Deutschlands fossile Versuchung: „Selber fördern“ ist keine Lösung

Link in die Zwischenablage kopieren

Deutschlands fossile Versuchung: „Selber fördern“ ist keine Lösung

16. April 2026 | Oliver Stock

Die Bundesregierung will heimische fossile Energiequellen stärker nutzen, um unabhängiger von Krisen und Kriegen zu werden. Der Plan weckt bei manchen Hoffnungen, die unerfüllbar sind.

Es ist ein Satz, der nach strategischem Aufbruch klingt und doch vor allem die Grenzen offenlegt. Nach ihrem Verhandlungswochenende hat die Bundesregierung erklärt: „Langfristig müssen wir das Energieangebot ausweiten, um die Abhängigkeit im Energiebereich zu reduzieren. Dazu gehört auch die Nutzung heimischer Energiequellen, zum Beispiel die Erschließung ausgewählter heimischer Gasvorkommen.“ Die Botschaft ist klar: mehr Eigenversorgung, mehr Kontrolle. Doch der nüchterne Blick auf Zahlen und Lagerstätten zeigt, wie begrenzt dieser Weg tatsächlich ist.

Deutschland ist ein Energieimportland und das hat sehr konkrete Gründe. Beim Erdgas etwa werden derzeit nur rund vier bis fünf Milliarden Kubikmeter jährlich gefördert, was gerade einmal fünf bis sechs Prozent des Bedarfs deckt, der bei rund 90 Milliarden Kubikmetern pro Jahr liegt. Die bekannten konventionellen Gas-Vorkommen in Deutschland liegen geografisch relativ klar konzentriert im Norddeutschen Becken. Dieses erstreckt sich von Niedersachsen über Schleswig-Holstein bis nach Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Dort lagern allerdings nur grob geschätzte 14 bis 32 Milliarden Kubikmeter. Das heimische Gas würde also nur für wenige Monate reichen.

Das Gas reicht nur für ein paar Monate

An dieser Stelle beginnt die Debatte um Fracking, also das Herauspressen von Gas aus Schiefergestein. Sie ist älter, als viele glauben. Bereits 2020 wurde ein Prüfprozess angestoßen, um die Potenziale und Risiken dieser Technologie wissenschaftlich zu untersuchen. Eine Expertenkommission begleitete Studien zu Umweltauswirkungen und Fördermöglichkeiten. Das Ergebnis ist bis heute ernüchternd: Die Datenlage bleibt begrenzt, die Risiken etwa für Grundwasser und Umwelt sind nicht weg zu diskutieren, und vor allem ist der mögliche Beitrag zur Energieversorgung überschaubar.

Zwar gibt es in Schiefergesteinen deutlich größere theoretische Gasvorkommen, im Schnitt rund 700 Milliarden Kubikmeter in Deutschland. Aber selbst das ist längst nicht genug für Deutschlands Gas-Hunger. Fracking ist damit kein Hebel für schnelle oder umfassende Unabhängigkeit, sondern allenfalls eine langfristige Ergänzung mit hohem politischen und gesellschaftlichen Streitpotenzial. Es ist kein verbotener Schatz, der nur gehoben werden müsste, sondern eine Option mit begrenztem Nutzen und erheblichen Nebenwirkungen.

Fracking stillt den Hunger nicht. Und Kohle?

Ähnlich ernüchternd ist der Blick auf das Erdöl. Die wichtigste deutsche Lagerstätte liegt in der Nordsee, das Feld Mittelplate vor Schleswig-Holstein. Dort werden jährlich rund 1,4 Millionen Tonnen Öl gefördert, die gesamten deutschen Reserven liegen bei etwa 40 Millionen Tonnen. Doch der deutsche Verbrauch beträgt rund 80 bis 90 Millionen Tonnen pro Jahr. Selbst wenn man alle bekannten Reserven heben würde, reichte das rechnerisch nicht einmal ein halbes Jahr. Tatsächlich deckt die heimische Förderung nur etwa 2 bis 3 Prozent des Bedarfs. Damit wird klar: Die oft beschworene „Energie unter der Nordsee“ ist zwar real, aber sie ist klein.

Und dann ist da noch die Kohle. Anders als bei Öl und Gas ist Deutschland hier tatsächlich reich. Braunkohle ist der einzige fossile Energieträger, der in größerem Umfang im Inland vorhanden ist. Über Jahrzehnte war sie das Rückgrat der Stromversorgung. Doch dieser Vorteil hat sich gedreht. Zwar könnte Deutschland theoretisch weiter auf Kohle setzen und so Importe reduzieren. Doch der Preis wäre hoch: steigende CO₂-Kosten, internationale Verpflichtungen und ein politisch beschlossener Ausstieg. Der Kohleverbrauch ist seit 1990 massiv gesunken, bei Braunkohle um rund 75 Prozent, bei Steinkohle um etwa 67 Prozent. Kohle ist damit weniger Zukunftsoption als Übergangsreserve, Sie ist derzeit jedenfalls ein Relikt der alten Energiewelt.

Politische Signale und alte Gräben

Vor diesem Hintergrund wirken politische Forderungen nach mehr heimischer Förderung zwar verständlich, aber überhöht. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verlangt, Deutschland müsse „alles in die Waagschale werfen, was wir an Ressourcen in unserem Land haben“. Sein Reflex ist nachvollziehbar: Wer abhängig ist, sucht Kontrolle. Doch die Zahlen zeigen, wie begrenzt diese Kontrolle wäre. Und während Teile der Politik dennoch auf mehr heimische Förderung setzen, kommt von der Linken bereits scharfer Widerspruch. Die Abgeordnete Ines Schwerdtner warnt vor „Politik für fossile Konzerne“ und lehnt Fracking grundsätzlich ab. Für sie ist die Idee, neue fossile Quellen zu erschließen, kein Ausweg, sondern eine Verlängerung des Problems. Die Frontlinien sind damit klar: Hier die Forderung nach mehr Nutzung dessen, was da ist, dort die Absage an jede neue fossile Abhängigkeit.

So verdichtet sich ein klares Bild: Deutschland kann seine fossilen Ressourcen stärker nutzen. Es kann etwas mehr Gas fördern, es kann Fracking vorantreiben, ein wenig mehr Öl aus der Nordsee holen, es kann die Kohlekraftwerke länger laufen lassen. Doch all das ändert nichts am Kern: Die Mengen sind zu klein, um die Abhängigkeit wirklich zu brechen. Grüner Strom ist wichtiger geworden und Atomstrom wäre eine weitere Option, die politisch als Tabuzone gilt.

Der Satz der Bundesregierung ist deshalb weniger eine neue Strategie als ein politisches Signal. Er zeigt den Willen, ein paar mehr Optionen offenzuhalten. Aber er ändert nicht die Realität: Deutschland kann sich eine eigene Zapfsäule bauen. Voll wird der Tank davon trotzdem nicht.


© The European