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Nach der Buchmesse ist vor der Erzählzeit: Der Blick aus dem Hegau nach Leipzig

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Gestern ging die Leipziger Buchmesse zu Ende – eines meiner literarischen Lieblingsevents. Obwohl ich nicht dabei war, verfolgte ich das Ereignis mit Interesse.

Apropos „verfolgt“: Der oberste Dienstherr aller Kulturschaffenden in Deutschland, Wolfram Weimer, ließ sich nur kurz blicken und verzichtete auf den traditionellen Messerundgang. Vermutlich wähnte auch er sich als Gejagter und Geplagter, vielleicht sogar ernstlich verfolgt, dabei hat er doch nur ernsthaft befolgt … ups, da bin ich doch tatsächlich ins Lyrische abgedriftet.

Aber im Ernst: Was hat ihn nur geritten, drei preiswürdige Buchhandlungen von der Liste der Nominierten zu streichen? Nach Protesten aus der gesamten Kulturszene hat er dann auch noch die Preisverleihung abgesagt. Begründung? Es lägen geheimdienstliche Erkenntnisse vor. Irgendwas mit „zu weit links im politischen Spektrum verortet“ wird gemunkelt. Transparenz? Nix da! Nur so viel: Es gibt ein ominöses Haber-Verfahren, mit dem Empfänger staatlicher Kulturförderung abgeklärt werden.

Kulturschaffende können ohne Fördermittel nicht überleben. Und klar ist auch, dass zum Beispiel offen rassistische Gruppierungen keine staatliche Förderung erhalten dürften. Das Kapitel Parteienförderung lasse ich mal außen vor, das sind andere Fördertöpfe.

Auch ich habe bereits staatliche Förderung erhalten und mir ist klar, dass ich darauf kein genuines Recht habe. Das Antragsverfahren war langwierig, und die Verwendung der Gelder musste belegt werden. Die Vorstellung, dass mich der Verfassungsschutz dabei durchleuchtet hat, ist sehr unangenehm. Wird das mein Schreiben verändern? Ja, nein, vielleicht? Es wäre zumindest angemessen, wenn hier mehr Transparenz herrschen würde. Klar, Geheimdienste operieren im Geheimen – aber es geht hier nicht um Terrorzellen, sondern um Kultur, die eine vielfältige und widersprüchliche Realität abbildet. Die Kunst darf nicht nur mehr wagen, als die Politik – sie muss es sogar. Wussten Sie, dass viele erfolgreiche Thriller-Autoren beruflich als Spione unterwegs waren? Am bekanntesten sind John le Carré und Ian Fleming.

Ob Wolfram Weimer auch mal Krimis schreiben wird? Oder fällt das dann unter Geheimnisverrat? Vielleicht sollte sich der Kultur-Verfassungsschutz in Sachen Transparenz ein Beispiel an der Schufa nehmen: Die hat letzte Woche ihre Bewertungskriterien offengelegt. Und ansonsten freue ich mich auf mein zweites literarisches Lieblingsevent direkt vor der Haustür: die Erzählzeit – wohlgemerkt „ohne Grenzen“.

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