Wird Dubai fallen? |
Die Vereinigten Arabischen Emirate erleben durch den Iran-Krieg massive Veränderungen, darunter verstärkte Repression und digitale Überwachung.
Es gibt eine selektive Abwanderung von Expats und Geschäftsleuten, aber keine flächendeckende Massenflucht aus Dubai.
Expert:innen wie Andreas Krieg betonen die gestiegene Resilienz der Golfstaaten und halten eine Erholung Dubais für möglich.
Über 100 Festnahmen wegen "nicht autorisierter Informationen" in 4 Wochen
11 Todesopfer seit Beginn der Angriffe, 5-8 davon ausländische Arbeitsmigranten
Preise für Privatjets stiegen stark, Hotels melden sinkende Auslastung
Die Vereinigten Arabischen Emirate erleben durch den Iran-Krieg massive Veränderungen, darunter verstärkte Repression und digitale Überwachung.
Es gibt eine selektive Abwanderung von Expats und Geschäftsleuten, aber keine flächendeckende Massenflucht aus Dubai.
Expert:innen wie Andreas Krieg betonen die gestiegene Resilienz der Golfstaaten und halten eine Erholung Dubais für möglich.
Über 100 Festnahmen wegen "nicht autorisierter Informationen" in 4 Wochen
11 Todesopfer seit Beginn der Angriffe, 5-8 davon ausländische Arbeitsmigranten
Preise für Privatjets stiegen stark, Hotels melden sinkende Auslastung
Der Instagram-Feed von Amir* ist ein Sinnbild des „Dubai-Märchens“. Erfolg, das große Geschäft mit Immobilien, schickes Essen und natürlich die dazugehörige Skyline mit dem Burj Khalifa, dem weiterhin höchsten Wolkenkratzer der Welt. „Dubai still standing“, kommentiert der in Dubai ansässige Immobilienmakler Amir, der eigentlich aus Europa stammt, immer wieder. Außerdem achtet Amir penibel darauf, dass nichts Negatives anhand seiner Fotos nach Außen durchsickert. Doch wer genau hinsieht und die Metropole kennt, wird feststellen, wie sehr sie sich verändert hat. Die Straßen sind deutlich leerer.
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Klar ist nämlich: Seit Beginn des israelisch-amerikanischen Angriffskrieges auf den Iran ist die gesamte Golfregion nicht mehr dieselbe. Nahezu täglich schießt das Regime in Teheran Raketen auf Katar, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate. Seit Jahrzehnten ist das US-Militär mit großen Basen in der Region stationiert. Sowohl der Afghanistan- als auch der Irak-Krieg wurden von hier aus begonnen. Ohne die Partner am Golf hätte keine Militäroperation stattfinden können. Im Fall des Irans ist es heute nicht anders. Überraschend ist nur, dass das Regime derart vehement und brutal mit Raketen und Drohnen antwortet und dabei auch die einstige Verbundenheit sowie Handelspartnerschaften fallen ließ.
Influencer und Oligarchen
In den Vereinigten Arabischen Emiraten hat dieser neue Alltag massive Auswirkungen. Denn während andere Golfmetropolen im Westen weiterhin weniger bekannt sind, kennt mittlerweile nahezu jedes Kind das glitzernde Dubai, in das man vielleicht sogar auswandern wollte oder bereits ausgewandert ist. Dubai ist immerhin, wo sie alle leben und erfolgreich zu sein scheinen: Jegliche Form von Influencer:innen, Schauspieler:innen, Rapper:innen, Geschäftsleute aus der Immobilienwelt und der Kryptobranche.
Was dabei meist unterging: Die Metropole ist auch zu einem Hort der globalen Unterwelt geworden. Warlords, Oligarchen, Taliban-Führer, Mafiabosse und korrupte Politiker:innen aus aller Welt agierten in den letzten Jahren im Schatten der Wolkenkratzer, ohne für irgendetwas belangt zu werden. Es waren vor allem diese Akteur:innen, von deren Gelder man in den Emiraten durch Investments und andere Geschäfte profitierte, während die funkelnde Influencer:innenwelt auf TikTok und Co. die Oberfläche des Regimes reinwusch. Bekannt wurden viele dieser Details etwa in den Dubai Leaks aus dem Jahr 2024, die von investigativen Journalist:innen ausführlich aufbereitet wurden.
