Wenn Schmerzen bagatellisiert werden |
G uten Morgen“, flüsterte Pfleger S. und klapperte mit einer Pillendose vor meinem Gesicht. Ich schreckte hoch. An den Weckdienst eines fremden Mannes um sieben Uhr hatte ich mich noch nicht gewöhnt. Ich lag in einer Schmerzklinik im Westen von Berlin, einem Auffangbecken für hoffnungslos Verzweifelte.
Ich habe lange gezögert, über Kranksein zu schreiben. Gehört das in diese Kolumne? Dabei ist Krankheit nicht nur ein individuelles Erleben, sie hängt von politischen Entscheidungen, von Finanzierungssystemen, Personal, Forschungsgeldern ab. Davon, wessen Schmerzen ernst genommen werden – und wessen nicht. Während Politik und Ökonomen gerade diskutieren, wo im Gesundheitssystem gespart werden kann, frage ich mich: Wie soll das gehen, ohne dass die Versorgung von Patient:innen darunter leidet?
Ich habe Endometriose und Adenomyose, Erkrankungen, die für Betroffene wie mich mit massiven Schmerzen verbunden sind. Dazu chronische Migräne mit Aura – neurologische Attacken mit Sehstörungen, Übelkeit, Schmerzen. Nach Jahren führte das zu einem chronischen Schmerzsyndrom. Ärzte nennen meinen Fall gern „komplex“. Oder direkter: „Huiuiui, das ist ’ne Menge.“
Wie bei vielen Frauen dauerte es Jahrzehnte, bis die Diagnose kam. Erkrankungen wie meine wurden lange als „Frauenleiden“ abgetan, etwas, das man halt aushalten müsse. Oder mir wurde die Schuld gegeben: falsche Ernährung, zu wenig Sport, schlechte Körperhaltung.
„Recherchieren Sie mal!“
In der Schmerzklinik sollte alles besser werden. Multimodale Therapie: Bewegung, Psychotherapie, Entspannung. Praktisch fühlte es sich an wie ein mittelmäßig organisiertes Schullandheim für Erwachsene. Grauenvolles Essen, ein Vortrag, der nichts mit gynäkologischen Erkrankungen zu tun hatte, Einheiten, die zu kurz oder auf Senioren zugeschnitten waren.
Nach wenigen Tagen entließ ich mich selbst. Natürlich nicht, ohne Feedback zu geben. Antwort: „Sie sind doch Journalistin, recherchieren Sie mal.“ Und: Man wisse um manches, aber das System, da seien die Hände gebunden. Es gab auch absurd schöne Momente: Eine Mitpatientin flüsterte, sie fühle sich kränker als vorher. Später huschte sie in unser Zimmer, wir gründeten eine Mini-Gruppentherapie, teilten unser Leid, lachten zusammen. Ein kurzer Moment der Solidarität.
Deshalb erzähle ich davon: Chronische Krankheit ist nicht nur eine Liste von Beschwerden. Sie ist auch Isolation. Das Einzige, was in dieser Klinik wirklich geholfen hat, waren andere Frauen, das Gefühl, nicht allein zu sein.
Monate zuvor, im Endometriosezentrum, fühlte ich mich das erste Mal gesehen. Ich spürte, wie die Ärzte selbst am System verzweifeln: an fehlenden Diagnostikmethoden, die weniger invasiv wären als Operationen, an Zeitmangel. „Frauen und Kinder“, sagte ein Arzt, „stehen im Gesundheitssystem an unterster Stelle.“
Krank sein ist ein Vollzeitjob
Chronisch Kranken wird oft gesagt: „Sie sind Expertin Ihrer Krankheit.“ Ich wünschte, ich müsste es nicht sein. Krank sein ist schon ein Vollzeitjob: Termine, Medikamente, Anträge, kämpfen, erklären, rechtfertigen – und gleichzeitig Geld verdienen, ein Sozialleben führen. Eigenverantwortung ist wichtig, aber oft wird Arbeit, die das System leisten sollte, auf Patientinnen ausgelagert: sich selbst aufklären, Therapien recherchieren, Studien lesen und einordnen. Gleichzeitig werden wir nicht ernst genommen, wenn wir unsere Symptome beschreiben.
Wenn über Einsparungen diskutiert wird, denke ich an all die Frauen, die jahrelang auf Diagnosen warten, deren Schmerzen bagatellisiert werden, die von Arzt zu Arzt geschickt werden, bis sie erschöpft aufgeben. Ich wollte nie Expertin werden. Ich wollte nur gesund sein, ernst genommen werden, Perspektiven aufgezeigt bekommen.