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„Hervorragendes Jahr für die Zukunft“ trotz Verlusten: ZF-Chef räumt mit Erbe seiner Vorgänger auf

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20.03.2026

Mit einer neuen Strategie will der seit Herbst vergangenen Jahres amtierende ZF-Chef Mathias Miedreich den schlingernden Zulieferriesen wieder auf Kurs bringen. Dabei setzt er auf Abgrenzung zu gleich mehreren seiner Vorgänger. Man verlasse sich bei ZF nun nicht mehr auf ein „prognostiziertes Markt- oder Umsatzwachstum“, sondern nur noch auf die eigene Stärke, sagte Miedreich am Donnerstag bei der Vorlage der Konzernzahlen für das Jahr 2025, die tiefrot ausfielen. Performance (Leistung) und Profitabilität gingen ab jetzt „vor Umsatz und Größe“. Man wolle „nicht mehr alles machen“, sondern es gehe vielmehr um eine Rückkehr zum Kerngeschäft.

Damit beendet der 50-jährige Manager die fast ein Jahrzehnt andauernde Transformation des einstigen Getriebebauers zu einem Systemanbieter für nahezu alle Technologien im Zulieferergeschäft. Angestoßen hatte sie 2015 Ex-ZF-Chef Stefan Sommer durch den Kauf des US-Konkurrenten TRW für mehr als 12 Milliarden US-Dollar (damals knapp 10 Milliarden Euro). Fünf Jahre später investierte dessen Nachfolger Wolf-Henning Scheider noch einmal knapp sieben Milliarden Dollar für die Übernahme des Nutzfahrzeugspezialisten Wabco - zu einem Zeitpunkt, als die Automobilkonjunktur ihren Zenit schon überschritten hatte. Gleichzeitig gab Scheider viel Geld für Supercomputer, Partnerschaften mit US-Techkonzernen sowie autonom fahrende Shuttlebusse aus.

Erkauft wurde der Wachstumsplan mit sinkender Profitabilität und stark wachsenden Schulden. Weil parallel die globalen Automärkte und damit die ZF-Gewinne einbrachen, kam der geplante Schuldenabbau ins Stocken. 2020 fuhr das Unternehmen erstmals seit der Finanzkrise rote Zahlen ein. Ein Vorgang, der sich 2024 und im abgelaufenen Geschäftsjahr 2025 wiederholen sollte. Scheider war da schon längst nicht mehr an Bord. Er arbeitet heute für den Schweizer Finanzinvestor Partners Group. Miedreich zieht jetzt angesichts der angespannten Finanzlage die Reißleine. Entschuldung habe Priorität, sagte der Manager am Donnerstag. „Mit jedem Euro weniger an Zinsen stärken wir unsere Widerstandsfähigkeit. Gleichzeitig wächst der Freiraum für die Realisierung von Vorhaben, mit denen wir unseren Ertrag stärken.“

Wo steht der Konzern aktuell?

Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat das Stiftungsunternehmen einen Verlust von 2,15 Milliarden Euro eingefahren - rund doppelt so viel wie im Vorjahr. Dennoch ist Miedreich zuversichtlich. Der Grund: Miedreich und sein Finanzvorstand Michael Frick, dessen Vertrag bis Ende Mai 2031 verlängert wurde, haben sich zu einem harten Schnitt entschlossen und sich von „Altlasten“ aus der Ära Scheider getrennt. Dieser hatte milliardenschwere E-Aufträge abgeschlossen, von denen sich ein großer Teil als nicht profitabel erwies und bei ZF zu hohen Verlusten führte. Nun habe sich ZF mit verschiedenen Kunden darauf geeinigt, mehrere dieser Projekte vorzeitig zu beenden. Der Schritt habe zu einer Einmalbelastung in Höhe von rund 1,6 Milliarden Euro geführt. Diese drückt den Konzern in die roten Zahlen. Durch die Abschreibungen nehme man aber „Steine aus dem Rucksack für den Aufstieg in den kommenden Jahren“, sagte Miedreich.

Wie steht es mit den Schulden?

