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Liebe Impfmuffel, die Welt ist keine Scheibe!

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16.09.2021

Essen. Auch im Streit um Corona-Impfungen hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung, nicht auf eine eigene Wahrheit. „False balance“ ist eine Gefahr.

Thomas ist ein guter Freund von mir, den ich nunmehr seit fast 30 Jahren kenne – weshalb ich liebevoll behaupten möchte, dass er sogar ein guter alter Freund von mir ist. Seine größten Stärken sind seine Intelligenz und seine Eloquenz. Wer sich mit ihm über politische Themen streiten will, muss gut informiert sein und rhetorische Winkelzüge schnell parieren. Seit Wochen und Monaten streiten wir uns darüber, dass er sich nicht impfen lassen will. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um seine Gesundheit. Er wird sich spätestens im Winter anstecken, so viel ist klar, und ich finde, er sollte dieses Risiko nicht eingehen.

Doch auf jedes Argument antwortet Thomas mit einem Gegenargument. Komme ich mit Drosten, entgegnet er mit Streeck. Und wenn ich den Namen Lauterbach nur erwähne, wird der Disput explosiv. Angstmacher seien das, wettert er dann, Pharmalobbyisten, Freiheitsberauber. Neulich ereiferte er sich sogar über die „Systemhuren in den Medien“ – und zeigte mit dem nackten Finger auf mich. Auf meine erkennbare Empörung reagierte er zwar sofort mit einem versöhnlichen Augenzwinkern. Aber macht es eine Beleidigung nicht noch schlimmer, wenn sie der Urheber anschließend nur zum Schein ironisiert?!

Also sagte ich: „Thomas, Du hast doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ (Zwinker, zwinker!)

Unsere Freundschaft ist alt und stabil genug, dass sich anschließend der Rauch wieder legte. Für mich jedoch bleibt eine grundlegende Frage im Raum stehen: Wie kann es sein, dass selbst so schlaue Menschen wie Thomas das Offensichtliche nicht sehen? Schließlich geht es hier nicht um einen bloßen Meinungsstreit, der........

© WAZ


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