frage: Wie viel Mitschuld trägt sie eigentlich an ihrer Situation? Dabei müsste sie eigentlich lauten: Was hat eine Führungskraft für eine Verantwortung, wenn sie so viel Macht und Geld bekommt?“

Konkrete Daten und Zahlen, zu wie viel Machtmissbrauch und sexuellen Belästigungen es in der Medienbranche kommt, gibt es nicht. Wichtig ist hier anzumerken: Sexuelle Belästigung ist ein rechtlicher Begriff, Machtmissbrauch nicht.

Clara Schlee von der Gleichbehandlungsanwaltschaft sagt: „In der Arbeitswelt betrifft jeder vierte Diskriminierungsfall, bei dem die Gleichbehandlungsanwaltschaft unterstützt hat, sexuelle Belästigung.“ Studien zeigen, dass sich allerdings nur ein sehr kleiner Prozentsatz der betroffenen Personen rechtliche Unterstützung holt. In einer anonymen Online-Umfrage von Columna V aus dem Jahr 2023 haben rund 70 Prozent der 223 teilnehmenden Medienschaffenden angegeben, von Machtmissbrauch betroffen gewesen zu sein. Über 80 Prozent erlebten eine Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts.

„Es kommt in jedem Arbeitsumfeld zu Machtmissbrauch, unangemessenem Verhalten oder Übergriffen. Gleichzeitig sind manche Branchen, und da zählt die Medienbranche dazu, aufgrund von begünstigenden Faktoren anfälliger“, sagt Rendl. „Zu ihnen gehören unter anderem hohe Machtasymmetrien, genauso wie prekäre Arbeitsbedingungen und isolierte, stressige Arbeitszeiten. Auch der vorherrschende Geniekult und die Verbandelung von Medien mit der Politik spielen eine große Rolle.“

Gleichbehandlungsanwältin Schlee sieht das ähnlich: „Die zugrunde liegenden Dynamiken unterscheiden sich aus meiner Sicht nicht wesentlich von anderen Branchen. Es gibt überall viel zu tun und zu verbessern.“

Rechtlich wäre die Sache eigentlich geregelt. Das Strafrecht bestraft körperliche Übergriffe, das Gleichbehandlungsgesetz verbietet Verhalten mit sexuellem Bezug, das von der betroffenen Person als unerwünscht, unangemessen oder anstößig empfunden wird. „Je höher die Machtfunktion eines Menschen, desto höher ist auch die Verantwortung“, sagt Rendl.

Was muss sich also ändern? „Zentral ist, dass klar ist, wohin man sich in einem Unternehmen wenden kann, wenn man belästigt wird“, sagt Schlee, „Beschäftigte müssen außerdem schon vor der Meldung wissen, was mit ihrer Meldung passiert. Es muss geklärt sein, ob sie darauf vertrauen können, dass ihre Angaben vertraulich behandelt werden.“ Wichtig sei auch die nachträgliche Kommunikation: Welche Maßnahmen wurden gesetzt? Nicht nur gegenüber der betroffenen Person, sondern gegenüber der gesamten Belegschaft, um die Gerüchteküche nicht anzuheizen.

Funktionieren dürfte das noch nicht überall. Viele der Journalist:innen und Medienmitarbeiter:innen, die sich vertraulich an die WZ wenden, befürchten Konsequenzen, wenn sie die im Text geschilderten Situation öffentlich machen oder sich an interne Anlaufstellen wenden. Einige haben es versucht und sind dabei gescheitert. Immer hört die WZ den Satz: „Es ist vielleicht nicht so schlimm wie das, was euch andere erzählen.“

„Täterstrategien beginnen schon ganz früh, beispielsweise durch das Bagatellisieren des Vorfalls. Es heißt dann: Das war nur ein Spaß, das habe ich nicht so gemeint. Schon hier wird die Verantwortung auf betroffene Personen übertragen“, sagt Rendl.

Die WZ hat sich entschieden, die Schilderungen anonym und gesammelt zu veröffentlichen. Sie widersprechen vorherrschenden Einzelfallerzählungen, sondern zeigen ein Sittenbild.

Es ist noch viel zu tun.

Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von sexueller Belästigung oder Machtmissbrauch betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

Act4Respect: Tel.: 0670 600 70 80, online hier

Columna V: online hier

Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier

Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier

Gleichbehandlungsanwaltschaft: Tel.: 0800 206 119, online hier

Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier

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Gesprächspartner:innen

Clara Schee, Gleichbehandlungsanwältin

Journalist:innen und Medienschaffende, die anonym bleiben möchten

Sophie Rendl, Verein Columna V und Expertin für Gewaltschutz

Ende Juni 2023 führte Columna V eine anonyme Online-Umfrage mit 223 Teilnehmenden durch. Die Ergebnisse zeigten: Machtmissbrauch und Gewalt sind in der Medienbranche weit verbreitet. Über zwei Drittel der Befragten gaben an, von Machtmissbrauch betroffen gewesen zu sein. Über 80 Prozent erlebten Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität.

Jede vierte Frau in Österreich (zwischen18 und 74 Jahren), die erwerbstätig ist oder es zuvor schon einmal war, hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. (siehe Statistik Austria)

In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. 282.480 Frauen (8,7 Prozent) wurden bereits Opfer einer Vergewaltigung. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022)

Studien zeigen, dass sich nur ein sehr kleiner Prozentsatz der von Belästigung betroffenen Personen rechtliche Unterstützung holt.

Dickpics und Upskirting: Keine Bagatellen, sondern Gewalt

Das Thema in anderen Medien

Die Presse: Einsame Spitze, schweigende Mehrheit: Was tun gegen Machtmissbrauch?

Die Presse: Umgangston im ORF: „Am Gang schreit er dann ‚Heast, Oide!‘“

Falter: Die Weißmann-Chats: Er ist ihr Chef. Er will sie haben. Und lässt nicht davon ab.

Falter: #MeToo am Arbeitsplatz: Warum der ORF ein Sexismusproblem hat

profil: „Der Boys Club ist in Österreich besonders stark“

profil: Rundfunkstörungen: Ist der ORF noch zu retten?

Puls 24: Milborn Spezial: Die Causa Fellner


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