We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close
Aa Aa Aa
- A +

Ein Geschichts-Report von Helmut Ortner

7 0 0
previous day

Hinrichtungen stoßen in den USA regelmäßig auf breites Interesse; große Menschenmengen versammeln sich vor den Gefängnissen, wo sie stattfinden, militante Pro-Todesstrafen-Aktivisten und brave Bürger feuern das Hinrichtungsteam lautstark an, wenn es soweit ist; Radio- und TV-Reporter berichten vor Ort. Je prominenter der Delinquent, je spektakulärer der Fall, desto größer das Spektakel. Dabei bleibt – bis auf die offiziellen Justizvertreter, die Anwälte, ausgesuchte Pressevertreter, sowie Familienangehörigen und Zeugen – die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Hinrichtung findet zwar im Namen, aber ohne die Anwesenheit des Volkes statt. Das war nicht immer so.

»Zeig der Menge meinem Kopf; es wird lange dauern, bis sie so etwas wieder sehen«, schrie Danton mit lauter Stimme auf seinem Weg zum Schafott.

Es sollte sein letzter großer Auftritt sein. Nicht nur Danton, viele Delinquenten – ob prominent oder namenlos – überließen ihre letzten Rolle nicht dem Augenblick. Sie probten, welche Worte und Gesten ihre letzten sein sollten, welchen Eindruck sie als Hauptdarsteller im Theater des Schreckens hinterlassen möchten. Nicht allen gelang dabei ein so pathetischen Auftritt wie Ludwig XV., der angesichts des nahen Todes seinem Volk zurief: “Franzosen, ihr seht euren König bereit. Bereit, für euch zu sterben. Könnte doch mein Blut euer Glück besiegeln! Ich sterbe ohne Schuld…“. Kaum dass die Worte ausgesprochen waren, war das Haupt auch schon vom Rumpf getrennt. Ein Gehilfe des Henkers Sansons nahm das gefallene Königshaupt vom Boden auf und zeigte es der Menge. Die Mehrzahl wandte sich mit Schaudern ab – aber dabei gewesen sein, das wollte man schon.

Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah am Bühnenrand zu stehen, um das blutige Ritual zu verfolgen.

Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik der Hinrichtungen konnte ihre Wirkung auf das Volk nur dann entfalten, wenn die Exekutionen öffentlich vollzogen wurden. Das blutige »Schwert des Gesetzes« musste für alle sichtbar sein. Erst dann hatte es eine beruhigende, eine reinigende Wirkung – und eine herrschaftssichernde. »Aufgeklärtes Töten« statt blutrünstige Exzesse – dafür stand die Guillotine. »Sie lässt«, wie der Historiker Daniel Arasse schreibt, »die Rechtsprechung des Volkes eine vernünftige Form annehmen mittels des Instrumentes, welches die Vernunft erdacht hat«. Keine Frage: sie war kühl, sachlich, rational und stand damit auch für die Würde der neuen Ordnung.

Das Schafott: Ort des Frohsinns und Vergnügens

Diese Würde erforderte es, dass die Todeskandidaten ihre Rolle in diesem finalen Schauspiel annahmen. Die einen präsentierten den furchtlosen Abgang, andere schworen ewige Rache, wieder andere entschieden sich für den provokanten, lakonischen oder rebellischen Auftritt. Als Jean-Sylvain Bailly, der alte Bürgermeister von Paris, am 12. November 1793 auf das Schafott geführt wird, rief ein Zuschauer, »Bailly, Du zitterst ja wie Espenlaub…«. Der erwiderte, » Ja, es ist sehr kalt« – und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Das Volk drängte zu den öffentlichen Hinrichtungen – es war ein Spektakel der besonderen Art: es wusste nie genau, was es erwartet. Vielleicht war es genau dieses Unvorhersehbare, was der Dramaturgie des Ereignisses eine besondere Faszination verlieh. In Paris verteilte man bereits Tage zuvor lange Listen, auf denen man entnehmen kann, wer wann enthauptet wurde. Nicht nur das: es gab organsierte Touren zu den Hinrichtungsstätten, die besten Plätze rund um das Schafott waren begeht und dementsprechend nur für die wichtigen Bürger reserviert; einige Restaurants in der Nähe der Place de la Republique boten besondere Menüs an – kurzum, die Guillotine war nun einmal die größte Touristenattraktion der Stadt, alle Fremden wollten sie sehen, wollten dabei sein, wenn ihre scharfen Eisen auf das Haupt eines Delinquenten herunterfiel.

In seinem Roman Les Miserables schreibt Victor Hugo: »Das Schafott ist nicht nur ein bloßer Rahmen, das Schafott ist keine Maschine, das Schafott ist kein Träger Teil eines Mechanismus, gefertigt aus Holz, Eisen und Stricken. Es scheint eine Art Wesen zu sein, das gewisse dunkle Ursprünge hat, von denen wir keine Vorstellung haben können; man könnte sagen, dass dieser Rahmen sieht, das diese Maschine versteht, dass dieser Mechanismus begreift; das dieses Holz, dies Eisen und diese Stricke einen Willen haben«.

Freilich: nicht nur in Zeiten der Französischen Revolution gab es genügend Menschen, die angezogen vom blutigen Spektakel staatlich verordneten Grausamkeiten, keine Vorstellung im öffentlich zugänglichen Theater des Schreckens versäumen wollten. Die Hinrichtung als Attraktion, die unmittelbare Erfahrung von........

© The European


Get it on Google Play