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Der WDR meint: „Mao...

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27.05.2021

Sie glauben das nicht? Überzeugen Sie sich selbst, hier ist der Bericht des WDR.

Die WDR-Redakteurin hält die Mao-Bibel hoch und verkündet, Mao habe schon 1956 richtig vorhergesagt, was heute eingetreten ist. Dass nur zwei Jahre später die von Mao ausgelöste größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte begann, der „Große Sprung nach vorne“, dem 45 Millionen Menschen zum Opfer fielen, weiß sie offenbar nicht. Da würde selbst Eduard Schnitzler mit seinem „Schwarzen Kanal“ blass vor Neid werden angesichts einer solchen Geschichtsklitterung:

Was Mao den Chinesen hinterließ, war bitterste Armut: Im Jahr 1981 lebten 88 Prozent der Chinesen in extremer Armut. Bis heute ist diese Quote auf unser 1 Prozent gesunken. Aber nicht weil „Mao echt Weitblick“ hatte, wie der WDR uns erzählt, sondern weil Deng Xiaoping nach der Mao-Katastrophe einen radikalen Kurswechsel einleitete. In meinem Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ habe ich die tatsächlichen Zusammenhänge ausführlich dargestellt.

Als ich 2018 in China war, sprach ich mit Professor Zhang Weiying, einem der führenden marktwirtschaftlichen Ökonomen in China. Er betonte immer wieder, dass das chinesische Wirtschaftswunder meist missverstanden werde – sowohl im Westen, aber leider auch zunehmend in China selbst. Die ökonomischen Erfolge Chinas, so betonte Zhang Weiying immer wieder, seien „nicht wegen des hohen Staatsanteils in der Wirtschaft, sondern trotz des hohen Staatsanteils in der Wirtschaft“ errungen worden. Im Westen sehen es viele Politiker und auch Unternehmer umgekehrt und glauben, China sei deshalb so erfolgreich, weil der Staat eine sehr aktive Rolle spielt. Daraus folgern sie, auch in Deutschland müsse der Staat eine weitaus aktivere Rolle spielen.

Der Erfolg Chinas ist jedoch nicht, wie oft behauptet, Beweis für die Überlegenheit eines „dritten Weges“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus, sondern einzig und allein Ergebnis der Tatsache, dass die einstmalige reine Staatswirtschaft sukzessive zurückgedrängt wurde und dem Privateigentum und den Marktkräften mehr Raum gegeben wurden. Ein historischer Rückblick auf den Beginn des Reformprozesses Ende der 70er-Jahre, ermöglicht ein Verständnis des Geschehens:

Der Historiker Frank Dikötter kommt auf Basis einer Auswertung von Analysen des chinesischen Sicherheitsdienstes sowie der umfangreichen Geheimberichte, die in den letzten Monaten des “Großen Sprungs” von Parteikomitees verfasst wurden, zu dem Ergebnis: Mindestens 45 Millionen starben in den Jahren 1958 bis 1962 einen unnötigen Tod. Die meisten verhungerten, während etwa 2,5 Millionen starben, weil sie zu Tode gefoltert oder erschlagen wurden – oder weil man ihnen gezielt jegliche Nahrung verweigerte, damit sie verhungerten. „Menschen wurden zur Tötung ausgewählt, weil sie wohlhabend waren, weil sie trödelten, weil sie ihre Meinung sagten oder weil die Person, die in der Volksküche das Essen ausgab, aus irgendeinem Grund eine Abneigung gegen sie hatte“.

Wer Kritik übte, wurde bestraft, und davon war nicht nur eine kleine Minderheit betroffen, wie etwa ein Bericht über Fengyang zeigt. Dort wurden 28.026 Menschen (über zwölf Prozent der Bevölkerung) mit körperlichen Züchtigungen oder der Kürzung der Essensrationen bestraft. 441 Menschen starben an den Folgen, 383 wurden schwer verletzt.

Der chinesische Journalist Yang Jisheng berichtete: „Der Hunger war gegen Ende schrecklicher als der Tod selbst. Die Maiskolben waren gefressen, das wilde Gemüse war gefressen, die Baumrinde war gefressen, Vogelmist, Mäuse und Ratten, Baumwolle, alles hatte man sich in den Bauch gestopft. Wo man Guanyin-Erde, eine Art fetten Lehm, fand, schob man sich bereits beim Graben dicke Klumpen in den Mund.“ Es kam immer wieder zu Kannibalismus. Zuerst wurden die Kadaver toter Tiere gegessen, doch später begannen die Dorfbewohner in ihrer Verzweiflung, Tote auszugraben, zu kochen und zu essen. Menschenfleisch wurde sogar, wie anderes Fleisch, auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Eine nach Maos Tod entstandene (und prompt verbotene) Studie über den Bezirk Fengyang in der Provinz Anhui verzeichnete allein für den Frühling 1960 63 Fälle von Kannibalismus, darunter ein Ehepaar, das seinen achtjährigen Sohn erwürgte und aufaß.

All das wollte die kommunistische Führung zunächst nicht wahrhaben. Sie wurde Opfer ihres eigenen Angstregimes. Die Kommunen meldeten sensationelle Ernteergebnisse, die das sozialistische Wunder belegen sollten. Wer realistische Zahlen meldete, bekam statt der roten eine weiße Fahne, wurde der Lüge beschuldigt und Opfer von Gewalt. In der Tat hatten sich die Bauern in den Jahren zuvor teilweise mit falschen Angaben gegen die Erhöhung der Getreideabgaben gewehrt. Aber bald schon galt jeder, der erklärte, er habe Hunger, als Feind der sozialistischen Revolution und Anhänger des Kapitalismus. Die Aussage „Ich habe Hunger“ wurde immer mehr zu einem Tabu.

Nach dem menschlichen und ökonomischen Desaster der Mao-Ära erkundeten die Chinesen in anderen Ländern, wie es dort aussah und was sie von ihnen lernen könnten. 1978 begann eine rege Reisetätigkeit führender chinesischer Politiker und Wirtschaftler. Sie unternahmen 20 Reisen in mehr als 50 Länder, um herauszufinden, was sie wirtschaftlich von ihnen lernen könnten. Unter anderem besuchten sie Japan, Thailand, Malaysia, Singapur, die USA, Kanada, Frankreich, Deutschland und die Schweiz. Bevor eine Delegation von 20 hochrangigen Politikern und Wirtschaftlern die erste Reise nach Westeuropa seit Begründung der Volksrepublik China antrat, forderte Deng Xiaoping die Mitglieder der Reisegruppe auf, so viele Fragen wie möglich zu stellen,........

© The European


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