Obdachlose: Warum es in Villach keine Notschlafstelle gibt

„Vorsicht, rutschig.“ Der handgeschriebene Zettel klebt am Eingang der Initiative Westbahnhoffnung in Villach. Minus 1 Grad hat es an diesem Dienstagvormittag, am Wochenende waren es nachts bis zu minus 16. Im Inneren der spärlich beheizten Halle am Westbahnhof füllen sich langsam die Tische mit den geblümten Plastiktischdecken. Wer hereinkommt, hofft auf ein bisschen Wärme und eine Mahlzeit.

An einem der Tische schwärmt Werner* gerade seiner Sitznachbarin von den Säulen und der Decke im Jugendstil vor. Der eloquente, gepflegt aussehende 71-Jährige sagt selbst, er sei nicht obdachlos. Er habe in Salzburg eine Wohnung sowie ein Zimmer mit Bett und Waschbecken in Klagenfurt, dort lebe er zurzeit. Im Team der Westbahnhoffnung ist seine Obdachlosigkeit ein offenes Geheimnis. Durch Zufall habe man erfahren, dass der gebürtige Wiener nirgends gemeldet ist. Jeden Tag kommt er zum Westbahnhof, in der Früh zum Frühstücken und zu Mittag. „Ich fühle mich wohl hier.“ Wohin Werner abends geht, wenn die Türen schließen, bleibt offen. Eine reguläre Notschlafstelle, an die man ihn verweisen könnte, gibt es in Villach nicht.

Zwei Tische weiter sitzt Giulio* mit einem blauen Stoffsackerl – mehr besitzt er nicht. Er ist gebürtiger Italiener, seit drei Jahren in Villach. Der Kälte in der Nacht kann er derzeit nur entkommen, weil er einen Schlafplatz in einer unversperrten Toilette in einem Haus gefunden hat. Er habe Probleme mit der Polizei, sagt der 30-Jährige.

Kürbiscremesuppe, Salat, Spaghetti mit Knoblauchsauce und eine süße Rolle stehen heute am Speiseplan. Zwölf Menschen sind zum Essen gekommen, pro Tag sind es um die 35, sagt Marjan Kac, Gründer der Westbahnhoffnung. Um Punkt 12 Uhr serviert er die Portionen gemeinsam mit Buchhalterin Rita und der jungen Mitarbeiterin Lea. Die Gäste sind alle von Armut betroffen, viele auch von Obdachlosigkeit, weiß Kac.

Zum Beispiel erzählt Lukas* mit den vom Kopf abstehenden schwarzen Haaren, dass er sich die Wohnung zurzeit gerade so leisten könne. Er sei aber auch schon obdachlos gewesen. Heute ist er „Beherberger“, in seiner kleinen Wohnung kommen immer wieder Freunde unter und bleiben länger.

Vor wenigen Wochen haben zwei Obdachlose direkt vor der Westbahnhoffnung auf Bänken übernachtet. Bis zu minus 10 Grad hatte es da in der Nacht, erinnert sich Kac. Einer der beiden gebürtigen Kärntner habe nach langem Behördenweg nun eine........

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