Die offizielle Hauptstadt Deutschlands ist zwar Berlin, aber nicht wenige munkeln, dass die wirklich schockierenden Ereignisse der Republik verlässlich in Hannover stattfinden. Nur von hier aus beschäftigt Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Bundesverfassungsgericht mit Fragen rund um das Haarefärben, nur hier kommt ein ehemaliger Bundespräsident in Schwierigkeiten, wenn er die Herkunft eines seiner Fahrzeuge erklären muss. Nur hier geht es dabei aber nicht etwa um einen Bentley oder einen Maybach, sondern um ein Bobby-Car.

Auch der lokale Fußballverein hat zwar Topspieler wie Per Mertesacker oder Niklas Füllkrug hervorgebracht, kämpft aber selber beständig eher gegen den Abstieg in die dritte als um den Aufstieg in die erste Bundesliga.

Die Theater der Stadt glänzen ebenfalls vor allem durch ehemalige Mitglieder, die später anderswo Karriere machen.

Dennoch hat letzten Februar die „New York Times“ mehrfach über das hannoversche Opernhaus berichtet. Es ging allerdings nicht um eine bahnbrechende Neuinszenierung von Wagners „Ring“ oder Verdis „Aida“. Nein, es war ein 14-jähriger Dackel-Senior namens „Gustav“, der nicht nur am Hudson sondern rund um den Globus für Aufmerksamkeit sorgte. Wie konnte er das schaffen?

Der Ballettchef des Hauses, Marco Goecke, ein auch international renommierter Choreograph, traf während der Pause seiner Premiere „Glaube, Liebe Hoffnung“ auf die FAZ-Ballettkritikerin Wiebke Hüster, von der der Maestro sich schon wiederholt zu schlecht besprochen fühlte.

Was dann folgte, konterkarierte nicht nur das Motto des Abends komplett, sondern war schlicht und einfach widerlich. Goecke rieb, wie bekannt, die Journalistin mit, nun ja, „Dackel-Losung“ seines „Gustav“ ein, die er in einem Beutelchen bei sich trug. Es folgte eine etwas bizarre Pressekonferenz des Hauses, in der man mehr Zeit auf die Lobpreisung von Goeckes Verdiensten als auf die eigentliche Ächtung seiner Attacke verwandte. Der Ballettchef wurde letztendlich aber natürlich demissioniert und erhielt Hausverbot.

Es folgte zunächst die Sommerpause dieser Posse. Herr und Hund wohnten weiter in der Leine-Hauptstadt und ließen sich bei ihren Ausflügen in den Stadtwald Eilenriede nichts mehr zu Schulden kommen.

Ende August wagte sich allerdings der ruhiggestellte Tanzmeister mit einem Interview aus der Deckung, in dem er ankündigte, nach (stiller) Absprache mit der Staatsoper die Wiederaufnahme seiner Produktion „A Wilde Story“ im Hause begleiten zu wollen. Der Name dieses Stückes war hier nun wirklich Programm: der Kultusminister las das alles und pfiff augenblicklich Intendanz wie geschassten Choreographen zurück- oder wie die TAZ es prägnanter zusammenfasste: „Kackemann darf doch nicht proben“.

Nach dieser Entwicklung war erneut im wahrsten Sinne des Wortes „die Kacke am Dampfen“. Es dauerte also nicht lange, bis findige Theatermacher des Kollektivs „Wunderbaum“ (!) auf die Idee kamen, am Theater Jena ein Stück über den Umgang mit dem Haufen-Hype auf die Bretter zu bringen. Mit vier Schauspielerinnen, zwei Schauspielern und natürlich einem Dackel ist unter dem Namen „Die Hundekot-Attacke- Eine Vorstellung über Finsternis, Schönheit und Vergebung, basierend auf einer wahren Begebung“ am 26. Oktober die Premiere geplant.

Es war schon erstaunlich, dass man in Hannover selbst nicht den richtigen Riecher hatte, „Gustav“ ein prestigeträchtiges Denkmal im Theaterspielplan zu setzen. Aber vielleicht war es auch kein Zufall, dass man ausgerechnet in Jena ein gutes Näschen für einen potentiellen Erfolg hatte, über den eventuell sogar wieder die „New York Times“ berichten könnte. Mit olfaktorischen Ausnahmezuständen geht man an der Saale nämlich ohnehin schon lange eher entspannt um. Als Friedrich von Schiller dort lehrte und schrieb, soll er sehr zum Missfallen seines sozialen Umfeldes stets faulende Äpfel in seinem Schreibtisch gehortet haben, die ihn zum Schreiben inspirierten. Er hatte deshalb allerdings erst 200 Jahre später mit schlechter Presse zu kämpfen, als etwa die „Apotheker-Zeitung“ fragte: „Friedrich von Schiller – ein Schnüffler?“

QOSHE - Kacke am Dampfen - Stefan Mauß
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Kacke am Dampfen

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13.09.2023

Die offizielle Hauptstadt Deutschlands ist zwar Berlin, aber nicht wenige munkeln, dass die wirklich schockierenden Ereignisse der Republik verlässlich in Hannover stattfinden. Nur von hier aus beschäftigt Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Bundesverfassungsgericht mit Fragen rund um das Haarefärben, nur hier kommt ein ehemaliger Bundespräsident in Schwierigkeiten, wenn er die Herkunft eines seiner Fahrzeuge erklären muss. Nur hier geht es dabei aber nicht etwa um einen Bentley oder einen Maybach, sondern um ein Bobby-Car.

Auch der lokale Fußballverein hat zwar Topspieler wie Per Mertesacker oder Niklas Füllkrug hervorgebracht, kämpft aber selber beständig eher gegen den Abstieg in die dritte als um den Aufstieg in die erste Bundesliga.

Die Theater der Stadt glänzen ebenfalls vor allem durch ehemalige Mitglieder, die später anderswo Karriere machen.

Dennoch hat letzten Februar die „New York Times“ mehrfach über das hannoversche Opernhaus berichtet. Es ging allerdings nicht um eine bahnbrechende Neuinszenierung von........

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