Wir werden alle verrückt gemacht |
I ch glaube, ich spinne. Nach einem Twitterstreit mit dem Papst postet Trump ein KI-generiertes Bild von sich als Christus, umgeben von strahlendem Licht, einer US-amerikanischen Flagge, Kampfjets, Adler und Engel in Soldatenform. Blasphemie sei das, fanden bald sogar ein paar seiner eigenen Anhänger. Er löschte das Bild.
Gegenüber Reporter_innen sagte er ein paar Stunden später, als er am Oval Office eine Fastfood-Lieferung entgegennahm, dass das Bild ihn als Arzt gezeigt habe, schließlich heile er Menschen. Wer sagt, dass er als Jesus zu sehen gewesen sei, lügt und betreibt Fake News.
Paula Alquist gilt als erstes bekanntes Opfer solcher realitätsverdrehender Lügen. Zumindest wurde diese Form der Manipulation benannt nach dem Film, in dem Alquist Protagonistin ist. „Gaslight“ wurde gleich zweimal verfilmt und basiert auf einem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton von 1938.
Woher kommt „gaslighting“?
In George Cukors filmischer Umsetzung von 1944 spielen Ingrid Bergmann als Paula Alquist und Charles Boyer als ihr sie gaslightender Mann, Gregory Anton, mit. Nach ihrem Umzug nach England in das Haus von Paulas verstorbener Tante hat sich Gregory ein Ziel gesetzt: Seine Frau langsam und systematisch so zu manipulieren, bis sie an ihrem eigenen Verstand zweifelt und gefügig wird. Irgendwo im Haus ist das Erbe der Tante versteckt, das er in Ruhe suchen will – eine scharfsinnige Frau kann er dabei nicht gebrauchen.
Er redet Paula ein, dass sie Dinge verliere, dass sie krank und schwach sei, dass sie Geräusche höre, die nicht da seien. Er lässt sie glauben, dass sie klaue. Dass die Gaslichter im Haus dunkler würden, wenn er das Haus verlasse, ohne dass sie jemand dimmt. Hinter all dem steckt er selbst.
„Gaslighting“ beschreibt, jemanden durch systematisches Lügen dazu zu bringen, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Das gelingt auch Donald Trump. Der wohl größte Gaslighter schafft es immer wieder, dass Menschen nicht nur seiner Wahrheit glauben, sondern Wahrheit als solche infrage stellen.
Zum Beispiel während der ICE-Proteste in Minneapolis: Renée Good habe einen ICE-Beamten angefahren. Alex Pretti sei ein gewalttätiger Bewaffneter gewesen. Ihr Tod sei also gerechtfertigt, und wer das Gegenteil glaubt, ist irre. Für seine Anhänger bilden Videos wohl keine Wahrheit mehr ab, denn die beweisen, dass Trump darüber log.
Eine Form der Propaganda
Realität spielt im postfaktischen Zeitalter keine Rolle. Auch nicht, wenn Trump behauptet, dass er nicht Christus auf dem Bild darstelle, obwohl das ganz offensichtlich ist. Seine zweite Lüge geht dabei völlig unter. Nämlich, dass er Menschen heile, obwohl Millionen US-Amerikaner_innen wegen seiner Gesundheitspolitik ihre Krankversicherung verlieren werden.
Gaslightling ist ursprünglich eine Form der psychischen Partnerschaftsgewalt. Politisches Gaslighting ist eine Form der Propaganda, die nicht nur Trump beherrscht. Auch unsere Bundesregierung kann das: wenn sie die Entführung Nicolás Maduros aus Venezuela lediglich „komplex“ nennt.
Und wenn sie kein einziges Mal die Kriegsverbrechen in Gaza benennt. Ob sie die gleichen Bilder wie ich sehen, die gleichen Todeszahlen nachlesen, frage ich mich dann, und habe das Gefühl, verrückt zu werden angesichts des Schweigens.
„Sie verlieren nicht den Verstand“, sagt Inspector Cameron vom Scotland Yard irgendwann zu Paula Alquist, als er den Fall aufklärt „Sie werden langsam und systematisch dazu gebracht, ihn zu verlieren.“ So einen Weckruf bräuchte ich auch ab und zu.