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Erdogan wittert einen Blankoscheck von Trump, Merz und Co.

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01.03.2026

Seit 23 Jahren regiert Recep Tayyip Erdogan die Türkei – doch selten wurde er international so umworben wie heute. Dass US-Präsident Donald Trump ihn als „harten Kerl“ und „starken Führer“ feiert, überrascht nicht. Erschreckender ist, wie bereitwillig sich nun auch Europa andient – allen voran Deutschland. Als Bundesaußenminister Johann Wadephul kürzlich in Ankara erklärte, es sei „jetzt an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen“, klang das wie eine politische Amnesie. Und wenn Bundeskanzler Friedrich Merz verspricht, man wolle den Weg der Türkei nach Europa „weiter glätten“, muss das dem türkischen Staatschef wie ein Blankoscheck vorkommen.

Während Erdogan als Sicherheitspartner gefragter ist denn je, werden die Werte, auf die sich Europa so gern beruft, in der Türkei systematisch demontiert. Die Festnahme des Investigativjournalisten Alican Uludag ist kein Einzelfall, sondern Symptom: eingeschüchterte Medien, politisierte Gerichte, eine drangsalierte Opposition. Die Türkei entfernt sich rasant von demokratischen Standards – und Europa schaut weg.

Türkei: Erdogan weiß um seinen strategischen Wert

Selbst Erdogans demonstrative Nähe zu Wladimir Putin und sein aggressives Auftreten im östlichen Mittelmeer scheinen kaum noch zu irritieren. Zu wichtig ist die Türkei als Nato-Partner, zu groß die Angst vor Instabilität. Also übt man sich in Realpolitik und redet sich ein, es gehe nicht ohne ihn.

2018 kam der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel nach zähem Ringen frei. Damals stand Erdogan unter Druck. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Die Kräfteverhältnisse haben sich radikal geändert. Erdogan weiß um seinen strategischen Wert – und nutzt ihn. Für Alican Uludag und viele andere in der Türkei ist das eine düstere Perspektive.


© Westfalenpost