KI und unsere Denkfallen: Was die Parfümindustrie von Bierbrauern lernen kann |
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KI und unsere Denkfallen: Was die Parfümindustrie von Bierbrauern lernen kann
08. März 2026 | Burghard Jepsen
Wenn in der Personalpolitik immer auf die vermeintlich sichere Lösung gesetzt wird, entsteht ein System, das sich selbst reproduziert - aber für Innovationen keinen Platz lässt
Es gibt Branchen, die wirken von außen glamourös – und sind von innen erstaunlich abgeschottet. Die Parfümeriebranche gehört dazu. Über viele Jahre funktionierte der Markt in Deutschland nach einem System, das in dieser Form in anderen europäischen Ländern kaum existierte: sogenannte Depotverträge. Große Marken wie Chanel oder Dior konnten bestimmen, welche Parfümerien ihre Produkte überhaupt verkaufen durften. Kriterien waren nicht nur Umsatz oder Professionalität, sondern auch Standort und Umfeld. Befand sich neben einer Parfümerie etwa ein Burgerladen oder ein Billiggeschäft, konnte das bereits ein Ausschlussgrund sein.
Dieses System sollte die Exklusivität der Marken schützen. In der Praxis führte es aber auch zu etwas anderem: zu einem stark abgeschotteten Markt. Wer einmal Teil dieser Branche war, blieb meist darin – und wer außerhalb stand, kam kaum hinein.
Das zeigte sich besonders deutlich in den Führungsetagen. Marketingleiter wechselten häufig von Marke zu Marke – von L’Oréal zu Coty, von Estée Lauder zu Lancôme, von Lancôme zu Dior. Die Lebensläufe ähnelten sich oft erstaunlich stark: ähnliche Studiengänge, ähnliche Karrierewege, ähnliche Denkweisen. Man könnte sagen: Die Branche reproduzierte sich selbst.
Das Problem solcher Strukturen ist nicht mangelnde Kompetenz. Im Gegenteil: Die Expertise innerhalb dieser Netzwerke ist enorm. Doch gerade diese Kompetenz kann zu einer strukturellen Falle werden. Denn wer jahrzehntelang innerhalb derselben Branche arbeitet, übernimmt automatisch auch ihre unausgesprochenen Regeln.
„So macht man das bei uns nicht.“ - „Das funktioniert in dieser Branche nicht.“ - „Das haben wir schon einmal ausprobiert.“ Solche Sätze hört man in geschlossenen Industrien häufiger, als man denkt. Interessant wird es immer dann, wenn jemand von außen hineinkommt. Jemand, der diese Regeln gar nicht kennt – und deshalb auch keinen Grund sieht, sie zu akzeptieren.
Ein Beispiel dafür habe ich selbst erlebt. In einer großen Parfümeriekette wurde einmal ein neuer Marketingleiter eingestellt, der ursprünglich aus einer völlig anderen Branche kam: aus einer Brauerei. Der Geschäftsführer der Kette wusste sehr genau, was er tat, als er diese Entscheidung traf. Er hatte bewusst jemanden gesucht, der nicht aus der klassischen Parfümeriebranche kam und damit neue Perspektiven mitbrachte. Manchmal beginnt Innovation nicht mit einer neuen Idee, sondern mit einer ungewöhnlichen Personalentscheidung.
Die Kraft des unverstellten Blicks
Der neue Marketingleiter brachte dementsprechend einen unverstellten Blick auf das Geschäft mit. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer entwickelte er neue Ideen, die es in dieser Branche zuvor noch gar nicht gegeben hatte. Dennoch stellte er nicht alles auf den Kopf. Viele der bestehenden Marketingmaßnahmen, die sich über Jahre aufgebaut hatten, führte er weiter.........