Wenn Macht das Recht ersetzt

10. Januar 2026 | Burghard Jepsen

Erdöl, Gold, KI und Trägerkampfgruppen – zur Geopolitik einer Ordnung mit zwei Gesichtern. Eine Debatte über das Spannungsverhältnis von Macht und Recht zwischen Burghard Jepsen und Jörg Nackmayr

Unsern Autoren Burghard Jepsen und Jörg-Dietrich Nackmayr ziehen unterschiedliche Folgerungen aus der aktuellen Geopolitik. Die Position von Nackmayr finden Sie hier.

VON BURGHARD JEPSEN

Internationale Politik lebt von Erzählungen. Offiziell geht es um Demokratie, Sicherheit oder Rechtsdurchsetzung. Inoffiziell jedoch oft um etwas sehr viel Konkreteres: Rohstoffe, Einfluss und die Fähigkeit, Macht sichtbar zu machen. Kaum ein aktuelles Beispiel illustriert diese Diskrepanz deutlicher als das Vorgehen der Vereinigte Staaten gegenüber Venezuela – nicht als isolierter Vorgang, sondern als Teil eines größeren Musters.

Dabei ist die politische Bewertung von Nicolás Maduro nicht der Kern der Debatte. Seine Regierung gilt als autoritär, seine Legitimation ist umstritten. Doch selbst ein umstrittener Präsident rechtfertigt keinen Bruch des Völkerrechts, keine Entführung, keine militärische Überwältigung eines souveränen Staates. Genau hier verläuft die Grenze zwischen Recht und Macht.

Nach internationalem Recht ist die Sache eindeutig: Nur das venezolanische Volk entscheidet über seine politische Zukunft. Nicht Washington. Nicht fremde Militärs. Nicht geopolitische Bündnisse.

Der historische Vergleich mit der ehemaligen DDR zeigt, dass Wandel von innen möglich ist. Der Umbruch entstand durch gesellschaftlichen Druck, nicht durch Bomben oder ausländische Truppen – trotz sowjetischer Panzer in Bereitschaft. Legitimität entsteht durch Selbstermächtigung, nicht durch Intervention.

Venezuela bleibt strategisch, weil es über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt verfügt. Dass es sich überwiegend um schweres Rohöl handelt, ändert nichts an seiner geopolitischen Bedeutung. Energie bedeutet Einfluss: auf Märkte, Allianzen und politische Abhängigkeiten. Wer über Venezuela spricht, ohne Erdöl mitzudenken, beschreibt nicht Politik – sondern Kulisse.

Die strategische Bedeutung venezolanischer Rohstoffe erhält zusätzliches Gewicht durch die finanzielle Lage der Vereinigten Staaten. Die USA tragen inzwischen eine Staatsverschuldung von über 30 Billionen US-Dollar, mit einer jährlich steigenden Zinslast, die perspektivisch in die Größenordnung von einer Billion Dollar pro Jahr reicht. In einem solchen Umfeld gewinnen reale, physische Vermögenswerte gegenüber kreditbasierten Versprechen zwangsläufig an Bedeutung.

Sie fungieren als Vertrauensanker in einem globalen Finanzsystem, dessen Leitwährung zunehmend unter Druck steht. Staaten mit Zugang zu solchen........

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