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Debüt von Bat for Lashes: Märchenhaft dunkle Songs

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01.03.2026

Der Nebel kriecht durch den Regen, der unermüdlich auf die Blätter prasselt – eigentlich kein Wetter für Spaziergänge oder derlei Unternehmungen. Eigentlich. Denn für Natasha Khan ist es das passende Ambiente, um die richtige Stimmung für die Aufnahme ihres Songs „Horse and I“ zu beschwören. Der Song ist der Musikerin, die sich fortan Bat for Lashes nennt, in einem nicht ganz angstfreien Traum eingefallen.

Mit ihrem Produzenten David Kosten sitzt sie in einem alten, baufälligen Herrenhaus im Wald und nimmt ihr Debüt-Album „Fur and Gold“ auf. Für den Song „Horse and I“ wählt Khan die Schlechtwetter-Variante in der muffigen Gesangskabine ab und geht mit dem Mikro nach draußen, in den Regen. Sie läuft so weit, wie das zwölf Meter lange Kabel reicht. Dann beginnt sie zu singen.

Naturgeräusche schaffen besondere Klangatmosphäre

Der Regen, der Wind, die raschelnden Blätter – die sogenannten Field Recordings im Hintergrund sind bewusst Teil der Aufnahme. Khan hat einen Plan, sie weiß, wie ihre Songs klingen sollen. Und bei diesem Track helfen die Naturgeräusche, die beabsichtigte, dezent gruselige Atmosphäre zu erzeugen.

Bei einem anderen Song verteilen Kosten und sie 30 Mikros auf einer Wiese, über die sie laut jubilierend rennt. Die Aufnahmen werden die Backing Vocals für „Bat‘s Mouth“, ebenfalls ein Lied, das auf dem Debüt-Album aus dem Jahr 2006 zu hören ist.

Bat for Lashes bekommt prominente Fans

Der Aufwand lohnt sich, am Ende hat die junge Musikerin – die eben noch als Kindergärtnerin gearbeitet hat –aus dem Stand prominente Fans wie Devandra Banhart, Pulps Jarvis Cocker oder Thom Yorke von Radiohead, in deren Vorprogramm sie zwei Jahre später spielen darf. Yorke schwärmt in einem Interview über den märchenhaften Charakter der Songs von Bat for Lashes. Er müsse beim Hören an die Geschichten der Brüder Grimm denken.

Empfohlener externer Inhalt

Diese Assoziation kommt nicht von ungefähr: Khan hat beim Schreiben der Lieder eine eigene Welt erschaffen. Sie singt über Tiere in Menschengestalt, Zauberer, Geister, über vergangene Liebe. Die in der englischen Kleinstadt Rickmansworth aufgewachsene Musikerin schöpft für ihre Inspiration aus mehreren Kulturkreisen: Ihre Mutter ist Engländerin, ihr Vater aus Pakistan. Sie wird mit Geschichten aus beiden Kulturen groß.

Khan verbindet Klangkunst mit visuellen Eindrücken

Produzent Kosten berichtet später noch immer erstaunt, dass Khan zu den Aufnahmen für jeden Song zettelweise Notizen mit Film-Referenzen, Gedichten, Zeichnungen und anderen Bildern mitgebracht habe. Die Songs, die Sounds, die Optik – ob als Musikvideos oder Bilder im Kopf – Khan denkt ihr Werk ganzheitlich. Sie hat passenderweise Musik UND Visuelle Künste studiert.

Sie kleidet ihre Geschichten mit den wundersamen Protagonisten in ein Klanggewand aus historischen Instrumenten wie Cembalo, aus gestrichenen Sägen und verbindet sie mit elektronischen Sounds. Die Single „What‘s a Girl to do“ beginnt mit einem kurzen Schlagzeugtakt, wie man ihn von den frühen Girl-Groups wie The Ronettes kennt, um nach Sekunden nur in ein Cembalo-Intro überzugehen und in einer geisterhaften Power-Ballade ihre endgültige Form zu finden.

Empfohlener externer Inhalt

Die Stimmung der Songs und die Stimme Khans erinnern an andere Größen des modernen Kunstliedes wie PJ Harvey und Björk. Doch wo es bei den beiden Granden ihres Fachs sperrig und zuweilen atonal wird, bleibt Khan im zugänglicheren Pop-Bereich – allerdings ohne ins seichte Fahrwasser zu geraten.

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Zwanzig Jahre später gibt es „Fur and Gold“ als Neuauflage auf Vinyl und als Deluxe-Edition auf Doppel-CD, fein remastered in den Abbey-Road-Studios und mit Bonus-Tracks: Sieben unveröffentlichte Demo-Songs, deren dunkle Klangwelt intensiver tönt als die ausproduzierten Tracks, und zwei nicht weniger spektakuläre Live-Aufnahmen bei der BBC.  

Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor. Alle Folgen gibt es hier.


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