Chronik der Woche: Der Wal ist frei – aber will das wohl gar nicht. Gilt das für SPD und FDP auch?
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Chronik der Woche: Der Wal ist frei – aber will das wohl gar nicht. Gilt das für SPD und FDP auch?
27. März 2026 | Ansgar Graw
An der Ostsee hat sich der gestrandete Meeressäuger selbst gerettet - zumindest vorübergehend. Zwei deutsche Parteien kämpfen hingegen noch um ihr Morgen. Zudem ist das deutsche "Sie" vom Aussterben bedroht. Aus unserem Newsletter
Immer wieder stelle ich einen verbreiteten Pessimismus bei Diskussionen über die Gattung Mensch fest. Der homo sapiens zerstöre die Natur, denke nur an seinen Vorteil, missachte alles, was ihm keinen Nutzen bringt. Während ich dies schreibe, wird die Legende vom reinen Utilitarismus an der Ostsee widerlegt: Wir denken keineswegs nur zweckgerichtet. Meine erneut rein subjektive Chronik der Woche:
Donnerstag, 19. März Der Aufstieg der AfD lässt CDU und Die Linke zusammenrücken, in Sachsen-Anhalt könnten sie bald kooperieren – das berichtet der „Spiegel“ unter der Zeile: „Ostdeutsche CDU in der AfD-Falle.“ Die einstige SED könnte im Fall eines Wahlsiegs der AfD der nach den Umfragen wohl zweitplatzierten CDU eine Duldung anbieten – während FDP, Grüne, eventuell BSW und vielleicht sogar die SPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Im Klartext: Die Christdemokraten bauen eine Brandmauer gegen die Rechtsaußen-Partei, um sich dann im Schatten dieser Mauer mit der Linksaußen-Partei zu arrangieren. Klingt eher nach bürgerlichem Suizid als nach kluger Strategie. Freitag, 20. März Sprache verändert sich. Manchmal versuchen sich Ideologen daran, die uns das Gendern beibringen wollen, mit Sternchen, Binnen-I und bislang wenig Resonanz außerhalb gewisser akademischer Elfenbeintürme. Manchmal jedoch kommt der Sprachwandel im Gepäck des Konsums, beispielsweise durch ein schwedisches Möbelhaus, das uns nach heimatlicher Sitte seit gut zwei Jahrzehnten ungeniert duzt: „Zuhause kannst du dir alles leisten.“ In Deutschland mit seiner traditionsreichen Höflichkeitsform „Sie“ irritierte das zunächst. Aber Marken mit vor allem jüngerer Zielgruppe, darunter Apple und Adidas, folgten dem IKEA-Beispiel. Inzwischen dominiert das „Du“, das auch im Angelsächsischen ein Monopol hat, in unzähligen Gastronomien, Geschäften und Unternehmen. Und als ich heute in Berlin mit der M29 Richtung Hauptbahnhof fuhr, gab es in dem überwiegend mit reiferen Fahrgästen besetzten Bus mehrfach die Durchsage vom Band: „Halte dich fest, damit du sicher stehst.“ Diesen Sprachwandel kann man gut oder schlecht finden - aber er ist real. Unser „Sie“ droht auszusterben.
Lothar und Loddar und Varianten zu Røssing-Lelesiit
Samstag, 21. März Fußballlegende Lothar Matthäus wurde heute 65 - und bekam als Gastmoderator auf Sky beim Bundesligaspiel Dortmund gegen HSV eine Autogrammkarte geschenkt. Signiert hatte der bei den Hamburgern im Solde stehende Norweger „Alexander Rössel Lellesillit“ – nein, nicht ganz, sondern „Alexander Ressing Lellesit“ – „irgendwie so, eben ein Zungenbrecher“, hatte Matthäus sich einige Wochen zuvor am Namen des pfeilschnellen Flügelstürmers im laufenden Programm versucht. Okay, ganz korrekt heißt er Alexander Røssing-Lelesiit, und das wurde jetzt mit der Autogrammkarte dokumentiert. Aber was soll’s? Selbst der Vorname von Matthäus wird bekanntlich oft falsch ausgesprochen. Sonntag, 22. März In Rheinland-Pfalz siegt die CDU (31 Prozent) und wird erstmals nach 35 Jahren in Person von Gordon Schnieder wieder den Ministerpräsidenten stellen. Und moderierende Journalisten in öffentlich-rechtlichen Anstalten beginnen sich gleich am Wahlabend zu sorgen, ob die SPD (25,9 Prozent) nicht doch besser ein paar Punkte mehr hätte abbekommen sollen, weil sie jetzt in Berlin zu einem schwierigen Koalitionspartner für Friedrich Merz werden könne. Schwierig? Werden könnte? Die SPD hat unter anderem bei den Bundestagswahlen (16,4 Prozent) und vor 14 Tagen im Ländle (5,5 Prozent) wegen ihrer mangelnden Reformbereitschaft reichlich Prügel bezogen – und irgendjemand glaubt, sie wären willigere Partner bei einer marktwirtschaftlichen Rettung des Standorts D, wenn ihre Niederlagen nur moderat ausgefallen wären? Montag, 23. März Bei der FDP immerhin werden Konsequenzen aus den katastrophalen Ergebnissen in Rheinland-Pfalz (2,1 Prozent) und Baden-Württemberg (4,4 Prozent) gezogen. Der komplette Bundesvorstand um Parteichef Christian Dürr tritt am Tag danach zurück. Allerdings will Dürr beim Parteitag im Mai erneut für den Spitzenposten bei den Liberalen kandidieren. Ernsthaft? Die FDP braucht jetzt, ob männlich oder weiblich, einen prokapitalistischen Provokateur, einen marktwirtschaftlichen Klartextsprecher, einen radikalliberalen Kettensägen-Enthusiasten. Sie sollte sich vom größenwahnsinnigen Anspruch verabschieden, Volkspartei zu sein, und darauf konzentrieren, den Unternehmern eine Gasse zu bahnen durch den verstrüppten Staat. Das großkoalitionär regierte Deutschland braucht eine liberale Partei. Eine Partei, die „Marktwirtschaft“ größer schreibt als „sozial“. Sie muss Milei wagen und bereit sein, bei allen anzuecken - außer bei einigermaßen sicheren fünf Prozent plus x. Mal sehen, ob eine solche Neuerfindung im Mai gelingt.
