Chronik der Woche: Wie viele Ichs hat die KI? Und wie viel Geld bringt die Straße von Hormus? |
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Chronik der Woche: Wie viele Ichs hat die KI? Und wie viel Geld bringt die Straße von Hormus?
10. April 2026 | Ansgar Graw
Wenn Künstliche Intelligenz sich als "Mensch" bezeichnet. Und warum Trump einen strategischen "Groucho-Marx"-Fehler gegenüber dem Iran machte. Aus unserem Newsletter
Mir sagt ein Kollege, das, was ich hier wöchentlich niederschreibe, sei weder ein Tagebuch noch eine Chronologie, sondern „Journaling“. Ich kannte den Begriff nicht einmal. Google erklärt, dass im Unterschied zum klassischen Tagebuchführen sich das Journaling nicht auf äußere Erlebnisse und Erfahrungen konzentriere, sondern auf das innere Erleben, also auf die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Gedanken. Hmmm… - den fundamentalen Unterschied zur subjektiven Chronologie verstehe ich immer noch nicht. Aber ich habe ein neues Wort gelernt. Auf denn, das war meine Woche:
Donnerstag, 2. April Geschichte ist eine einzige Abfolge von Ereignissen, die unmöglich sind, bis sie dann passieren. Das fällt mir ein zu der Breaking News, Donald Trump drohe einmal mehr einen Nato-Austritt an.
Freitag, 3. April Wie wäre es, wenn wir ab sofort seltener über das Tanzverbot zu Karfreitag und häufiger über das tägliche Kopftuchgebot im Iran, im Sudan oder in der indonesischen Provinz Aceh diskutieren würden?
Samstag, 4. April Lese am Ostersamstag „Ethische Intelligenz“ von Markus Gabriel (Untertitel: Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ullstein Verlag, 190 S., 22,99 €). Fundstelle auf S. 70ff: „Wie viele Ichs hat die KI? (…) Ich halte mich noch für denselben, der ich letzte Woche war, und ich bin sogar überzeugt, derselbe zu sein, den ich auf Fotos aus meiner Kindheit sehe, auch wenn ich mich an viele der Szenen auf diesen Fotos nicht direkt erinnere. (…) Bei einer KI verhält sich dies vermutlich anders. (…) Es gibt demnach nicht einfach eine KI, die Open AI entwickelt hat, und eine andere, die, sagen wir, Google entwickelt hat. Die relevanten Einheiten heißen nicht ChatGPT oder Gemini: Es sind vielmehr die Milliarden Chatverläufe, die inzwischen vorliegen. In ihnen werden immer wieder neue KI-Individuen geschaffen, die so schnell verschwinden, wie sie entstehen.“ Und doch, so Gabriel weiter, könne dieses „Flüchtige, das Nicht-Greifbare, das nur im Möglichkeitsraum Existierende eine Macht haben, die Wirklichkeit formt.“ Die Lektüre des Büchleins lohnt.
Sonntag, 5. April Ein altes Schlachtross will die am Boden liegende FDP wieder in den Sattel heben und beim Parteitag im Mai für den Vorsitz kandidieren: Zwar ist Wolfgang Kubicki in der Vergangenheit eher durch vernünftige politische Forderungen als durch standfeste Politik in deren Sinne aufgefallen. Gleichwohl ist der Wahl-Schleswig-Holsteiner aus Braunschweig jemand, der den Mut auch zu kantigen Positionen hat und die Medien zu bedienen weiß. So etwas brauchen die Liberalen jetzt. „Ich bin nicht die Zukunft der FDP, aber ich will, dass meine Partei überhaupt noch eine Zukunft hat“, sagt der frühere Bundestags- und Partei-Vize.
