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Zwischen Purim und Pessach

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06.03.2026

Die Welt wirkt gerade wie ein Pulverfass – und erstaunlich viele Menschen stehen mit einem Streichholz daneben. Raketen über dem Nahen Osten, Drohungen über Kontinente, und irgendwo im Hintergrund läuft bereits die nächste Weltkriegsdebatte warm. Man hat manchmal das Gefühl, die Menschheit hätte ihre eigene Geschichte gelesen – und beschlossen, sie einfach noch einmal aufzuführen.

Klimaschutz-Debatte trifft auf Kriegsrealität und jüdische Erinnerungen

Dabei liegt diese Zeit im Kalender ausgerechnet zwischen zwei sehr alten jüdischen Erinnerungen. Purim erzählt davon, wie ein Volk der Vernichtung entkam. Pessach davon, wie Menschen aus der Sklaverei auszogen. Zwei Geschichten über Bedrohung und Befreiung. Die Gegenwart scheint sich gerade eher für den ersten Teil zu interessieren.

Währenddessen führen wir hier eine andere Debatte. Über Energiepreise. Über Gas, Strom und Heizungen. Über die Zumutung von Windrädern und die Ästhetik von Solardächern. Manchmal wirkt das wie ein absurdes Theaterstück. Wir trinken aus wabbeligen Strohhalmen aus Pappe, um das Klima zu retten – während andernorts Ölfelder brennen, Städte in Flammen stehen und Militärmaschinen tonnenweise Treibstoff verbrennen. CO₂-Bilanzen haben offenbar eine erstaunliche Eigenschaft: Sie enden zuverlässig an der Grenze von Kriegsgebieten.

Erneuerbare Energien bieten Stabilität fernab politischer Konflikte

Raketen fliegen nicht klimaneutral, Panzer fahren nicht elektrisch und Bomben tragen bekanntlich kein Öko-Siegel. Gleichzeitig wundern wir uns, dass Kriege die Preise für fossile Energie in die Höhe treiben. Dabei hat die Sonne eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie stellt keine Rechnung. Der Wind auch nicht. Beide interessieren sich weder für Sanktionen noch für Pipelines. Vielleicht ist ausgerechnet die Energieform am stabilsten, gegen die wir uns am hartnäckigsten wehren.

Doch das eigentliche Problem liegt vermutlich tiefer. Kriege beginnen selten mit Raketen. Sie beginnen mit Sätzen. Mit „Wir gegen die“. Mit „Jetzt reicht’s“. Mit „Das lassen wir uns nicht gefallen“. Aggression ist eine Energieform, die sich erschreckend leicht erzeugen lässt – sie braucht keine Sonne, keinen Wind, nur Angst, ein wenig Stolz und genügend Frust. Frust wiederum ist oft nichts anderes als Energie ohne Richtung. Ein sehr alter Satz sagt: Wo keine Vision ist, verwildert ein Volk.

Frieden als bewusste Entscheidung für gewaltfreie Konfliktlösung

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Tage zwischen Purim und Pessach. Bedrohung hat die Menschheit oft erlebt, Befreiung auch.

Aber Frieden ist etwas anderes. Frieden ist die Entscheidung, dass Streit nicht mit Gewalt endet. Vielleicht wäre deshalb die größte Provokation unserer Zeit gar nicht der nächste Angriff – sonde


© TLZ