David Bowies „Station to Station“: Ein Alien ordnet sein kreatives Chaos |
Es sind nur sechs Songs – verdammt wenig für ein Album. Und doch gilt „Station to Station“ als eine von David Bowies wichtigsten Platten. Der Künstler aber kann sich an die Aufnahmen nicht erinnern. Er wisse zwar, dass er das Album in Los Angeles produziert habe, gab Bowie Jahre später zu Protokoll. Jedoch nur, weil er davon gelesen habe.
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Mitte der 70er-Jahre hat Bowie seine bis dato erfolgreichste, rückblickend jedoch auch seine schwierigste Zeit. Der britische Musiker lebt in den Staaten und feiert mit seinem Blue-Eyed-Soul-Album „Young Americans“ beachtliche Erfolge, die Single „Fame“ wird sogar seine erste Nummer eins in den USA. Er spielt außerdem die Hauptrolle in dem Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“.
Bowie kämpft mit Drogen und Ehekrise
Bowie ist seit Jahren den Drogen zugetan, seit seinem Aufenthalt in den USA nimmt der Kokain-Konsum bis zur Abhängigkeit zu. Er wirkt blass und fahl, hat Paranoia, seine Erinnerung lässt ihn im Stich. Privat läuft es nicht: Seine Ehe mit Angela Barnett ist brüchig, die Scheidung wird erst 1980 vollzogen. Mit seinem Manager Tony Defries liegt er zudem im Clinch, nach einem zehrenden Streit trennt sich Bowie schließlich von DeFries und seiner Firma „MainMan“ – und verliert viel Geld.
In den USA fühlt er sich nicht mehr wohl, es zieht ihn wieder nach Europa. Nach kurzen Aufenthalten in Frankreich und der Schweiz wird er wenig später nach West-Berlin umsiedeln und dort einige seiner prägendsten, regelrecht kultisch verehrten Werke produzieren. In dieser Phase des Übergangs – er befindet sich noch in den USA – nimmt er mit „Station to Station“ ein Album auf, das diese kreative Transition, dieses Zwischen-den-Zuständen ziemlich gut abbildet.
Bowie verbindet Soul mit experimentellen Klängen
Die Songs verströmen einen entspannten Vibe, was nicht nur an der Ballade „Wild is the Wind“ liegt, ein Cover des Soundtrack-Songs von 1957. Sogar groovende Uptempo-Stücke, etwa „TVC 15“, geraten gelassen und selbstsicher. Bowie schöpft aus dem soulgetränkten Vorgängeralbum, wie mit der Single „Golden Years“, die er eigentlich für Elvis Presley geschrieben hatte, der den Song aber nie aufnehmen wird. Bowie tritt mit dem Lied dafür als einer der ersten weißen Musiker in der beliebten Show „Soul Train“ im amerikanischen TV auf,
Die ersten Versuche, musikalisch neue, experimentellere Wege zu gehen – ein Vorbote der Alben der sogenannten Berlin-Trilogie – zeitigen sich im Titelsong, der mit zehn Minuten Laufzeit für Bowies Verhältnisse ungewöhnlich lang angelegt ist. Der Track, der auch von Kraftwerk beeinflusst ist, besteht aus drei Teilen, die ursprünglich als eigenständige Lieder geplant waren und beginnt mit Geräuschen eines fahrenden Zuges.
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Der Song handelt zwar vom Reisen, aber nicht im geografischen Sinn, sondern metaphorisch. Bowie verwendet im Text Anspielungen auf esoterische Themen wie die jüdische Lehre Kabbala („One Magical Movement from Kether to Malkuth“), sein Interesse für Buddhismus, Mythologie, fürs Okkulte, es gibt Referenzen an Friedrich Nietzsche und Aleister Crowley, er thematisiert seine Sucht. Und: Er führt ein neues Alter Ego ein. Nach Major Tom und Ziggy Stardust betritt nun der Thin white Duke die Bühne.
Bowie inszeniert sich als Außerirdischer auf dem Cover
In dieser Rolle, eine Mischung aus Fritz Langs „Metropolis“-Einflüssen und seiner Rolle als Alien in „Der Mann, der vom Himmel fiel“, zeigt sich Bowie auch auf dem Plattencover. Das Bild, das für das Album in Schwarz-Weiß gewandelt wurde, stammt aus dem Film. Bowie, als Außerirdischer Thomas Jerome Newton, schaut in sein Raumschiff. Es ist ein Kunstgriff, der mit Bowies Leidenschaft fürs Weltall spielt und dem Mythos, ob der Mann mit den unterschiedlichen Pupillen nicht vielleicht doch von einem anderen Planeten stammt.
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Vor und auf der folgenden „Isolar Tour“ fällt Bowie mit angeblich sympathisierenden Aussagen und Posen zur Nazi-Zeit auf, später widerruft und dementiert er, es sei alles ein Missverständnis. Wie gesagt, es ist eine spannende und kreative Zeit für Bowie, aber auch eine komplizierte.
„Station to Station“ gibt es zum 50. Jubiläum in zwei limitierten Vinyl-Neuauflagen: Als Half-Speed gemasterte schwarze LP und als Picture-Disc mit Poster.
Wir stellen in #langenichtgehört vergessene, verkannte oder einst viel gehörte Alben vor. Alle Folgen gibt es hier.