Denn wer von Regimen und Diktaturen spricht, muss auch die Vereinigten Arabischen Emirate erwähnen. Hier herrscht keine Demokratie, sondern eine Monarchie mit extrem autoritären Zügen. Die Herrscher der insgesamt sieben Emirate sind praktisch unantastbare Diktatoren. Dies gilt vor allem für Mohammed bin Zayed („MbZ“), dem Präsidenten der VAE. Er ist der Emir von Abu Dhabi, dem (öl-)reichsten und mächtigsten Emirat, und somit der primus inter pares, der Erste unter Gleichen. Bin Zayed befehligt deshalb auch die Streitkräfte des Landes und kontrolliert den gesamten Sicherheitsapparat des Landes. Die beiden Bereiche wurden in den letzten Jahren massiv aufgebaut, unter anderem mit amerikanischer Unterstützung.
Wie repressiv das Regime in den Emiraten ist, wird der breiten Weltöffentlichkeit erst seit den letzten vier Wochen bewusst: Lokale Behörden nahmen über 100 Personen verschiedenster Nationalitäten fest, weil sie Einschläge filmten, Videos teilten oder „nicht autorisierte Informationen“ verbreiteten. Bereits zuvor waren kleinere Wellen von Verhaftungen dokumentiert worden, teils wegen bloßen Weiterleitens oder sogar wegen gelöschter Inhalte. Besonders betroffen sind Tourist:innen, Expats und Influencer:innen: Allein unter britischen Staatsbürger:innen sprechen Berichte von 50 bis über 70 Festnahmen, mit möglichen Strafen von bis zu 10 Jahren Haft und hohen Geldbußen.
Parallel dazu wurde die digitale Überwachung stark verschärft. Soziale Medien werden systematisch überwacht, Widerspruch zu offiziellen Darstellungen kann strafbar sein, und die Polizei droht offen mit Haft für Posts, die „Gerüchte“ oder abweichende Informationen verbreiten. Die Folge ist eine weitreichende Selbstzensur. Influencer:innen und Bewohner:innen vermeiden es zunehmend, über Angriffe zu sprechen, oder zeigen demonstrativ inszenierte Normalität, wie sie etwa Amir auf seinem Kanal betreibt, während kritische oder authentische Inhalte rasch verschwinden. Insgesamt ergibt sich das Bild eines abrupt verschärften Informationsregimes, in dem selbst banale Dokumentation von Kriegsgeschehen kriminalisiert wird.
Was Expert:innen dazu sagen
Wie viele Menschen tatsächlich aus Dubai wegziehen, lässt sich trotz der aktuellen Lage bislang nicht eindeutig belegen. Ein Ausreisetrend bestimmter Gruppen ist dennoch spürbar. Viele Expats, Geschäftsleute sowie wohlhabende Ausländer:innen haben die VAE bereits verlassen oder bereiten ihre Abreise vor, während Unternehmen vereinzelt Mitarbeiter:innen evakuierten und Regierungen, etwa Australien, ihre Staatsbürger:innen zur Ausreise aufforderten. Gleichzeitig stiegen die Preise für Privatjets stark und Hotels meldeten eine sinkende Auslastung. Hinzu kamen Berichte über hastig zurückgelassene Haustiere – typische Indikatoren für kurzfristige Fluchtbewegungen. Allerdings handelt es sich nicht um eine flächendeckende Massenabwanderung der Gesamtbevölkerung, sondern eher um eine selektive, risikoempfindliche Mobilität jener Gruppen, die Dubai bislang wegen Stabilität und Planbarkeit angezogen hatte.
Wichtig hervorzuheben ist in diesem Kontext, dass die iranischen Angriffe auch Hotels und private Wohnhäuser treffen. Das Regime in Teheran behauptet immer wieder, dass US-Soldate:innen n auch in zivilen Einrichtungen einquartiert seien. Von den insgesamt 11 Todesopfern seit Beginn der Angriffe waren mindestens fünf bis acht der zivilen Opfer ausländische Arbeitsmigrant:innen, überwiegend aus Südasien. Konkret nennen offizielle und zusammengeführte Daten Opfer aus Pakistan, Indien, Bangladesch und Nepal.
„Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Iran und den Golfstaaten ist nachhaltig gestört, wenn nicht sogar zerbrochen“, erklärt der deutsch-iranische Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad der WZ. Er spricht von einem Schock, der weiterhin anhält. Immerhin hätten die arabischen Akteure in der Region lange versucht, zu vermitteln, und pflegten in vielerlei Hinsicht zumindest im Wirtschaftsbereich kein schlechtes Verhältnis zum Iran. Allein die VAE gehörten zum wichtigsten Importeur und stützten somit auch die iranische Wirtschaft.
Ob sich das Verhältnis in Zukunft wieder bessern wird, ist unklar. Als Grund hierfür nennt Fathollah-Nejad unter anderem die „krassen Forderungen“ Teherans. „Man verlangt von den Golfstaaten eine komplette Veränderung der Sicherheitsarchitektur sowie den gesamten Abzug aller US-Truppen. Das ist schwer realisierbar“, so Fathollah-Nejad. Er meint: Das Thema der Gründung einer „arabischen NATO“ könnte in der Region bald wieder zur Tagesordnung gehören.
Mehr Resilienz als erwartet
„Angriffe auf zivile Infrastruktur sollen das Geschäftsmodell der Golfstaaten beschädigen und diese letztlich zerstören. Man ging auch davon aus, dass im Falle eines iranischen Angriffs niemand bleiben und kämpfen würde. Stattdessen würden Millionen das Land verlassen. Das ist nicht eingetreten“, sagt Andreas Krieg, ein jahrelanger Kenner der Golfregion, der unter anderem an der School of Security Studies des King’s College London lehrt.
Laut Andreas Krieg hätten nicht nur die VAE, sondern auch die anderen Golfstaaten in den letzten Jahren mehr Resilienz aufgebaut, als ihnen von außen zugeschrieben wird. Sie seien längst nicht mehr kleine Staaten am Rande der globalen Ordnung. „Die Streitkräfte der Golfstaaten haben Disziplin und Effektivität bei der Abwehr von Drohnen- und Raketenangriffen gezeigt“, so Krieg. Er geht davon aus, dass auch Dubai sich von dem Krieg erholen werde, solange Chancen für eine diplomatische Lösung bestehen würden. Dies sei gegenwärtig weiterhin der Fall.
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Der echte Name des Immobilienmaklers Amir wurde aus Sicherheitsgründen geändert.
Mehreren Berichten zufolge haben die VAE bis zum 29. März 2026 414 ballistische Raketen, 1.914 Drohnenangriffe und 15 Marschflugkörper, die vom Iran abgefeuert wurden, abgefangen und zerstört – mithilfe ihrer aus den USA beschafften THAAD- und Patriot-Luftabwehrsysteme. Offiziellen Regierungszahlen zufolge wurden durch die iranischen Angriffe mindestens 11 Menschen getötet, darunter 3 Militärangehörige, und 178 weitere verletzt. Einige Kritiker:innen gehen von einer höheren Dunkelziffer von Opfern aus und begründen dies mit der strikten Zensur im Land.
Unter den verhafteten Expats in den VAE befinden sich besonders viele britische Staatsbürger:innen. Der Grund hierfür sind Aufnahmen iranischer Angriffe. Diese wurden teils nur gemacht, um Familienmitglieder über die eigene Sicherheit in Kenntnis zu setzen
Abseits der aktuellen Kriegsdynamik basiert die Repression in den Vereinigten Arabischen Emiraten auf einem feinmaschigen, oft wenig sichtbaren System rechtlicher Kontrolle: Weit gefasste Cybercrime-Gesetze stellen bereits Kritik, das Teilen von Inhalten oder sogar private Nachrichten unter Strafe, während sogenannte „travel bans“ Ausländer:innen ohne Vorwarnung an der Ausreise hindern können – etwa bei Schulden oder laufenden Verfahren. Anders als in vielen westlichen Rechtssystemen sind finanzielle Verbindlichkeiten wie ungedeckte Schecks strafbar und können zu Haft führen. Gleichzeitig sorgen intransparente Verfahren, eingeschränkter Zugang zu Rechtsbeistand und die selektive Anwendung von Moralgesetzen für zusätzliche Unsicherheit. Für viele Expats entsteht so ein Umfeld, in dem weniger offene Repression als vielmehr die ständige Möglichkeit rechtlicher Konsequenzen wirkt und in dem Selbstzensur zum Alltag gehört.
