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Armut mit Herz: Gelsenkirchen kämpft mit sich – und um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga

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11.04.2026

Es ist einer jener Sonntagnachmittage, an denen die Zeit scheinbar stillsteht. Am Heinrich-König-Platz kriechen die Minuten zäh dahin. Ein Rollerfahrer düst über den leeren Asphalt, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen zur Eisdiele. Diese Fläche ist nicht irgendein Platz, sondern die amtlich versprochene Mitte der Großstadt Gelsenkirchen. Hier stehen die dünn gesäten Sehenswürdigkeiten: zwei Kirchen, von denen eine geschlossen ist, und ein expressiver Backsteinbau – das Hans-Sachs-Haus.

Gelsenkirchen ist ein spannender Fall für jeden Besucher. Der Stadtführer „Ruhrgebiet“ – ein Einzelgänger im Regal, verdrängt von den Mittelmeer-Guides im Überfluss – ist schnell durchgeblättert. Das Stadtbild wirkt zusammengewürfelt, die Geschäfte sprechen nicht für zahlungskräftiges Publikum. Viele Markenhändler sind weggezogen. Gemessen am deutschen Süden, an den Speckgürteln im Neckarraum oder dem Wohlstand im Allgäu, mutet Gelsenkirchen mit seinen gut 265.000 Einwohnern wie eine Zone der Bedürftigkeit an.

Der Mesner sagt: „In Gelsenkirchen sind die Leute freundlich, offen – und extrem beim Fußball“

Doch der zweite Blick macht auch Hoffnung. Es tut sich etwas an diesem zentralen Ort, die Türflügel der Kirche St. Augustinus werden von innen geöffnet. Das Auge wandert ins Innere, der Altar leuchtet bis auf den verlassenen Platz hinaus. Auf der Empore proben Sängerinnen und Sänger den Gottesdienst für den Abend, begleitet vom Organisten. In der Sakristei verrichtet heute Peter Schabio Dienst. Spontan, wie die Menschen im Ruhrgebiet halt so sind, erläutert er erst mal sein Ehrenamt in der katholischen Gemeinde. Er deutet auf das Priestergewand, das er bereitgelegt hat, und mit einem Satz wischt er alle Befürchtungen weg: „In Gelsenkirchen sind die Leute freundlich, offen – und extrem beim Fußball“, erklärt der Mesner. Dann eilt er ins Kirchenschiff und zündet die Kerzen an.

Da ist er also schon, der Fußball. Die DNA des Ruhrgebiets, wie viele sagen. Vieles mag schlecht laufen, aber da ist ja immer noch der Fußball. In Gelsenkirchen, auf Schalke, war selbst der in den vergangenen Jahren kein Lichtblick. Aber wenigstens das hat sich geändert: Die Schalker haben in diesen Wochen gute Chancen, wieder in die Bundesliga zurückzukehren.

Insgesamt jedoch hat die Stadt ihre große Zeit hinter sich. Diese lag zwischen Gründer- und Nachkriegszeit, als Kohle und Stahl das Revier beherrschten und die Montan-Barone gar nicht genug Arbeitskräfte anwerben konnten. Erst wanderten evangelische Kaschuben und katholische Polen ein, dann Menschen aus Italien und Jugoslawien, die sich längst akklimatisiert haben.

Die Arbeitslosenquote in Gelsenkirchen lag zuletzt bei annähernd 15 Prozent

Das Zeitalter des schwarzen Goldes endete in langen und schmerzvollen Schüben. Die Zeche Graf Bismarck machte als eine der ersten im Ruhrpott dicht, das war bereits 1966. Andere folgten, wie die riesige Zeche Zollverein in der Nachbarstadt Essen, in der viele Gelsenkirchener unter Tage arbeiteten. Das läutete eine Ära ein, die von Abstieg und Wegzug geprägt ist. Gelsenkirchen hat das Ende des Bergbaus am schwersten getroffen. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei annähernd 15 Prozent, seit ein paar Monaten ist ein AfD-Mann zweiter Bürgermeister. Geblieben ist ein kantiger Optimismus und Überlebenswille.

