Wer hat die Brezel denn nun erfunden? Die Sage um das Laugengebäck

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter und Mütter. Das gilt erst recht beim Essen und Trinken und der Frage, woher besonders beliebte Speisen kommen. In Neapel streiten sich geschätzt ein Dutzend Gastronomen um die Frage, in welcher Backstube die erste Pizza Margherita geknetet wurde. Der Brezel ergeht es nicht anders: Verschiedene Regionen und Orte reklamieren die Erfindung des verschlungenen Gebäcks für sich – vom Elsass bis nach Tirol will man den Teig erstmals derart elegant verdreht haben. Die besten Argumente für die Ur-Brezel zeigt Bad Urach vor. Die Kleinstadt auf der Alb präsentiert eine Entstehungsgeschichte, der man kaum widerstehen kann. Eine Story zum Reinbeißen, könnte man sagen.

Der Besucher von Urach wird schnell auf den Kult gehoben, der um das Laugengebäck getrieben wird. Stadtführerin Petra Reichmann kommt bei ihrer Tour durch die Altstadt geradewegs  auf den Punkt. Als erste Station läuft sie eine alte Bäckerei an. Hier soll die erste Brezel geformt worden sein, gewissermaßen noch als Prototyp und versuchsweise.

Was die Sonne mit den Brezeln zu tun hat

Dann erzählt die Stadtführerin, wie es im späten Mittelalter dazu kam. Ein Bäcker namens Frieder, so heißt es in der Sage, war beim Grafen Eberhard im Bart in Ungnade gefallen. Frieder hatte Frevel begangen und sollte hingerichtet werden. Der Graf gab ihm eine letzte Chance, verbunden mit einer kaum lösbaren Auflage: Er sollte ein Brot formen, durch das die Sonne drei Mal scheint.

Der Bäcker lief ratlos in der Backstube hin und her, seine Frau stand vor ihm und verschränkte die Arme. Das war der rettende Gedanke, der Bäcker verschlang den schlanken Teig so geschickt, bis er die Form der heutigen Brezel hatte. Graf Eberhard im Bart, der damals in Urach residierte, war begeistert, als sein Untertan ihm die erste Brezel präsentierte. Sie wurde seither kaum verändert – ein Klassiker, an dem alles passt.

Kein Wunder, dass ein zweiter Ort die Urheberschaft beansprucht. Auch in Altenriet im Kreis Esslingen geht man davon aus, dass die erste Brezel dort geschlungen wurde. Tatsächlich richten die Altenrieter jedes Jahr ihren Brezelmarkt aus, der immer auf Palmsonntag fällt. Und wie zum Beweis tummeln sich im Gemeindewappen zwei Brezeln. Auffällig ist, dass Urach und Altenriet sich derselben Gründungssage bedienen: In beiden Orten soll der angeklagte Beck ein Brot schaffen, durch das die Sonne drei Mal scheint.

An höherer Stelle ist der schwäbische Brezelstreit längst entschieden. Cem Özdemir besuchte 2022 seinen Geburtsort Bad Urach und verkündete, dass die Brezel unbedingt ins Immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen gehört. Der Grünen-Politiker Özdemir war damals Minister für Ernährung und Landwirtschaft und damit gewissermaßen von Berufs wegen mit Backwaren befasst. Freilich ist Özdemir nicht ganz neutral.

Özdemir an Fasnacht in Bäckerkleidung

Als anatolischer Schwabe und bekennender Uracher hat er sich auf die Seite seiner Heimatstadt geschlagen. Das geht bis in die Fasnacht hinein: Der Grünen-Politiker saß bei der Konzilfasnacht auf der Ehrenbank und war häufig im Bild zu sehen. Er trug die Berufskleidung eines Bäckers samt weißer Mütze und Brezel-Logo. 

Über allem innerschwäbischen Streit um Herkunft und Kinderstube scheint eines festzustehen: Die Brezel ist eine schwäbische Kreation. Die bayrische Brezn unterscheidet sich nicht nur in der Schreibung; sie hat auch dickere Ärmchen, während ihre württembergische Schwester dünner geformt ist und damit knackiger ausfällt. Versöhnlich klingt, was der ehemalige Stuttgarter OB Manfred Rommel über dieses Backwunder einst dichtete: „Des Schwaben Klugheit ist kein Rätsel; die Lösung heißt die Laugenbrezel.“ Die herrliche Ode auf dieses Backwerk  endet mit dem Reim: „Sie erleuchtet mit der Weisheit Fackel, den Verstand vom größten Dackel.“

Graf Eberhard (1445 bis 1491) zählt zu den wichtigsten Herrschern des damaligen noch kleinen Landes Württemberg. Er residierte erst in Urach, wo er das erstmalige Backen der ersten Brezel veranlasste. Später zog er samt Hofstaat nach Stuttgart um, das seitdem als Residenzstadt der Familie Württemberg diente und bis heute Regierungssitz ist. Eberhards wichtigste Tat neben dem kreativen Impuls, der zur Brezel führte: Er ging als Gründer der Universität Tübingen in die Geschichte ein (1477). Die Schwaben verfügten damit über eine eigene Hochschule, die für den nötigen Nachwuchs an Theologen, Ärzten und Juristen sorgte. Bisher mussten sie ins Ausland ziehen – sei es an die Universitäten im badischen Freiburg oder im pfälzischen Heidelberg. (uli)

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