Dubai Leaks beziehungsweise „Dubai Unlocked“ ist ein internationales Rechercheprojekt (u. a. von Organized Crime and Corruption Reporting Project), das auf geleakten Immobiliendaten basiert und offenlegt, wie Dubai zu einem zentralen globalen Zufluchtsort für fragwürdiges Vermögen geworden ist. Die Daten zeigen, dass Politiker:innen, sanktionierte Personen, Oligarchen, mutmaßliche Kriminelle und korrupte Eliten in großem Umfang Immobilien in Dubai besitzen, oft über undurchsichtige Firmenstrukturen. Die Recherchen legen nahe, dass schwache Transparenzregeln, fehlende internationale Kooperation und ein politischer Wille zur Offenheit für Kapital dazu beitragen, dass Geldwäsche und Vermögensverschleierung erleichtert werden. Trotz punktueller Reformen bleibt Dubai damit ein Knotenpunkt für globales Kapital, bei dem Herkunft und Legalität des Geldes oft nur begrenzt überprüft werden.
Mohammed bin Zayed al Nahyan („MbZ“) hat die VAE zu einem geopolitisch einflussreichen Akteur geformt. Zugleich steht seine Herrschaft für ein System, das Stabilität mit harter Kontrolle erkauft. Investigative Recherchen, unter anderem der New York Times, verweisen auf ein engmaschiges Sicherheitsapparat, der Dissens im Inland konsequent unterdrückt, Aktivist:innen und Kritiker:innen inhaftiert und digitale Überwachung gezielt einsetzt. Außenpolitisch verfolgt MbZ eine interventionistische Linie: Die Emirate waren militärisch in Konflikte wie im Jemen verwickelt und unterstützen verschiedene Akteure in regionalen Machtkämpfen, was ihnen den Ruf eines kleinen, aber durchsetzungsstarken Machtprojekteurs eingebracht hat. Die VAE gelten auch als Mittäter im Zuge des Genozids im Sudan, wie zahlreiche Medienberichte und Recherchen verdeutlicht haben. Gleichzeitig nutzt die politische Führung wirtschaftliche Offenheit und internationales Kapital, um das Image eines modernen, stabilen Standorts zu pflegen – ein Spannungsverhältnis, das Kritiker:innen als strategisch kalkulierte Doppelrolle beschreiben: global vernetzt und liberal im Geschäftsmodell, autoritär und repressiv in der politischen Praxis.
Unter der Führung von MbZ sind die Vereinigte Arabische Emirate auch international in umstrittene Netzwerke und Einflusskampagnen verwickelt: Recherchen legen nahe, dass emiratische Akteure indirekt Kontakte zu rechten und rechtspopulistischen Parteien in Europa pflegten oder entsprechende Milieus unterstützten. Oft geschieht dies im Kontext einer aggressiven Anti-Muslimbruderschaft-Agenda. Gleichzeitig wurden über Jahre hinweg umfangreiche Lobby- und Desinformationskampagnen aufgebaut, die muslimische Organisationen oder Akteure pauschal diskreditieren und als sicherheitspolitische Bedrohung darstellen sollten. Hiervon war auch Österreich betroffen („Operation Luxor“).
Auch in den USA tauchten die Emirate im Umfeld geopolitischer Einflussnahme auf: Im Zuge der Ermittlungen rund um Jeffrey Epstein und verbundene Netzwerke wurden Verbindungen zu Geldflüssen, Lobbyarbeit und politischem Zugang diskutiert, die auf ein breiteres Muster strategischer Einflussnahme hinweisen. Insgesamt ergibt sich das Bild eines Staates, der nicht nur regional militärisch agiert, sondern auch im Westen aktiv versucht, politische Narrative, Allianzen und Wahrnehmungen in seinem Sinne zu formen.
The Times: Britons detained in Dubai ‘targeted’ in jail as war rages on
OCCRP: Dubai Unlocked
The Intercept: Lawsuit Links Wild UAE-Financed Smear Campaign to George Washington University