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Entstammt der Kapitalismus dem...

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03.05.2021

Der Kapitalismus entstand im 18. Jahrhundert, obwohl es zuvor schon zarte Anfänge dieser Art des Wirtschaftens gab. Die antikapitalistische Legende verklärt die Zeit vor Beginn des Kapitalismus. Erst vor wenigen Tagen las ich etwa in Sahra Wagenknechts neuem Buch, vor dem Kapitalismus hätten die Menschen zwar in „sicherlich entbehrungsreichen“ Verhältnissen gelebt, aber sie verklärt das „viel ruhigere, naturverbundene, in verlässliche Gemeinschaften integrierte Leben“, das angeblich im Vergleich zum Kapitalismus „geradezu eine Idylle“ gewesen sei. Opfer des Kapitalismus sind demnach vor allem die Armen. Plumpe zeigt, dass es genau umgekehrt ist: „Der Kapitalismus ist und war von Anfang an stets eine Ökonomie der armen Menschen und für arme Menschen (genauer der Unterschichten)“ (S. 639).

Für die Unterschichten, so zeigt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker, war der sich durchsetzende Kapitalismus Existenzbedingung und Entfaltungsraum zugleich, beides untrennbar verbunden mit der Ausübung von Lohnarbeit, die erst Existenz und Konsum ermöglichte, ja durch die erst die Güter hergestellt wurden, deren Konsum angestrebt wurde. „Das Bild, der Kapitalismus habe eine ältere, womöglich harmonischere Welt verdrängt oder ersetzt, ist im Kern daher unzutreffend.“ (S. 161)

Die neuen Gewerbe und Industrien, die im frühen Kapitalismus entstanden, schufen kein Proletariat; sie waren vielmehr möglich, weil es eine breite, zumeist ländliche Unterbeschäftigung gab. „Die Industrie machte, so könnte man zugespitzt formulieren, aus dieser Armut erst nach und nach eine Gruppe von Menschen, die die Bezeichnung ‚Industrieproletariat’ verdient. Diese Menschen waren auch nicht die Opfer einer skrupellosen Bauernlegerei… Die Industrie half vielmehr einer großen Zahl von Menschen, der strukturellen Unterbeschäftigung und Armut zu entkommen und als Industriearbeiterschaft zu überleben.“ (S. 149 f.)

Im Gegensatz zur Kritik der Antikapitalisten waren nicht die industriellen Arbeitsbedingungen des Frühkapitalismus die primäre Ursache des Elends, sondern genau umgekehrt das Fehlen derartiger Beschäftigungsmöglichkeiten. „Strukturelle Unterbeschäftigung war bereits die Geißel des 18. Jahrhunderts gewesen; sie verschärfte sich im Zuge der Bevölkerungsvermehrung und trug… wesentlich dazu bei, dass sich im 19. Jahrhundert ein Menschenstrom zunächst von Europa nach Nordamerika, später aus den ländlichen in die sich industrialisierenden Regionen des europäischen Kontinents ergoss. Die Menschen folgten den Beschäftigungschancen, und die lagen in großer Anzahl allein in den aufblühenden Zentren des Industriekapitalismus.“ (S. 236 f).

Der Kapitalismus bedeutete für die Menschen, die in diese neuen Zentren strömten, nicht Verarmung, sondern „ein Stück Freiheit und Verbesserung, das durchweg bewusst, ja fast gierig aufgegriffen wurde. Der Kapitalismus, wenn man so will, traf auf eine arme Bevölkerung, die im Wortsinne nichts zu verlieren hatte, aber viel gewinnen konnte. Das machte die neue Art des Wirtschaftens gerade für diese Menschen so attraktiv.“ (S. 150)

Dieser Schilderung kann man nur zustimmen – und ich möchte Plumpes These noch anschaulich untermauern. Der französische Wirtschaftshistoriker Fernand Braudel hat herausgefunden, dass vor dem 18. Jahrhundert die Eigentumsverzeichnisse normaler Europäer nach ihrem Tod darauf hinwiesen, dass es „beinahe überall nur Armut gab“. So würde zum Beispiel der gesamte Besitz einer älteren Person, die ihr Arbeitsleben hinter sich hat, ungefähr so aussehen: „Ein paar alte Kleidungsstücke, ein Stuhl, ein Tisch, eine Bank, die Bretter des Betts, ein Sack gefüllt mit Stroh. Offizielle Berichte aus dem Burgund des 16. bis 18. Jahrhunderts sind voll von Hinweisen auf Menschen, die auf Stroh schlafen, ohne Bett oder andere Möbelstücke, die von den Schweinen nur durch etwas Leinen getrennt wurden.“ Im frühen 19. Jahrhundert waren die Armutsraten selbst in den damals reichsten Ländern höher, als sie es heute in den armen........

© The European


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