Mit dem Bus kommt man bequem in den nördlichen Stadtteil Buer. Auf der Rückbank sitzt Cynthia, eine Schülerin. Sie hört Musik über ihre Ohrstöpsel und schaut gedankenverloren zum Fenster hinaus. Plötzlich knipst sie ein Lächeln an und erzählt. Cynthia ist unterwegs zu ihrem dreiwöchigen Praktikum bei einem Bestatter. Die Branche hat sie bewusst gewählt, auch sie will eines Tages einsargen und Urnen in die Erde senken. Unvermittelt sagt sie: „Ich will Menschen die letzte Ehre erweisen, die es gibt.“ Dann drückt sie wieder die Stöpsel ins Ohr und schaut aus dem Fenster.

Buer sollte man sich im Rahmen dieser ungewöhnlichen Stadttour unbedingt ansehen. Es versteht sich als die bürgerliche Hälfte der Großgemeinde. Mit Gelsenkirchen schon in den 20er-Jahren fusioniert, hat es seinen gemächlichen Charakter über die rauen Zeiten gerettet. Buer würde über Gelsenkirchen hinaus heute noch kaum jemand kennen, hätte nicht ein spektakulärer Bankeinbruch die Aufmerksamkeit auf den Ort gelenkt. Unbekannten gelang es an Weihnachten des vergangenen Jahres, 3250 Schließfächer der örtlichen Sparkasse leerzuräumen.

In der Sparkasse von Gelsenkirchen-Buer herrscht nach dem Bankeinbruch noch immer dicke Luft

Seitdem herrscht dicke Luft in und außerhalb der Bank. Männer eines privaten Sicherheitsdienstes stehen im Kassenraum und lassen die Angestellten hinter den Glasscheiben nicht aus den Augen. „Wir schützen die Leute der Sparkasse“, sagt einer der Gelbwesten knapp. Mehr kann er, mehr will er nicht sagen. Denn die Wut manches um seine Ersparnisse gebrachten Anlegers hat sich gegen die Kassierer am Schalter gerichtet. Ins Gespräch kommt man hier nicht so schnell. Die Kunden erledigen ihre Geldgeschäfte und schauen, dass sie schnell wieder ins Freie kommen. 

Auf den Straßen haben sich die Leute längst ihr eigenes Bild von diesem Raubzug durch die Schließfächer gemacht. „Ich schwanke zwischen Betroffenheit und Schmunzeln“, sagt Alfons Harms etwa. Er fragt sich, wie man allen Ernstes eine halbe Million Euro in bar in einem Schließfach deponieren könne. Und warum manches Fach so gut bestückt war, dass nicht einmal die eigene Familie davon wusste.

Harms ist ein Prachtexemplar von einem Gelsenkirchener. Der alte Herr geht noch immer kerzengerade durch die Welt. Seine Ausbildung zum Journalisten absolvierte er vor vielen Jahren in Augsburg. Als seine Eltern vor Jahren pflegebedürftig wurden, war für ihn eines klar: Er würde zurück nach Gelsenkirchen-Buer ziehen. Er schwärmt von den Parks, wo sich alles zusammenfindet, freilich und friedlich getrennt nach Ethnien und kulturellen Gewohnheiten. Es stand für Harms nie infrage, eines Tages in den Pott zurückzukehren. Und natürlich nach Buer.

In der Glückauf-Kampfbahn, wie sie bis heute heißt, feierte Schalke 04 seine größten Erfolge

Der Bus ist bei der Rückfahrt fast leer. Klar, die angehende Bestatterin Cynthia steckt mitten im Praktikum und assistiert ihrem Lehrmeister. Auf halber Strecke liegt die Schalker Meile. Hier ziehen die Fans vor den Spielen ihres Klubs entlang. „Fußball ist hier wie eine Religion“, sagt Jonas Pflips, der als Raumplaner im Stadtteil Schalke arbeitet. Pflips hätte jetzt eigentlich Mittagspause und könnte die Beine hochlegen. Tut er aber nicht, stattdessen führt er den Reporter, der vorbeischneit, in das alte Schalke-Stadion.

