Chronik der Woche: Vom Verlust der Scham und dem Geheimnis des Lebens |
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Chronik der Woche: Vom Verlust der Scham und dem Geheimnis des Lebens
03. April 2026 | Ansgar Graw
Wenn eine Lehrerin sich seit 16 Jahren krankschreiben lässt, Trump immer mehr Einrichtungen seinen Namen aufzwingt und wir zu Ostern immer noch nicht wissen, wie das Leben entstand. Aus unserem Newsletter
Wir wissen so viel – aber immer noch nicht, warum es Leben geben kann. Dazu unten mehr. Mögen Ihnen meine wie immer höchst subjektiven Gedanken und Beobachtungen in dieser Karwoche zumindest Kurzweil bereiten.
Freitag, 27. März Der Boulevard berichtet über die Razzia bei einer Lehrerin aus Duisburg, die seit mehr als 16 Jahren krankgeschrieben ist und trotzdem ihr volles Gehalt kassiert. Ein Einzelfall? Viel spricht dafür, dass in einer Gesellschaft, die über Jahrzehnte den Vorzug der Selbstverwirklichung predigte, größeren Teilen der Gesellschaft, vom Hartz-Empfänger unten über diese Pädagogin aus der Mittelschicht bis zu Steuerhinterziehern oben das selbstregulierende Schamgefühl abhanden gekommen ist.
Samstag, 28. März „Wer schützt Deutschlands Kulturgüter im Krieg?“, fragt heute die FAZ und verweist darauf, dass durch den russischen Feldzug inzwischen 37 Museen in der Ukraine verwüstet worden seien. Dort werde aber viel für die Sicherung von Kunst getan, während deutsche Museen kaum auf den Ernstfall vorbereitet seien. Das muss sich ändern in Zeiten, die Friedrich Merz im September treffend so beschrieb: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ Das Frankfurter Blatt zitiert ergänzend den (voriges Jahr verstorbenen) US-amerikanische Historiker und Psychoanalytiker Jonathan Lear: „Die Unfähigkeit, sich ihre eigene Zerstörung vorzustellen, ist tendenziell der blinde Fleck einer jeden Kultur“.
Sonntag, 29. März Fahrt in die Schweiz, wo die Familie die Ostertage verbringt. Sensationelle Beobachtung: Tanken ist in diesem traditionellen Hochpreisland aktuell günstiger als in Deutschland, sowohl bei Benzin als auch bei Diesel (der Währungsunterschied ist eingerechnet).
Montag, 30. März Floridas Gouverneur Ron DeSantis hat heute ein Gesetz unterzeichnet, um den Flughafen in Palm Beach umzubenennen in „President Donald J. Trump International Airport“. Die Straße von Trumps Anwesen in Mar-a-Lago zum Flughafen heißt bereits „President Donald J. Trump Boulevard“. Unlängst beschloss die Regierung, dass die Dollar-Noten zum 250-jährigen Jubiläum der USA, im Umlauf ab Juni, Trumps Unterschrift zeigen werden; seit 1861 war dort nur die Signatur des jeweiligen Finanzministers zu sehen. Der Präsident hatte bereits durchgedrückt, das „John F. Kennedy Center for the Performing Arts“ in Washington D.C., 1964 dem im Jahr zuvor erschossenen JFK gewidmet, künftig als Kennedy-Trump-Center firmieren zu lassen. Im Dezember ließ das State Department wissen, das United States Institute for Peace, 1984 von Ronald Reagan eingerichtet, heiße nunmehr „Donald J. Trump Institute of Peace“ – bekanntlich hofft der Präsident auf den Friedensnobelpreis. Das Pentagon wiederum, stets um die Gunst des Commanders-in-Chief bemüht, wird eine neue Klasse von US-Kriegsschiffen vom Stapel laufen lassen unter der Typenbezeichnung „Trump-Class“. Langfristig soll es bis zu 25 dieser Lenkwaffen-Schlachtschiffe geben, das erste wird „USS Defiant“ heißen - trotzig also. Diskutiert wird zudem über adäquate Umbenennungen der U-Bahn-Station „Penn Station“ in New York und des „Washington Dulles Airport“ in der Hauptstadt-Region. Sollte man den zuständigen Gremien wohl vorschlagen, „Trumpismus“ als Ersatz für „Narzissmus“ in die alltagspsychologischen Wörterbücher der Medizin aufzunehmen?