Dienstag, 24. März Das kriselnde VW-Werk in Osnabrück führt Gespräche mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael, um künftig Teile für den Iron Dome zu produzieren - und zwar Spezialtrucks für den Transport der Abwehrraketen des israelischen Verteidigungssystems. Das berichtet die „Financial Times“. Das sind prima Aussichten – für Israel, für die Arbeitnehmer in Osnabrück und für Deutschland. Mittwoch, 25. März Hat’s die SPD nun doch begriffen? Ihr Co-Vorsitzender Lars Klingbeil schrödert in einer Grundsatzrede vor dem Bertelsmann-Forum in Berlin und fordert den Genossen nach desaströsen Wahlergebnissen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz radikale Reformen ab: längere Arbeitszeiten für alle, der Staat gehört zurückgestutzt, das Bürgergeld war ein Fehlanreiz. Interessanterweise hatte auch seine Amtskollegin Bärbel Bas, die Ikone des linken Flügels, bereits am Sonntagabend kleinlaut erklärt, die SPD habe doch das Bürgergeld zugunsten der Grundsicherung abgeschafft und die Migrationspolitik verschärft – zwei Felder, auf denen die SPD zermürbend lang ihre Programmatik verteidigt hatte. Ebenfalls am Mittwoch wird aus Dänemark vermeldet, dass die dortigen reformfreudigen Sozialdemokraten die Parlamentswahlen zwar sehr knapp und verlustreich, aber doch immerhin gewonnen haben. Ob Mette Frederiksen, Ministerpräsidentin seit 2019, im Amt bleiben kann, ist keineswegs sicher – aber aus der Perspektive der in ihrer Existenz gefährdeten deutschen Sozialdemokratie ist das schon fast ein Luxusproblem. Seid mutig, Genossen, werft euren ideologischen Ballast ab – sonst wirft die Epoche der unzähligen Zeitenwenden Deutschlands älteste Partei ab! Donnerstag, 26. März Seit Tagen sorgt sich die Nation um einen jungen Buckelwal, der vor Timmendorfer Strand auf Grund geraten ist. Medien sind live vor Ort. Gebannt verfolgt das Publikum die Befreiungsversuche, am Anfang von einem Ruderboot ausgehend, dann wurde ein kleiner Bagger eingesetzt, um dem Tier eine Fahrrinne zu graben, heute sollen zwei große Bagger diese Anstrengung optimieren. Selbst wenn es gelingt, sind die Überlebenschancen des gesundheitlich angeschlagenen Buckelwales gering. Aber die Betroffenheit der Menschen, die doch angeblich so utilitaristisch denken, ist interessant. Reines Zweckdenken bestimmt eben nicht unser Sein. Zwar sind Wale in unserem Verständnis besondere Tiere: weil sie so groß sind, weil einige Arten vom Aussterben bedroht sind (der Buckelwal gehört nicht dazu), weil uns das Rätsel um die Walgesänge fasziniert. Aber mutmaßlich bedauerten etliche Passanten auch das kleine Eichhörnchen, das gestern tot auf dem Sträßchen zu meiner Wohnung lag, erfasst wohl von einem Auto. Klar, da gab es keine Menschenansammlung und nicht jenen Einsatz immenser Mittel wie an der Ostsee, der rational betrachtet irrational ist. Man investiert Zeit, Geld und Technik ohne jede Garantie auf Erfolg. Wie viele Tiere, wie viel Natur ließen sich mit diesen Ressourcen an anderer Stelle retten, könnte man fragen – aber tut es nicht. Menschen handeln eben keineswegs ausschließlich utilitaristisch, es geht nicht nur um Nutzen, man fühlt mit Natur und Kreatur. Es ist schön, dass wir mit dem Buckelwal fiebern, am Ende wird es Jubel oder Tränen geben. Beides ist tröstlich.
UPDATE vom Freitag, 27. März Bis zum Abend gingen die Bemühungen um die Rettung des Meeressäugers, dann mussten die Arbeiten wegen Dunkelheit vorübergehend eingestellt werden, es blieben noch zehn Meter für den heutigen Tag zu graben – aber über Nacht hat sich der Buckelwal selbst befreit. Große Freude! Am Vormittag allerdings eine neue Lage: "Bild" meldet, der Buckelwal, nunmehr nicht mehr als "junges", sondern durchaus schon älteres Tier identifiziert, kehre zurück in Richtung Sandbank. Wollte er dort eigentlich sterben? Die Natur zeigt sich wieder einmal nur bedingt bereit, vom Menschen domestiziert zu werden.
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