Die Schwachen sehen

Kennen Sie die Geschichte, in der Jesus die Kinder segnet? Menschen bringen ihre Kinder zu ihm, doch die Jünger wollen sie wegschicken. Kinder galten damals wenig. Aber Jesus sagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ Und er segnet sie.

Jesus sieht die Schwachen.

Dass wir diese Worte heute auf Deutsch lesen können, verdanken wir auch Martin Luther. Auf der Wartburg übersetzte er das Neue Testament, damit Gottes Wort alle erreicht – nicht nur Gebildete und Mächtige, sondern auch die Einfachen.

Im Augustinerkloster Erfurt rang Luther als junger Mönch um die Frage nach einem gnädigen Gott. Dort lernte er: Gott schenkt Vertrauen, bevor er Leistung fordert.

Franz von Assisi lebte aus dieser Haltung. Er suchte die Nähe der Armen und Ausgegrenzten. Und auch die Heilige Elisabeth, die auf der Wartburg lebte, erinnert daran, dass christlicher Glaube Mut braucht, für Wahrheit und Würde einzustehen.

Und wir? Wen sehen wir heute? Das Kind, das in der Schule nicht mithalten kann. Die ältere Frau in Einsamkeit. Den Menschen ohne Wohnung. Den Fremden, der unsere Sprache noch nicht spricht.

Jesus stellt die Schwachen in die Mitte. Nicht Stärke entscheidet, sondern Vertrauen. Gottes Reich beginnt dort, wo Menschen sich nicht schämen müssen, schwach zu sein.

Vielleicht ist das die Herausforderung dieses Sonntags: hinsehen, zuhören, Würde geben. Denn Gott neigt sich den Schwachen zu.


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