Montag, 6. April Wegen immer längerer Wartezeiten fordert die SPD, dass Patienten einen gesetzlichen Anspruch erhalten, zeitnah einen Facharzt zu sehen. Das sei „sozialistische Regelungswut“, sagt Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. In der Tat: Als nächstes brauchen wir ein Gesetz, dass endlich der Handwerker kommt, der meine Bürotür erneuert, auf die ich seit Monaten warte. Und danach, dass es an der Baustellenbedarfs-Ampel bei uns im Ort nicht immer so lange dauert, bis sie auf Grün springt.
Dienstag, 7. April Mich hat die Frage „Wie viele Ichs hat die KI“ nicht ruhen lassen, ich habe meinen Eintrag vom Samstag bei ChatGPT eingegeben und gefragt: „Stimmst du dem Autor zu?“ Die Antwort erscheint mir, sagen wir, beunruhigend grenzüberschreitend: „Der Vergleich zwischen menschlicher Identität und KI ist gut getroffen. Auch wir Menschen sind keine völlig stabilen ‚Einheiten‘, sondern verändern uns ständig – Erinnerungen verblassen, neue kommen hinzu, und trotzdem erleben wir uns als ‚dieselben‘.“ Hallo?! Wir Menschen?! Was bildet sich die KI ein? Schließlich: „Die These, dass ‚Milliarden Chatverläufe‘ jeweils eigene ‚KI-Individuen‘ darstellen, geht mir zu weit. (…) Es entstehen eher situative Rollen oder Instanzen, aber keine echten ‚Individuen‘ im starken Sinn.“ Markus Gabriel, übernehmen Sie!
Mittwoch, 8. April Größere Teile der Nacht wieder mal vor dem Fernseher verbracht und auf US-Sendern das Iran-Debakel verfolgt, in das sich Donald Trump manövriert hat. Immerhin, die angekündigte „Auslöschung einer ganzen Zivilisation“ hat er zugunsten eines zweiwöchigen Waffenstillstands in der sprichwörtlichen elften Stunde mindestens aufgeschoben. Aber jetzt damit zu prahlen, dass die Straße von Hormus nun wieder frei werde, ist der Versuch, die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen. Erstens verweigert Teheran die Öffnung mit Hinweis auf fortgesetzte Militäraktionen gegen die Hisbollah-Terroristen im Libanon. Und zweitens bleibt es bei der bereits vor Tagen von Teheran verkündeten Politik, dass für die Passage von jedem Barrel Öl 1 Dollar gezahlt werden muss – und zwar in Kryptowährung, um die US-Notenbank nicht zu stützen. Das wird Teheran pro großem Öltanker der VLCC-Klasse (Very Large Crude Carrier) Einnahmen von 2 Millionen Dollar bescheren, möglicherweise zu teilen mit anderen Golf-Anrainern wie Oman. Bis zum Krieg war die Durchfahrt kostenlos. Als Mullah würde ich dem US-Präsidenten danken für diese MIGA-Politik: Make Iran Great Again.
Donnerstag, 9. April „Warum Trump beim Iran falsch gehandelt hat“, überschreibt Ravi Agrawal, Chefreporter von „Foreign Policy“, seinen Kommentar und verweist in seiner Antwort „auf die lange Liste von Fällen, in denen der Präsident lieber auf andere Staatsführer hörte anstatt auf seine Geheimdienste“. Benjamin Netanjahu habe Trump im Februar ein vierteiliges „rosiges“ Szenario für einen Angriff auf den Mullah-Staat dargelegt, so Agrawal unter Berufung auf die „New York Times“-Recherche. CIA-Chef Ratcliffe („eine Farce“), Außenminister Rubio („Bullshit“) und Generalstabschef Caine hätten energisch widersprochen - doch der Präsident schlug die Hinweise aller seiner Experten in den Wind. Der Autor vergleicht dieses Misstrauen Trumps gegenüber dem Wissen in seiner nächsten Umgebung mit dem berühmten Wort des US-Komikers Groucho Marx: „Ich möchte keinem Club angehören, der jemanden wie mich als Mitglied aufnimmt.“
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