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Wir erleben nicht 1932 – sondern ein erneutes 1096

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01.10.2026

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Wir erleben nicht 1932 – sondern ein erneutes 1096

01. Oktober 2026 | Avraham Shmulevich

Juden müssen in etlichen deutschen Stadtteilen überlegen, ob sie auf der Straße die Kippa tragen. Das wird verglichen mit dem Vorabend des Nationalsozialismus. Aber es ähnelt eher der Relativierung staatlicher Macht im Mittelalter

VON AVRAHAM SHMULEVICH

Es gibt Dinge, die so vertraut werden, dass wir aufhören, ihre Ungeheuerlichkeit wahrzunehmen.

Ein Polizeiwagen vor einer Synagoge in Deutschland ist längst Teil des Stadtbildes geworden. Betonbarrieren, Kameras, Wachschutz, verschlossene Türen. Eine jüdische Schule innerhalb eines geschützten Perimeters. Ein Mensch, der vor dem Hinausgehen entscheidet, ob er die Kippa auf dem Kopf lässt oder sie in die Tasche steckt.

Ich kenne Menschen, die die Kippa abnehmen und einen Anhänger mit dem Davidstern verstecken, wenn sie auf die Straße gehen, die sich zuerst umsehen und erst danach entscheiden, ob sie Hebräisch sprechen können. Ich kenne Israelis, die auf eine Reise nach Deutschland verzichtet und andere Länder gewählt haben, gerade weil sie nicht über ihre eigene Sicherheit nachdenken wollten. Ich weiß, welche Warnungen Israelis erhalten, wenn sie nach Westeuropa reisen. Ich kenne europäische Juden, die nach Israel ziehen, und höre, wie sie ihren Alltag im Land des Exodus beschreiben.

Von einigen von ihnen habe ich gehört, dass heute in Deutschland, ja in ganz Westeuropa, das Jahr 1932 sei, genau so empfinden sie ihre Sicherheit.

Mir persönlich scheint, dass sie sich beim Vergleich der Epochen irren. Aber ich verstehe, was sie fühlen, wie ein Jude in Deutschland die Situation empfindet, ich verstehe, wie deutsche Juden damit leben.

Ich würde gern verstehen, wie die nicht-jüdischen Deutschen in Deutschland damit leben. Ich weiß, warum ein Jude die Kippa abnimmt. Mich interessiert der Deutsche, der sieht, wie ein Jude sie abnimmt.

Wie ist es, in einem Land zu leben, in dem der Staat die Religionsfreiheit garantiert, aber zur Verwirklichung dieser Freiheit gezwungen ist, einen bewaffneten Polizisten vor die Tür einer Synagoge zu stellen?

Wie ist es, jeden Tag an diesem Polizisten vorbeizugehen und nach einiger Zeit aufzuhören, ihn wahrzunehmen?

Und was genau ist mit Deutschland geschehen, wenn eines der mächtigsten, reichsten, am besten organisierten und am stärksten regulierten Länder Europas nicht nur gezwungen ist, seine jüdischen Bürger ständig vor Gewalt zu schützen, sondern dies zuverlässig nur innerhalb einer befestigten Insel der Sicherheit tun kann?

Zwei Geschichten aus der Geschichte

Ich möchte zwei Geschichten erzählen.

Erstens: In der Nacht vom 5. auf den 6. September 1939, wenige Tage nach Beginn des deutschen Einmarsches in Polen, erschossen in der Kleinstadt Krasnosielc Angehörige der SS-Panzer-Division "Kempf" unter dem Kommando eines SS-Sturmmanns aus dem Artillerieregiment der Division Kempf und eines Angehörigen der deutschen Feldpolizei 50 Juden.

Bereits am 6. September, am Tag nach dem Mord, wurden die Hauptschuldigen von einem Feldgericht abgeurteilt. Der SS-Mann erhielt drei Jahre Haft, der Polizist neun Jahre Zuchthaus. Die Staatsanwaltschaft forderte die Todesstrafe. Der Befehlshaber der 3. Armee hielt die........

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