„Macht ist nie neutral“

Debatten über Machtmissbrauch fokussieren sich oft auf das Verhalten der Betroffenen statt auf Verantwortliche

Bestimmte Branchenstrukturen (harte Machtgefälle, Prekarität etc.) begünstigen Machtmissbrauch

Machtmissbrauch entsteht durch Hierarchien + Grenzüberschreitungen + fehlende Korrekturen

Machtmissbrauch ist kein rechtlicher Begriff. In manchen Fällen deckt er sich mit Tatbeständen, die man juristisch verfolgen kann

Jede vierte Frau in Österreich hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt

Studien zeigen, dass sich nur ein kleiner Teil der Betroffenen Unterstützung holt

Debatten über Machtmissbrauch fokussieren sich oft auf das Verhalten der Betroffenen statt auf Verantwortliche

Bestimmte Branchenstrukturen (harte Machtgefälle, Prekarität etc.) begünstigen Machtmissbrauch

Machtmissbrauch entsteht durch Hierarchien + Grenzüberschreitungen + fehlende Korrekturen

Machtmissbrauch ist kein rechtlicher Begriff. In manchen Fällen deckt er sich mit Tatbeständen, die man juristisch verfolgen kann

Jede vierte Frau in Österreich hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt

Studien zeigen, dass sich nur ein kleiner Teil der Betroffenen Unterstützung holt

Es ist Sonntag, der 8. März. Vormittag. Vor der Wiener Stadthalle wird gerade die Demonstration zum Weltfrauentag vorbereitet, auf Social Media gehen die ersten feministischen Statements viral und am Küniglberg trudelt der Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ein. Eine Mitarbeiterin wirft ihm sexuelle Belästigung vor. Weißmann bestreitet ein Fehlverhalten, mittlerweile hat er Anzeige gegen mehrere Personen erstattet. Seinen Posten räumt er an diesem Wochenende trotzdem.

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Die Tage darauf diskutiert Österreich über Machtmissbrauch innerhalb und außerhalb der Medienbranche. Übrigens nicht zum ersten Mal: Schon vor zwei Jahren berichtet der Falter von einem übergriffigen ORF-Manager, 2021 wird die Causa Fellner groß, 2017 entlässt die Wiener Zeitung ihren Chefredakteur nach Vorwürfen eines sexuellen Übergriffs.

Auch wir bei der WZ beginnen zu recherchieren und veröffentlichen dutzende Schilderungen von Journalist:innen, die in ihren Arbeitsverhältnissen sexuelle Belästigung und/oder Machtmissbrauch erlebt haben. Die Nachrichten, die wir erhalten, beginnen immer ähnlich: „Ist vielleicht nicht das Schlimmste, was ihr bisher gehört habt.“ „Keine Ahnung, ob das nicht zu wenig ist.“ „Es gibt sicher Heftigeres.“

Gewaltschutzexpertin Sophie Rendl sagt: „Im Gewaltschutz verwenden wir das Konzept der Gewaltpyramide. Sichtbar ist vor allem ihre Spitze, also strafrechtlich relevante Handlungen oder Vorfälle, die man benennen und rechtlich verfolgen kann. Es gibt es aber ganz viele Vorstufen, die die Basis der ganzen Pyramide bilden.“ Rendl ist Teil des Vereins Columna V, der sich für eine Vertrauens- und Kompetenzstelle gegen Belästigung und Gewalt in der Medienbranche einsetzt. Der Auslöser: Öffentlich gewordene #MeToo-Fälle. Die Schwierigkeit: Machtmissbrauch und seine Mechanismen greifbar zu machen.

Ein Kollege hat mehreren jungen Journalistinnen auf den Hintern geschlagen.

„Täter beginnen selten ganz oben bei strafrechtlich relevantem Verhalten. In den seltensten Fällen haut der unauffällige und nette Kollege plötzlich jemanden auf den Hintern. Fast immer gibt es davor schon vorbereitende Handlungen. Grenzen werden durch sie sukzessive verschoben“, sagt Rendl. Diese Grenzverschiebungen sind allerdings schwer zu erkennen und noch schwerer zu artikulieren. Ein unangemessener Witz dort, eine private Einladung zum Abendessen da. „Der Verlauf zu Übergriffen, die man tatsächlich benennen kann, funktioniert fließend.“

Über was reden wir eigentlich?

Machtmissbrauch ist kein rechtlicher Begriff. In manchen Fällen deckt er sich mit Tatbeständen, die man juristisch verfolgen kann, wie sexuelle Belästigung oder Körperverletzung, in anderen Fällen nicht.

Rendl erklärt Machtmissbrauch im WZ-Interview so: „Es braucht zum einen ein Hierarchieverhältnis, also eine machtausübende und eine machtunterworfene Person. Im Arbeitskontext wären das beispielsweise ein Chef und seine Angestellte. Zum anderen einen sogenannten Akt der Verfehlung, also ein Verhalten, das – bleiben wir beim vorherigen Szenario – die Grenzen der Angestellten verletzt oder aktiv überschreitet.“ Dieser „Akt der Verfehlung“ ist ein zentrales Element. Wenn wir von Machtmissbrauch sprechen, wird jener nämlich trotz Hinweise von außen oder der betroffenen Person selbst nicht korrigiert. „Grenzüberschreitungen können passieren. Wir alle sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, die von Ungleichheiten und struktureller Diskriminierung geprägt ist“, sagt Rendl, „der springende Punkt beim Machtmissbrauch ist, ob ich meinen Akt der Verfehlung vorsätzlich begehe oder – wenn ich darauf hingewiesen werde – erkenne und dann auch aktiv verändere. Als Führungsperson gibt es ein erhöhtes Maß an Selbstkontrolle und aktiver Wahrung von Grenzen.“

Mein Chef hat mich gefragt, ob ich gut im Bett bin.

