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Scharfrichter der Nazis: Handwerker...

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23.06.2021

Johann Reichhart ist ein gehetzter Mann. Gestern noch war er in Wien, zuvor in Dresden und Berlin, nun ist er auf dem Weg nach München. Seit Jahren durchquert er mit der Bahn oder seinem Opel Blitz das Land. Ständig auf Dienstreise, im Auftrag der Gerechtigkeit. Sein Beruf: Scharfrichter. Unter seinem Fallbeil sterben gemeine Mörder, Räuber und Sexualverbrecher. Jetzt, im Jahre 1943, hat er es häufiger mit einem neuen Typus von Verurteilten zu tun: „Volksschädlinge“, „Wehrkraftzersetzer“ und „Kriegswirtschaftsverbrecher“. NS-Sondergerichte fällen Tag für Tag Todesurteile, gegen die es keinerlei Rechtsmittel gibt.

Am 22. Februar 1943 wird der Gerechtigkeit wieder freien Lauf gelassen. Reichhart erhält die Nachricht, dass er in wenigen Stunden an drei jungen Studenten ein Todesurteil zu vollstrecken habe. Nur vier Tage zuvor waren sie im Innenhof der Münchner Universität vom Hausmeister beim Verteilen von Flugblättern gegen das Hitler-Regime erwischt worden. Umgehend verständigt der Mann die Gestapo, die sie noch am selben Tag verhaftet und ins berüchtigte Gefängnis im Wittelsbacher Palais einliefert. Ihre Namen: Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst.

Die Verhandlung vor dem für Hochverrat zuständigen Volksgerichtshof findet an diesem Tag unter dem Vorsitz Roland Freislers statt. Gerade wenige Monate als Präsident im Amt, ist er aus Berlin angereist. Er will ein Exempel statuieren. Freislers Verhandlungsstil ist gefürchtet: Er brüllt die Angeklagten nieder, erniedrigt sie, verletzt alle noch halbwegs gültigen rechtlichen Grundsätze.

Nach nicht einmal dreistündiger Sitzung durchschneidet Freislers eisige Stimme die Stille des Gerichtssaals: „Die Angeklagten Sophie Scholl, Hans Scholl sowie Christoph Probst werden zum Tode verurteilt!“ Unmittelbar danach werden die drei Studenten in das zentrale Hinrichtungsgefängnis München-Stadelheim überführt, wo Scharfrichter Reichhart bereits der Auftrag zur sofortigen Vollstreckung in gewohnter Papierform vorliegt.

Als gebürtigem Bayern ist Reichhart Stadelheim von allen Arbeitsplätzen der angenehmste, seine „Heimat-Hinrichtungsstätte“, wie er sagt. Zahllose Todesurteile hat er hier vollstreckt. Die Hinrichtung dreier so junger Menschen freilich ist auch für ihn nicht alltäglich.

Als Sophie Scholl von einer Gefängniswärterin hereingeführt wird, trägt sie ein weißes Kleid. Kurz zuvor war es ihren Eltern gelungen, sie und ihren Bruder Hans noch einmal zu sprechen. Ein Abschied für immer. Sophie wirkt ruhig, den Vollzugsbeamten gegenüber ist sie freundlich. Vielleicht nehmen die Beamten deshalb das Risiko auf sich, den drei Todeskandidaten vor der Hinrichtung noch eine gemeinsame Zigarette zu überlassen.

Das Fallbeil steht in einer Holzbaracke im Gefängnishof. Reichharts Gehilfen packen die junge Sophie und legen sie auf die Richtbank. Sekunden später wird ihr Kopf vom Körper getrennt. Dann legt Hans seinen Kopf auf den Bock. Bevor das Eisen herunterschnellt, ruft er: „Es lebe die Freiheit!“ Schließlich wird das Urteil an Christoph Probst vollstreckt, junger Vater dreier Kinder, der sich vor der Hinrichtung noch taufen lässt.

Die Gehilfen säubern das Fallbeil routiniert vom Blut der Hingerichteten, danach wird........

© The European


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