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José Afonsos letzte Jahre: Portugiesische Tradition, Weltmusik und kritische Gedanken

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Es ist das letzte künstlerische Aufbäumen vor dem Schicksal. Ende Januar 1983 spielt José Afonso ein umjubeltes Konzert im Coliseu dos Recreios von Lissabon – ein Triumph, am Abend des Auftritts, als auch kurze Zeit später als Live-Album. Ein Dokument der Macht des gesungenen Worts und einer Lebensleistung.

Um Weihnachten desselben Jahres veröffentlicht der Volkssänger, der mit Spitznamen Zeca gerufen wird, „Como se Fora seu Filho“, sein vorletztes Studioalbum. Und sein Letztes, auf dem er alle Stücke selbst singt und konzipiert. Seinen Schwanengesang in Albumformat, der zwei Jahre später erscheint, kann Afonso aus eigener Kraft nicht mehr vollenden, mehrere Gastsänger bringen die letzten Lieder des an ALS erkrankten Musikers ins Ziel. Am 23. Februar 1987 erliegt Afonso der Nervenkrankheit mit 57 Jahren.

Trost und Versöhnung trotz Krankheit – Musik als Kraftquelle

Doch auf „Como se Fora seu Filho“ ist er 1983 noch einmal ganz bei sich. Die Songs verbreiten eine unfassbar tröstende Stimmung, in heiteren Momenten sogar eine lebensbejahende. Aufgenommen unter den ersten Symptomen der diagnostizierten unheilbaren Krankheit.

Die Protestnote weicht musikalisch oft einem versöhnlichen Ton, vielfach grundtief melancholisch zwar, aber nicht verbittert oder vergrämt, selbst im Angesicht des diagnostizierten Krankheitsverlaufs.

Afonso vereint portugiesische Tradition mit globalen Klängen

Lyrisch zeichnet Afonso ein anderes Bild. Er ist immer noch auf der Höhe seiner poetischen Kunst, bleibt der kritische, unbequeme Geist, der sich um die Gesellschaft, um die Zukunft seines Landes sorgt. Er singt über Zweifel des Wegs, den Portugal eingeschlagen hat, nach der Nelkenrevolution von 1974, die Afonsos Lied „Grândola, Villa Moena“ eingeleitet hat. In „Utopia“ sinniert er über eine ideale Gesellschaft. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Afonso arbeitet weiter an seiner Idee einer Grenzen verwischenden Weltmusik: Vor allem auf der zweiten Hälfte der Platte werden die Anstrengungen hörbar, das traditionelle portugiesische Liedgut mit afrikanischen und lateinamerikanischen Elementen zu verbinden, als ob es die natürlichste Sache der Welt ist. Ein Verdienst, der in den Huldigungen des Musikers oft (zu) wenig Erwähnung findet.

Afonso verbindet Stile und überrascht mit neuen Klängen

Das gut siebenminütige „Canarinho“ ist ein anschauliches Beispiel: Es ist schwer zu sagen, aus wie vielen Kulturkreisen der mantraartige Song Inspiration schöpft. Klar ist, dass hier nicht nur ein Kontinent Pate stand für die musikalischen Ideen. 

Empfohlener externer Inhalt

Und: Afonso schlägt musikalisch Haken. E-Gitarren und sogar Synthesizer sind auf der Platte zu hören, eine kleine Sensation bei dem Musiker, der sonst strikt traditionelle Instrumente bevorzugt. Einige der Songs wiederum sind in schlichten Arrangements gehalten, instrumental aufs Nötigste reduziert, wie das „Verdade e Mentira“.

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Die Stimme Afonsos bleibt auch auf dieser Platte das prägende, sanft-intensive Element. Nur in „Eu Dizia“, einem jazzigen Track – auch das ein Novum –, reicht die Kraft des stolzen Sängers nicht mehr ganz.

Das klanglich restaurierte „Como se Fora seu Filho“ gehört zu der Reihe an Wiederveröffentlichungen von Afonsos Backkatalog und wurde ebenfalls im Hamburger Soundgarden Studio gemastert.

Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor. Alle Folgen gibt es hier.


© TLZ