Die Kirsche auf der Torte: Das Handeln passiert im zweckfremden Interesse. Das klingt kompliziert, bedeutet in der Praxis aber meistens einfach, dass sich die machtausübende Person von ihren Handlungen persönliche Vorteile erwartet.

Wir fassen an dieser Stelle, zugegeben etwas salopp, zusammen: Machtmissbrauch beschreibt das Ausnutzen einer Machtposition, um eigene Interessen zu verfolgen und dabei die Grenzen einer anderen Person zu verletzen.

„Das sind keine Einzelfälle“

Nun führen wir diese Debatte nicht zum ersten Mal. Wir haben in der Vergangenheit schon über Machtmissbrauch in der Kunst- und Kulturszene diskutiert, in Sport, der Politik, an Musikschulen, in Krankenhäusern. Die WZ erhält immer noch persönliche Schilderungen von unterschiedlichsten Betroffenen.

„Macht ist nie neutral“, sagt Rendl. In jedem Hierarchieverhältnis kann es zu Missbrauchsfällen kommen. Gleichzeitig sind manche Branchen aufgrund von begünstigenden Faktoren anfälliger. Zu ihnen gehören unter anderem hohe Machtasymmetrien, prekäre Arbeitsbedingungen, Geniekult, isolierte, stressige Arbeitszeiten und rein männlich besetzte Spitzenpositionen.

Bingo, Medienbranche!

Wirklich gesprochen wird darüber, wenn überhaupt, dennoch erstaunlich selten. Viele der Journalist:innen, die sich während der WZ-Recherche vertraulich an uns wenden, befürchten Konsequenzen, wenn sie ihre Erfahrungen öffentlich machen würden. Einige haben es versucht und sind daran gescheitert. Was viele ihrer Geschichten eint: Junge Frauen, am Beginn der Karriere, treffen auf männliche, deutlich ältere Vorgesetzte, die ihre Abhängigkeiten genau kennen und ausnutzen.

Ein Vorgesetzter hat mich immer wieder Lolita genannt.

„In Diskussionen über Machtmissbrauch liegt der Fokus immer auf den Betroffenen. Auf sie wird die Verantwortung übertragen. Sie müssen sich rechtfertigen, ihre Motive erklären, beantworten, warum sie sich ‚erst jetzt‘ melden. Es geht nie um die verursachenden Personen“, sagt Rendl. „Dabei müsste es doch heißen: Je größer die Machtposition, desto größer die Verantwortung zur Selbstkontrolle, Grenzsicherung und Fürsorgepflicht.“

Wenn Fälle öffentlich werden, dauert es nicht lange, bis wir irgendwo folgende Sätze lesen: Warum hat sie nicht Nein gesagt? Warum war sie nicht früher bei der Personalabteilung? Rendl betont: „Die Frage darf nicht lauten: Warum geht sie mit ihm Abendessen? Sondern: Kann sie ablehnen, ohne negative Konsequenzen zu befürchten?“

Schuldumkehr, die Bagatellisierung und Normalisierung von Grenzüberschreitungen spielen bei Machtmissbrauch eine große Rolle. Sie machen es Betroffenen schwer, die eigenen Erfahrungen einzuordnen und sich Unterstützung zu suchen.

Der gesellschaftliche Auftrag ist für Rendl klar: „Der Fokus muss weg von den einzelnen Skandalen in der Öffentlichkeit, hin zu den Strukturen. Wir müssen verstehen: Das sind keine Einzelfälle. Nur so lässt sich nachhaltig etwas verändern.“

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Gesprächspartnerinnen

Sophie Rendl, Expertin für Gewaltschutz und Verein Columna V

Roland Weißmann ist Anfang März mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als ORF-Generaldirektor zurückgetreten. Eine Mitarbeiterin hat sich mit dem Vorwurf der mutmaßlichen sexuellen Belästigung an Mitflieder des Stiftungsrat gewandt. Der Ex-ORF-Chef soll sie zu mehr als einer freundschaftlichen Beziehung gedrängt haben. Weißmann bestreitet ein Fehlverhalten. Es gilt die Unschuldsvermutung. Nach Angaben seines Anwalts hat Weißmann gegen mehrere Personen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien erstattet, um „die gesamten Vorgänge, die zu seinem Rücktritt“ geführt haben, rechtlich zu prüfen.

Das Gleichbehandlungsgesetz definiert sexuelle Belästigung als „ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten, das die Würde einer Person beeinträchtigt oder dies bezweckt und für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht oder anstößig ist.“

Unter Machtmissbrauch versteht man das Ausnutzen einer hierarchischen oder strukturellen Machtposition. Nicht jede Form des Machtmissbrauchs ist automatisch strafbar, oft überschneidet er sich jedoch mit Tatbeständen wie beispielsweise der sexuellen Belästigung oder Nötigung.

In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022) Jede vierte Frau in Österreich (zwischen 18 und 74 Jahren), die erwerbstätig ist oder es zuvor schon einmal war, hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. (siehe Statistik Austria)

Studien zeigen, dass sich nur ein kleiner Prozentsatz der betroffenen Personen rechtliche Unterstützung holt.

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