ein bisschen besser: Warum wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchn

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ein bisschen besser: Warum wir Dinge kaufen, die wir nicht brauchn

17. März 2026 | Judith Wagner und Oliver Stock

Regen, ein Flohmarkt am Rhein und eine Felljacke mit Vergangenheit. Wir shoppen, um später eine Geschichte über Glück zu erzählen

VON JUDITH WAGNER UND OLIVER STOCK

Judith und ich sind noch nicht in dem Alter, wo wir allem Materiellen abgeschworen haben. Besitz ist noch nicht Ballast geworden, und wir glauben noch nicht, dass der Heißluftballon unseres Lebens unbedingt höher steigt, wenn wir diesen Ballast über Bord werfen. Deswegen waren wir am Wochenende shoppen. 

Es hat leicht geregnet, was das Geldausgeben fördert, weil wir länger in den Geschäften verweilt sind. Sonne fördert das Geldausgeben übrigens auch, einfach weil Sonne leichtsinniger macht. Zeitlebens gehört zu diesem Erlebnis auch das kleine nagende schlechte Gewissen, das sich einstellt, wenn Du Dir etwas an sich nicht dringend Notwendiges kaufst, und Dein Konto noch dem Finanzamt etwas schuldet oder der Staubsauger auf dem letzten Loch pfeift. Auch diese Gewissen haben Judith und ich gut im Griff. „Der Wirtschaftskrise können wir aktiv nur mit Konsum begegnen“, sage ich in solchen Fällen und erkläre das Geldausgeben zur Mission.

Der Wunsch nach Dingen, die vom Glück erzählen

Mich zog es zu einem „Herrenflohmarkt“ ins Belgische Viertel von Köln, wo Männersachen in einem Atelier angeboten werden sollten. Im Nebenraum sollte es „geliebte Möbel“ geben, weswegen ich Judith, die eine Schwäche für Stühle und Sessel aller Art tief in sich trägt, zum Mitkommen überreden konnte. Auch ein paar Kinder hatten wir unter dem erzieherischen Aspekt mitgenommen, ihnen zeigen zu wollen, dass Gebrauchtes mehr Spaß macht als Neues. Der Große schaute sich um in dem Atelier, das eine Werkstatt war, in der es nach Leder und Maschinenöl roch. Zwischen den ausgebeulten Cordhosen und Uhrenketten und Stiefeln und Kopfbedeckungen, zwischen angegilbter Literatur über tollkühne Männer in fliegenden Kisten war er nach dreieinhalb Minute durch, und stellte fest: „Cool – ab 50.“ Wäre er nicht so gut erzogen, hätte er zu einem Vortrag über „Alterskultur“ angesetzt. Er kann das. Aber er schwieg. „Menschen kaufen Dinge nicht, um glücklicher zu werden, sondern um eine Geschichte über ihr Glück erzählen zu können“, hätte ich sagen können, aber fand, dass es ein bisschen besser sei, auch darüber schweigen.

Nach weiteren 55 Minuten waren auch Judith und ich soweit, hatten ein rotes Sesselchen am Ende stehen lassen, in Büchern geblättert, was immer gut aussieht, und uns für eine Umhängetasche aus Segeltuch und eine angeranzte Felljacke entschieden. Zu Hause haben wir alles verstaut und sind jetzt ein nicht messbares Stück glücklicher als vorher. Der Heißluftballon hat seine Flughöhe gehalten. Immerhin.

ein Mann auf einem Flohmarkt Foto: Judith Wagner 133 KB


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