Kostenfalle am Bodensee: Ständig funkt die Schweiz beim Handy-Empfang dazwischen

„Das Thema nervt“, sagt Volker Frede. „Die Einheimischen wissen das, aber das macht es nicht besser.“ Touristen dagegen laufen oft völlig unvorbereitet in eine Kostenfalle.

Frede ist Bürgermeister von Hagnau im Bodenseekreis. Was den Rathauschef ärgert, ist der Mobilfunkempfang in dem Urlaubsort, malerisch zwischen Bodenseeufer und Weinbergen gelegen. Wer hier telefoniert oder Online-Dienste nutzt, sollte vorher dringend einen Blick aufs Display werfen. Auch wenn man mit beiden Beinen auf deutschem Hoheitsgebiet steht, ist man womöglich schon der Schweiz ins Netz gegangen – ins Mobilfunknetz nämlich. Und das kann teuer werden.

Kein Roaming: In der EU kann man telefonieren wie daheim

Anders als das ebenfalls nicht weit entfernte Österreich ist die Eidgenossenschaft kein Teil der Europäischen Union. Sie ist auch kein Teil des sogenannten EU-Roamings: Innerhalb der Staatengemeinschaft können Mobilfunknutzer überall zu denselben Konditionen surfen und telefonieren wie daheim. Die Nicht-EU-Staaten Norwegen und Island haben sich angeschlossen, ebenso das Fürstentum Liechtenstein, wo es ein eigenes kleines Mobilfunknetz gibt.

In der Schweiz hingegen kann selbst ein kurzer Abruf von ein paar Online-Informationen für EU-Bürger sehr schnell sehr teuer werden. Und Mobilfunknetze enden nicht exakt an der Staatsgrenze, das ist technologisch gar nicht möglich. Daher kommt es immer wieder vor, dass sich ein Telefon auch auf deutschem Staatsgebiet ins Schweizer Netz einwählt, wenn der am günstigsten gelegene Funkmast jenseits der Grenze steht. Wenn man sich bewegt, kann dies sogar während eines Telefonats geschehen.

Von der Hagnauer Strandpromenade sehen Spaziergänger die Schweiz am anderen Ufer, zum gegenüberliegenden Ort Altnau sind es etwa fünf Kilometer Luftlinie. Das Büro von Volker Frede erreichen die Swisscom-Signale problemlos, sein Rathaus liegt direkt am Ufer. „Die meiste Zeit bin ich im deutschen Netz, manchmal aber auch im Schweizer Netz. Das ist mal so, mal so“, sagt der Bürgermeister. Das hängt von der Wetterlage ab, vom Nebel und von der Windrichtung.“

Wie viele Menschen hier am See hat Frede einen Mobilfunkvertrag, der die Schweiz mit abdeckt. Allerdings inkludieren längst nicht alle deutschen Anbieter die Schweiz, schon gar nicht bei älteren Verträgen.

Für ein Mindestmaß an Konsumentenschutz gibt die Roaming-Verordnung der EU deswegen zwei Regeln vor. Zum einen müssen Mobilfunkanbieter eine sogenannte „Welcome-SMS“ mit Informationen zu den geltenden Tarifen versenden, sobald sich das Handy in ein ausländisches Netz einwählt. Zweitens greift ein „Cut-off-Mechanismus“.

Bei einer bestimmten Grenze, in der Regel sind es 50 Euro netto, wird die Datenverbindung automatisch getrennt, sofern keine höhere Grenze vereinbart wurde. Die 50 Euro können allerdings sehr schnell aufgebraucht sein, je nach Datenverbrauch und Tarif dauert es womöglich nur ein paar Minuten.

Die Schweizer Parlamentarierin Elisabeth Schneider-Schneiter will das Problem lösen, ihre Versuche scheiterten aber bisher an der Regierung. „Ein Roaming-Abkommen mit der EU bringt der Schweiz nur Vorteile, und der EU auch“, argumentiert sie. „Es wäre gut für die Wirtschaft und den Tourismus.“ Die Telekommunikationsanbieter aber verdienen an der jetzigen Lage. Und das nicht wenig.

Im Jahr 2024 nahmen die Schweizer Mobilfunknetzbetreiber 102 Millionen Franken durch Roaminggebühren ein, mit 45 Millionen Franken knapp die Hälfte davon in der EU. Das geht aus den Daten des Schweizer Bundesamtes für Kommunikation hervor.

Von den Roaming-Einnahmen der Mobilnetzbetreiber profitiert auch der Schweizer Staat. Er ist zu 51 Prozent am Marktführer Swisscom beteiligt. „Der Bund will Swisscom nicht weitere Hürden in den Weg legen“, vermutet Schneider-Schneiter als Grund für die Zurückhaltung der Schweizer Regierung.

Die hatte in ihrer Reaktion auf den Vorstoß der Parlamentarierin zwar gesagt, sie stehe einem Beitritt zum EU-Roaming „grundsätzlich positiv gegenüber“. Momentan sei der Zeitpunkt für Verhandlungen aber „nicht opportun“, zuerst müssten „technische und politische Abklärungen zur Machbarkeit und zu den Inhalten“ abgeschlossen werden. Böse Zungen könnten sagen: Dies ist die Art der Schweizer Regierung, ein „Nein“ zu formulieren.

Selbst in der Wohnung lauert das Schweizer Netz

Am nördlichen Bodenseeufer werden viele Handynutzer also wohl noch längere Zeit beim Telefonieren wie festgenagelt auf der Stelle stehen bleiben. „Es gibt Menschen in Hagnau, die müssen in ihrer Wohnung an einer bestimmten Stelle stehen, um noch deutsches Netz zu haben“, erzählt der dortige Bürgermeister Frede. Nur ein Schritt weiter, und man ist den Schweizer Mobilfunkanbietern einmal mehr ins Netz gegangen.

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