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Vom Ehebonus zum Familienbonus: Warum das Splitting Kinder fördern sollte

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01.04.2026

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Vom Ehebonus zum Familienbonus: Warum das Splitting Kinder fördern sollte

01. April 2026 | Ansgar Graw

SPD-Co-Chef Lars Klingbeil will das Ehegattensplitting abschaffen – und verspricht mehr Gleichstellung. Doch Ergebnis wird eine massive Steuermehrbelastung sein. Sinnvoll wäre eine Reform, die gezielt Familien mit Kindern stärkt

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil fordert eine Abschaffung des Ehegattensplittings für künftige Ehen und verkauft diese Maßnahme als Reformvorschlag zur Stärkung der Berufstätigkeit von Frauen. Das aktuelle System halte Frauen "in der Teilzeitfalle", so Klingbeil, und beschere ihnen im Alter geringere Renten.

Das klingt nach hehren Motiven – doch tatsächlich kaschiert der SPD-Co-Vorsitzende lediglich eine gewaltige Steuererhöhung: Laut dem in Köln ansässigen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hätten im vorigen Jahr Haushalte, die den aktuellen Steuervorteil nutzten, ohne Ehegattensplitting 25 Milliarden Euro mehr Steuern gezahlt. 

Nach den Zahlen des Instituts wären bei einem Alleinverdiener, der 100.000 Euro im Jahr verdient, nach einem Wegfall des Splittingvorteils 4.582 Euro mehr Steuern fällig. Verdient der eine Ehepartner 100.000 Euro und der andere 25.000 Euro, eine nicht untypische Konstellation für eine Familie mit Kindern, läge die jährliche Zusatzbelastung immer noch bei 1644 Euro - für nahezu jede Familie eine echte Bürde. Bei einem Einkommen von 50.000 und dem anderen von 25.000 Euro oder zwei Einkommen von identischen 40.000 Euro gäbe es hingegen laut IW keinen steuerlichen Nachteil.

Eine Reform, die nach Strafe schmeckt

Es gibt Argumente für eine Reform des Ehegattensplittings, und der fehlende Anreiz zur Aufnahme eines Berufes für potentielle Minderverdiener gehört dazu. Aber Klingbeils Forderung schmeckt nach Strafe für jene Familien, die sich bewusst entscheiden, dass der eine Partner nicht oder nur zeitlich begrenzt arbeitet, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Ein liberaler Staat muss diese private Abmachung zwischen Eheleuten akzeptieren - anstatt diese bewusste Lebensform zum Wohl der Kinder zu sanktionieren.  

Zudem ist inmitten einer veritablen Wirtschaftskrise die pauschale Streichung, wie Klingbeil sie fordert, schlicht eine zusätzliche Belastung für die Bürger. Nimmt man den Haushalten im Jahr drei- oder gar vierstellige Einkommensbeträge durch den Wegfall des Splittings weg, ist der Gedanke zwar naheliegend, dass in Familien mit bislang nur einem (gut) verdienenden Ehepartner nun auch der zweite gezwungen sein wird, sich nach einem entsprechend dotierten Job umzuschauen, um das Einkommenslevel beizubehalten. Doch ob sich ein angemessener Vollzeitjob finden lässt, in der Regel für die Frau, die bislang nur teilzeitlich oder gar nicht arbeitet, ist fraglich angesichts der schwachen Konjunktur mit täglichen Insolvenzen.  Und Wachstum kurbelt man ganz gewiss nicht dadurch an, dass man den Menschen noch weniger Geld für den Konsum belässt. Die Steuer- und Abgabenlast muss gesenkt, nicht erhöht werden, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Der Staat sollte Kindererziehung honorieren

Was also tun? Die Politik sollte das Ehegattensplitting schlicht umwandeln in ein Kindersplitting: Nicht mehr die Eheschließung sollte Anlass dafür sein, Paare steuerlich zu bevorzugen, sondern die Geburt von Kindern. Gilt das Splitting bislang unabhängig davon, ob Kinder vorhanden sind, würde eine Umstellung auf ein kinderbezogenes Modell staatliche Mittel gezielt auf Familien konzentrieren und damit die tatsächliche gesellschaftliche Leistung, nämlich die Kindererziehung honorieren. So würde die Steuerpolitik entscheidende Anreize zur Familiengründung setzen. Frankreich hat mit entsprechenden familienfreundlichen Modellen mit Kinderfokus gute Erfahrungen gemacht.

Das Ehegattensplitting ist derzeit ein Ehebonus – machen wir es zu einem Familienbonus! Das ist keine Bestrafung für Paare, die kinderlos bleiben, ob gewollt oder ungewollt, sondern ein Ausgleich für jene, die Kinder in die Welt setzen und damit auch etwas für den Arbeitsmarkt von morgen tun – aber zunächst einmal deutlich höhere Ausgaben haben werden als Ehen ohne Nachwuchs. Mittels derartiger gezielter demografischen Impulse würde aus einem historisch gewachsenen Steuerprivileg ein modernes Instrument aktiver Familien- und langfristiger Arbeitsmarktpolitik.


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