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Minen: Warum die „Wespen des Seekriegs“ für die US-Navy so gefährlich sind

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14.04.2026

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Minen: Warum die „Wespen des Seekriegs“ für die US-Navy so gefährlich sind

14. April 2026 | Ansgar Graw

Die Räumung der Straße von Hormus von Irans Seeminen kann für die Marine der Vereinigten Staaten der schwierigste Einsatz seit dem Koreakrieg werden

Seeminen dümpeln an der Wasseroberfläche oder sind knapp darunter verankert – kollidiert ein Schiff mit ihnen, kommt es zur Explosion. Das ist das Bild, genährt aus Filmen über den Zweiten wie Ersten Weltkrieg, das wir in der Regel von den gefährlichen Sprengkörpern im Wasser haben. Doch auch die Seeminen sind längst im High-Tech-Zeitalter angekommen.

Zwar wird dieser althergebrachte Minentyp auch heute noch eingesetzt. Er hat für Marinesoldaten wenig von seinem Schrecken verloren. Doch moderne maritime Sperrwaffen stellen derartige Kontaktminen, deren erste Versionen 1848 in der „schleswig-holsteinischen Erhebung“ eingesetzt wurden, weit in den Schatten. Minenräumung, das bedeutet heute eher Hightech-Jagd als mühsames Einsammeln. Und darum beginnt mit dem Befehl von Donald Trump, die Straße von Hormus nicht nur selbst zu blockieren, sondern auch von Irans Seeminen zu befreien, für die US-Marine ihr wohl gefährlichster Einsatz seit einem Dreivierteljahrhundert. Sie kämpft gegen einen Staat, der zwar bislang mutmaßlich erst ein Dutzend Seeminen in der strategisch wichtigen Meerenge freigesetzt hat, weshalb es auch immer wieder einzelnen Schiffen gelingt, die Straße zu durchfahren: etwa ein französischer Frachter am 3. April und jüngst wieder ein Tanker. Denn die Verminung einer Seepassage bedeutet nicht, dass sie unpassierbar ist, wohl aber, dass die Gefahren groß sind.

Und sie könnten massiv wachsen. Denn der Iran verfügt über mehr als 5000 Sprengsätze dieser Art - das schreibt der militärische Geheimdienst der USA, DIA, in einem Bericht aus dem Jahr 2019. Das ist eines der größten Minenarsenale der Welt. Es reicht von altertümlichen Sprengsätzen über die Maham-3 und Maham-7-Haftminen bis zu hochmoderner Technik. Diese Minen könne die DIA „im Persischen Golf und in der Straße von Hormus mithilfe von schnellen kleinen Booten, die als Minenleger ausgerüstet sind, schnell einsetzen“, so warnt der DIA-Bericht.

"Wir haben die Kontrolle über das Meer an ein Land ohne Marine verloren"

Schon die ursprünglichen Kontaktminen, ob als unverankerte Treibminen zwischen den Wogen oder in Form von Ankertauminen knapp unter der Wasseroberfläche, sind gänzlich unberechenbar. Vor 75 Jahren war Nordkorea mit derartigen Seeminen aus sowjetischer Herstellung im Koreakrieg ausgesprochen erfolgreich. Häfen wie Wonsan waren stark vermint, die US-Navy wurde überrascht und verlor etliche Schiffe – schwer beschädigt wurde der US-Zerstörer Brush, während der noch mit Holzrumpf ausgestattete US-Minensucher Magpie sank; die gesamte 33-köpfige Besatzung wurde getötet oder verwundet. Der kommandierende Konteradmiral Allan Smith meldete nach Washington: „Wir haben die Kontrolle über das Meer an ein Land ohne Marine verloren – mit Waffen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.“

Heute ist es leichter als damals, diese Kontaktminen mit Sonartechnik oder Radar aufzuspüren – oder durch den Soldaten auf der Brücke mit dem Fernglas. Hingegen sind diese Suchtechniken bei den neueren „Einflussminen“ nur sehr bedingt anwendbar.  Denn da geht es um High-Tech. Diese Einflussminen liegen auf dem Meeresboden oder sind verankert unter Wasser – beide Typen haben keinen Oberflächenkontakt. Und sie reagieren auf physikalische Signaturen von Schiffen. Das kann magnetisch erfolgen durch einen Stahlrumpf, der das lokale Erdmagnetfeld stört. Oder akustisch durch das Geräusch von Motoren oder Schiffsschrauben. Oder durch Drucksensoren, die bei großen Schiffen auf das Verdrängen von Wasser reagieren. Der Vorteil: Die Minen reagieren nicht auf kleine Boote, sondern werden nur ausgelöst von Kriegsschiffen oder Tankern. Und der kegelstumpfförmige Körper der iranischen Maham-7, erstmals vorgestellt 2015, kann die von Minensuchbooten ausgesendeten Sonarwellen ablenken, sodass die Ortung misslingt.

Minen sind schnell platziert, während ihr Auffinden lange dauert

Ganz modern sind aufsteigende Minen, die auf dem Grund liegen, ein (großes) Ziel identifizieren und dann eine Art Torpedo, ein explosives Projektil abfeuern. Derartige Minen lassen sich programmieren, etwa so, dass sie erst nach Tagen aktiv werden oder nur das dritte oder sechste Ziel attackieren. Sie sind intelligent genug, Schiffe der eigenen Marine nicht anzugreifen.

Auch für die Identifizierung derartiger Minen wird Sonar eingesetzt. Doch es ist schwierig zu unterscheiden, ob da am Meeresgrund nur Schrott oder eine schlafende Mine liegt. Die Klärung ist ein langsamer, zeitraubender Prozess, der deutlich länger dauert als das Ausbringen neuer Minen.

Oft braucht es Unterwasserdrohnen mit Kameras, KI und letztlich menschlicher Auswertung der nach oben übertragenen Bilder. Ist man sicher (oder zumindest im Zweifel), dass man eine Mine identifiziert hat, wird sie durch daneben platzierte kleine Sprengladungen zur Explosion gebracht. In anderen Fällen simulieren Drohnen Magnetfelder, Geräusche oder Druckwellen, lassen die Mine „denken“, oben sei ein Schiff in Reichweite und lösen damit deren Projektile aus, ohne Schaden anzurichten.

Ausschließlich die USA verfügen bislang über Tiefwasserminen wie die Mark 60 Captor, die in einem Kilometer Tiefe platziert werden kann und sich ihre Ziele dann bis auf über sieben Kilometer sucht.

Teherans Mineninventar umfasst hingegen Kontaktminen, Treibminen, verankerte Rumpfaufprallminen, akustische und magnetische Einflussminen sowie Haftminen, die sich direkt an Schiffsrümpfe anheften. Diese Sprengsätze lassen sich mit wendigen kleinen Booten, die jeweils nur zwei oder drei von ihnen an Bord haben, im Wasser dislozieren - entweder in großer Tiefe oder in den flachen Gewässern von stark frequentierten Transitkorridoren. Sie zu entdecken und unschädlich zu machen ist ungleich schwieriger.

Der US-Präsident verfügt über das mächtigste Militär der Welt. Seine Navy steht dennoch vor einer großen Herausforderung. Minen sind so heimtückisch wie Wespen, die massiert einen großen Bären angreifen und in die Flucht schlagen können. Der Einsatz von Minen prägt die Seekriegsführung seit weit über 100 Jahren. Die kleinen verborgenen Waffen schüren Ängste, verändern Strategien - und stehen in ihrer Wirksamkeit letztlich kaum zurück hinter mächtigen Zerstörern.


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