Wenn Internetsucht einen Pensionisten trifft |
Es ist zwei Uhr nachts. Otto (Anm.: Name von der Redaktion geändert) liegt im Bett und hält sein Smartphone in der Hand. “Nur noch ein Video!” YouTube schlägt ihm ein weiteres vor und er klickt darauf. Stunden vergehen. Schlaf kommt keiner. Otto ist 70 Jahre alt und seit seiner Pensionierung vor fünf Jahren süchtig nach dem Internet.
Digitale Abhängigkeit ist eine Sucht der Jugend, möchte man meinen mit Social Media, Gaming und endlosem Scrollen. Das Bild vom rüstigen Rentner mit dem Handy passt kaum dazu. Otto widerlegt das Klischee. Seine Sucht begann nicht in der Jugend, sondern im Ruhestand. Mit dem Ausbruch einer schweren psychischen Erkrankung seines erwachsenen Sohnes flüchtete er immer häufiger hinter den Bildschirm, um den im Kopf umherschwirrenden Sorgen und Gedanken zu entkommen.
Die WZ trifft ihn im Café Jelinek in Wien. Otto kommt vorbereitet: Mehrere Bücher liegen vor ihm auf dem Tisch, zwischen ihren Seiten stecken lauter bunte Post-its. Er wirkt freundlich und aufmerksam. „Ich habe immer gern mein Labor mit“, sagt er und lächelt. Wissen bedeutet ihm Sicherheit, Struktur und Halt. Genau dieses Bedürfnis zieht ihn zum Bildschirm hin.
Otto wuchs in Norddeutschland auf und lebt heute mit seiner Frau in Wien. Jahrzehntelang arbeitete er in der EDV, zuletzt in einem Krankenhaus. Technik begleitete ihn sein gesamtes Berufsleben lang. Vor fünf Jahren ging er in Pension. Mit dem Ende der Arbeitstätigkeit verschwand der äußere Rahmen seines Alltags. „Plötzlich war sehr viel Zeit da“, sagt Otto. Das Handy war immer griffbereit.
Besonders abends verlor er die Kontrolle. Er nahm das Smartphone mit ins Bett, öffnete YouTube oder Wikipedia und tauchte ein. „Ich habe mir gedacht: Nur noch kurz. Dann konnte ich nicht mehr........