Dienstag, 31. März Anlässlich des muslimischen Eid-al-Fitr-Fests zum Ende des Fastenmonats Ramadan hat der Anführer der afghanischen Taliban, Haibatullah Achundsada, die Durchsetzung der Scharia in seinem Land bekräftigt. „Es gibt keinen Bedarf an Gesetzen, die aus dem Westen stammen. Wir werden unsere eigenen Gesetze schaffen“, sagte Achundsada in einer Predigt anlässlich des islamischen Feiertags in der Eidgah-Moschee in der Stadt Kandahar. Solange es die Scharia gebe, sei die Demokratie tot. Da blättere ich wieder einmal in Botho Strauß‘ wirkungsmächtigem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ (1993), in dem der Dramatiker den Glauben in die Allmacht der (von ihm durchaus geschätzten) Moderne aufkündigte: „Daß jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.“
Mittwoch, 1. April In Schweizer Zeitungen wird vermeldet, man habe neue Kuhglocken entwickelt, die nur noch halb so laut klingen, weil das Gebimmel der Rindviecher dem Vernehmen nach immer wieder städtische Touristen in Landhotels nervt. Delfine waren gestern, bayerische Thermalbäder bewerben mitsamt absolut echten KI-Fotos den neuesten Trend: „Schwimmen mit Schweinen“. Die „New York Post“ berichtet, Parfüm könne man jetzt auch als erfrischenden Drink zu sich nehmen, darunter die Duftnote „Spicy Vodka Almond Creamer“. Nicht nur, weil mich offensichtliche Käufer ungefähr des letzteren Produkts über die Jahre wiederholt angehaucht haben, lassen mich die diesjährigen Aprilscherze allenfalls milde schmunzeln. Angesichts geopolitscher wie digitaler Zeitenwenden ist die Entwicklung zu schnell und die Wirklichkeit zu irre geworden, als dass uns Aprilscherze noch groß verblüffen könnten.
Donnerstag, 2. April Gründonnerstag. Die Osterzeit beginnt, in der die Christenheit Leiden, Sterben und Auferstehung von Jesus Christus feiert und damit die Erlösung von uns sündigen Menschen. Zusammengefasst: Aus Tod entsteht Leben. In Zeiten von sich selbst revolutionierender künstlicher Intelligenz, dem in der Nacht erfolgten Start der Artemis-2-Mission zu einem neuen Mondprogramm und Elon Musks Plänen für Siedlungen auf dem Mars scheint die Heilige Schrift mitunter etwas aus der Zeit gefallen. Interessant ist aber, dass unsere Naturwissenschaft bis heute das Entstehen des Lebens nicht erklären kann. Es wird seit Jahrzehnten herumtheoretisiert, dass aus einfachen Molekülen komplexere organische Verbindungen geworden sein mögen und dass Aminosäuren unter frühen Erdbedingungen eine Rolle gespielt haben mögen. Es gibt die RNA-Welt-Hypothese, die mit chemischen Reaktionen zu tun hat, und vielleicht spielten hydrothermale Heißquellen am Meeresboden eine wichtige Rolle. Das alles erklärt recht gut nötige Bausteine, aber noch nicht den entscheidenden Schritt: Wie sich die Chemie in Organik umwandelte, hat bisher keine Wissenschaft erklären können. Im Grunde bleibt die einzige in sich schlüssige Theorie von der Entstehung des Lebens die Schöpfungsgeschichte der Bibel.
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