In der Glückauf-Kampfbahn, wie sie bis heute heißt, feierte der Verein seine größten Erfolge. Das Areal ist längst wieder rückgebaut, mit der Veltins-Arena verfügt der derzeitige Zweitligist schon seit fast 25 Jahren über eine moderne Heimspielstätte. Zurück blieb hier ein zuwucherndes Feld und viel Ruhm, der sich über die grauen Fassaden der Schalke-Meile verteilt. Viele Häuser sind mit weiß-blauen Graffiti bemalt. Große Spieler sind in Wort und Bild verewigt. Auch Ernst Kuzorra, der dem Platz seinen Namen vererbt hat. An diesem Tag ist er nahezu leer. Ein Heldenplatz ohne Publikum.

Nur die Trinkhalle winkt. Trinkhalle, das ist eine Ruhrpott-Institution. Ein Ort für spontane Begegnungen und leiblichen Trost. Und eine charmante Übertreibung zugleich, handelt es sich doch um einen schlichten Kiosk mit einem kleinen Fenster zum Verkauf. Dafür findet man bis in den Abend hinein Zuspruch und eine Zeitung. Bestellt man sich einen Kaffee, wird der als lauwarmer Bittersud aus einer Thermoskanne aus dem Verschlag gereicht. Der Herr daneben ist schon beim „Bier vor vier“ angelangt. Im Gespräch geht es um den unvermeidlichen Fußball, die Biermarke, das Wetter. Und um die vielen Frauen mit Kopftuch, die hier unterwegs sind und mit familiärem Anhang das Bild prägen. Er sagt das nicht aggressiv. Es irritiert ihn eher, wie sich die Stadt verändert. Ums Wegnehmen von irgendetwas gehe es gar nicht. Wer wenig hat, kann auch wenig verlieren.

Gelsenkirchen schrumpft – an Menschen, an Kaufkraft, an Kapital

Die Kirche St. Josef ist Pflichtetappe für Fußballfans. Vor dem prächtigen backsteinroten Bau hängt ein Transparent, worauf steht: „Vorm Spiel is inne Kirche“. Vor jedem Auftritt des FC Schalke 04 treffen sich die Fans hier, offenbar auf der Suche nach höherem Beistand. Ein Glasfenster zeigt den Heiligen Alois mit einem Fußball zu Füßen. Eine Einzigartigkeit der Kunstgeschichte. Leider ist das Gotteshaus in der Regel geschlossen. Das Herbstlaub hängt noch an den Fenstern und auf den Treppen. Gottesdienste finden hier nicht mehr statt, nurmehr Fanbetreuung.

Das hat auch damit zu tun, dass Gelsenkirchen schrumpft – an Menschen, an Kaufkraft, an Kapital. Die Bahnhofstraße ist eine billige Meile. Renommierte Marken sperren ihre Niederlassungen zu. Stattdessen öffnen Discounter mit Dutzenden von Ein-Euro-Angeboten. Der Reiseführer empfiehlt den Kauf einer Currywurst. Der Kauf wird zum Reinfall: Die Thekenfrau schneidet das Fleisch tatsächlich mit einer Schere auf und zerfetzt das leckere Teil. Immerhin: Bei 4,95 Euro für Wurst und Pommes freut sich der Schnäppchenjäger. Der Besuch im Barbershop ist erfolgreicher, für acht Euro fühlt sich die eigene Gesichtshaut an wie ein Babypopo, Kopfmassage und mehrfaches Aftershave inklusive. Und die Eiskugel gibt es für 1,50 Euro.

Immer wieder stößt man auf freundliche Menschen. Ein Lächeln unter Kappen und Mützen. Vor einer Bäckerei stehen Bettler. Die Verkäuferin am Tresen kennt sie gut, einigen hilft sie, vorausgesetzt, sie verhalten sich nicht aggressiv. „Ich habe einer Obdachlosen schon einen Schlafsack gekauft“, sagt die Frau nebenbei. Auch sie ist eingewandert, wie die meisten hier. Dann tippt sie auf ihrer Kasse herum und sagt noch: „Ich glaube an das Gute im Menschen.“

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