Trumps Feldzug gegen den Iran könnte die perverseste aller Lehren festschreiben

Die gefährlichste Lehre aus Donald Trumps Iran-Krieg kann heute schon gezogen werden. Wer keine Atombombe hat, bleibt verwundbar. Wer eine besitzt, wird von den etablierten Nuklearmächten geschont. Das könnte das atomare Wettrennen enorm beschleunigen.

Kriegskritiker in Washington sagen, dass Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu den Iran nicht am nuklearen Durchbruch hindern wollen, weil Teheran kurz davor gewesen sei, atomare Sprengköpfe auf Träger-Raketen zu setzen. Sie wollten verhindern, dass ein Iran entsteht, gegen den sich nicht mehr konventionell Krieg führen lässt, wenn er erst die Bombe besitzt.

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USA setzen bei Atommächten auf Abschreckung statt Regimewechsel

Der Blick auf andere Fälle stützt diese Logik. Gegen Russland und China, beide Atomwaffen-Staaten, setzt Washington trotz aller Konkurrenz/Feindschaft auf Abschreckung, Eindämmung, Koexistenz.

Selbst im Fall Nordkoreas, einer hochgerüsteten Diktatur mit nuklearer Bewaffnung und despotisch-erratischer Führung, lautet die amerikanische Stoßrichtung nicht Regimewechsel, sondern Schadensbegrenzung. Der Grund ist schlicht: Die Kosten einer Entwaffnung wären unkalkulierbar hoch.

US-Haltung: Iran soll verwundbar bleiben

Darin liegt die hässliche Pointe des Iran-Kriegs. Es geht darum, ein strategisches Gefälle zu konservieren. Der Iran, der dummerweise über Jahre Ambiguität praktiziert hat, also damit prahlt, er bastele an den Zutaten für den Bau einer Atomwaffe, strebe sie aber nicht wirklich an, soll verwundbar bleiben: sanktionierbar, einschüchterbar und, siehe heute, bombardierbar. 

Besäßen die Mullahs die Bombe bereits, würde aus struktureller Unterlegenheit ein Gleichgewicht der Abschreckung. Das wollen weder Washington noch Israel.

Der von Trump kopflos losgetretene Krieg, der angeblich die Verbreitung von Atomwaffen verhindern soll, könnte nun genau das Gegenteil befördern: den politischen Entschluss, sie enorm zu beschleunigen.

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Russlands Außenminister Sergej Lawrow, gewiss kein neutraler Zeuge, hat diesen Mechanismus bereits beschrieben. Im Iran, so seine Prognose, würden nun jene radikalen Kräfte gestärkt, die den Bau der Bombe vorantreiben; nur eben noch geheimnisvoller, um der Penetrierung durch israelische und amerikanische Geheimdienste zu entgehen. Warum? Weil die USA Staaten mit Atomwaffen eben nicht angreifen. Das ist Propaganda – mit einem unangenehm harten Kern.

Weltweit, das hat gerade Rafael Grossi, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien, bestätigt, wird hinter vorgehaltener Hand nicht mehr zuerst die moralische Frage gelesen, sondern die strategische. Nicht: Ist eine Bombe legitim? Sondern: Schützt sie? 

Wer den Fall Iran studiert, kann zu dem Schluss kommen, dass nukleare Abschreckung nicht nur Prestige verschafft, sondern Überleben sichert. Das ist die toxischste Botschaft dieses Krieges.

Am deutlichsten gilt das für Saudi-Arabien. Nicht weil Riad morgen den ersten Sprengkopf zusammenschraubt. Sondern weil der politische Wille da ist. Kronprinz Mohammed bin Salman sagte schon 2018, falls Iran eine Atombombe entwickle, werde Saudi-Arabien „so schnell wie möglich nachziehen“.

Atomwaffen-Debatte: Südkorea und Japan stellen Tabus infrage

Die zweite Gefahrenzone liegt in Asien. In Südkorea wird seit Längerem ernsthaft über eigene Atomwaffen diskutiert. In Japan, wo die drei nichtnuklearen Prinzipien jahrzehntelang fast sakral waren, lockert sich das Tabu ebenfalls.

Im Nahen Osten dürften zudem die Türkei und auf längere Sicht auch Ägypten ihre strategischen Linien neu vermessen. Präsident Erdoğan sagte bereits 2019, es sei „inakzeptabel“, dass andere Staaten Nuklearwaffen besäßen, die Türkei aber nicht. Solche Sätze wirken schon in ruhigen Zeiten unerquicklich. In einer Welt, in der ein nichtnuklearer Staat unter Beschuss gerät, bekommen sie ein anderes Gewicht. 

Selbst in Europa sind solche Gedankenspiele nicht mehr fremd. Wenn wegen Trump das Vertrauen in den nuklearen amerikanischen Schutzschirm erodiert, wächst die Versuchung, über eigene nukleare Absicherungen nachzudenken. Nicht nur in Polen werden solche Debatten offener geführt als noch vor wenigen Jahren.

Atomwaffensperrvertrag droht an nationalen Ausnahmen zu scheitern

Die Gefahr liegt in einem Domino-Effekt. Die von 191 Staaten unterzeichnete Nichtverbreitungsordnung würde nicht mit einem großen Knall zerbrechen, sondern in vielen nationalen Ausnahmen, Sonderwegen und Sicherheitsklauseln. Jeder Staat hätte dann seine guten Gründe. Und das Ergebnis wäre doch überall dasselbe: mehr Misstrauen, mehr Risiko.

Wenn immer mehr Regierungen zu dem Schluss kommen, dass nur nukleare Abschreckung vor Bombardierung, Erpressung oder „regime change“ immunisiert, verliert der löchrige Atomwaffensperrvertrag endgültig seine politische Existenzberechtigung.

Trumps Iran-Krieg könnte so die perverseste aller strategischen Lehren festschreiben: Nicht Abrüstung schützt, sondern die glaubhafte Fähigkeit zur Vernichtung. Wenn sich diese Einsicht verfestigt, wird die Welt nach diesem Krieg nicht sicherer sein. Sondern atomarer, nervöser und sehr viel schwerer zu kontrollieren. Eine schlechtere Hinterlassenschaft lässt sich kaum denken.


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