Die Schulden der ZF bleiben ein großes Problem. Zum Jahresende summierte sich die Nettoverschuldung auf 10,2 Milliarden Euro - 250 Millionen Euro weniger als zum Vorjahresstichtag. Dieser leichte Schuldenabbau sei ein „wichtiges Zeichen der Stabilität und Zuversicht für Mitarbeiter, Kunden und den Kapitalmarkt“, sagte Finanzvorstand Frick. Allerdings nimmt ZF weiterhin neue Anleihen auf. Erst im Februar hat sich das Unternehmen frische Finanzmittel in Höhe von rund einer Milliarde Euro gesichert - zu einem Zins von 5,5 Prozent. Jährlich würden Anleihen in Höhe von 2,3 bis 2,5 Milliarden Euro fällig, sagte Frick. Ein Großteil davon muss refinanziert werden. Allein die Zinsen betrugen laut ZF 2025 rund 745 Millionen Euro. Auch sie sind ein Grund für den hohen Verlust 2025. Der Abbau der Verbindlichkeiten habe „weiterhin höchste Priorität“, sagte Miedreich.

Läuft das Geschäft bei ZF überhaupt noch?

Konzernchef Miedreich sprach am Donnerstag trotz der roten Zahlen auch von „einem hervorragenden Jahr für die Zukunft der ZF“. Der Grund: Von jedem Euro Umsatz bleibt heute deutlich mehr Gewinn bei ZF hängen als noch vor einem Jahr. Die bereinigte operative Umsatzrendite (Ebit) stieg von 3,5 Prozent im Vorjahr auf 4,5 Prozent 2025. Aus dem laufenden Geschäft heraus erzielte ZF damit einen Gewinn von 1,7 Milliarden Euro - auch das ist eine Steigerung gegenüber 2024. Maßgeblich dafür ist, dass es Miedreich gelungen ist, die Antriebssparte mit ihren rund 30.000 Mitarbeitern 2025 wieder in die Gewinnzone zu führen. Grundlage war ein im Herbst 2025 geschlossenes Bündnis mit IG Metall und Betriebsrat, das einen Verbleib der als Division E bezeichneten Sparte im Konzern im Gegenzug zu Einschnitten bei Arbeitszeiten und Tarifleistungen für die Beschäftigten vorsieht. Die Division E sei nun wieder „Netto-Einzahler“ in die Konzern-Kasse, sagte Miedreich und dankte auch den Arbeitnehmern für den gefundenen Kompromiss. Darauf könnten alle „stolz zurückblicken“, sagt er. Das Herz der ZF bleibe damit im Konzern.

Um Schulden abzubauen, ist ZF schon unter Miedreich-Vorgänger Holger Klein daran gegangen, Unternehmensteile zu veräußern. Diese Strategie setzt der aktuelle Vorstand fort. So wurden die Fahrerassistenzsysteme 2025 an Harman verkauft und sollen einen Milliardenbetrag in die Konzernkassen spülen. Außerdem habe ZF seine Windkraftsparte selbstständig aufgestellt, sagte Miedreich. Auch hier ist ZF, genau wie bei seinem Geschäft mit Airbags für einen Verkauf oder Partner offen. Seinen Fokus setzt ZF dagegen auf Fahrwerkstechnik, Getriebe und Antriebe, das Industrietechnik- und Nutzfahrzeuggeschäft sowie den Bereich Service und Aftermarket. Das seien Kern- und Wachstumsbereiche, sagte der ZF-Chef.

Müssen Mitarbeiter gehen?

Bis Ende 2028 plant ZF in Deutschland 11.000 bis 14.000 Stellen abzubauen - rund ein Viertel aller Jobs. Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht geplant, aber als letztes Mittel auch nicht ausgeschlossen. Weltweit und auch in Deutschland sank die Zahl der ZF-Jobs um je fünf Prozent auf gut 153.000 beziehungsweise 49.000 Mitarbeiter. In Friedrichshafen von 10.100 auf 9600. Im Fokus steht nur die Entwicklung und Verwaltung. „Wir haben eine viel zu komplexe Organisation. Die Strukturen sind schlicht zu groß“, sagte Miedreich. Mit einem Extra-Sparprogramm namens Lean soll nun die Zahl der Verwaltungsjobs, aber auch die Zahl der Führungskräfte sinken.

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