„Alles an mir war schon mal knackiger“: So geht es dem Grafen heute |
Der Graf (Unheilig) im Interview
Lieber Graf, äußerlich haben Sie sich gar nicht verändert in den neun Jahren Ihrer Abwesenheit.
GRAF: Danke, aber ich fürchte, das täuscht. (lacht) Der Bart ist grau, und so ein paar Fältchen sind dazugekommen. So gut wie alles an mir war auch schon mal ein bisschen knackiger.
Wie haben Sie sich für Ihr Comeback in Form gebracht?
GRAF: Ich gehe joggen und ins Fitnessstudio. Und ich achte darauf, mein Gewicht zu halten. Wenn ich zu schwer bin, dann bin ich nicht fit. Das belastet mich, und ich werde unglücklich. Ich bin einfach unsicher, sobald das Hemd ein bisschen zwickt.
Was haben Sie eigentlich die ganze Zeit getrieben?
GRAF: Ich schäme mich fast, das so zu sagen, aber in den ersten drei Jahren habe ich gar nichts gemacht. Wirklich gar nichts. Die unzähligen Eindrücke der Jahre davor musste ich erst mal sacken lassen und verarbeiten. Wir waren zwei Jahre auf Abschiedstournee, davor auch fünf Jahre ununterbrochen unterwegs, deshalb war es nötig, wirklich mal runterzukommen. Und sich auch um die Baustellen zu kümmern, die sich gesundheitlich so aufgetan hatten. Sich mal richtig durchchecken zu lassen, zum Zahnarzt zu gehen, auch mal wieder Zeit mit der Familie zu verbringen. Ich bin zum Beispiel öfter mit meinen Eltern wandern gegangen. Schon allein deshalb bin ich froh, mir diesen Riesenluxus namens Zeit geleistet zu haben.
Fiel es Ihnen leicht, das Leben so abzubremsen?
GRAF: Nein. Manchmal bin ich in dieser Zeit nachts schweißgebadet wach geworden, weil ich geträumt hatte, ich hätte einen Auftritt, aber keine Klamotten zum Anziehen. In solchen Augenblicken war ich froh, dass ich aufgehört hatte. Meine Frau und ich sind dann immer mal wieder mit dem Wohnmobil nach Spanien gefahren, haben uns ansonsten treiben lassen, haben geguckt, was der Tag so bringt, und viel miteinander geredet. Im Grunde genommen musste ich so ein bisschen therapiert werden.
Wann hat sich die Musik wieder in Ihr Leben geschlichen?
GRAF: Nach drei Jahren fing ich hier und da wieder an zu schreiben. Das kannst du gar nicht ausschalten. Es entstanden erste Texte, und dann fing ich an, darüber nachzudenken, ob ich wieder Musik machen möchte. Der Wunsch war anfangs noch nicht groß, er wuchs aber allmählich. Irgendwann hatte ich auf dem Handy einen Ordner mit Songtexten, der „Unheilig Album“ hieß. Wiederum zwei, drei Jahre später habe ich mir einen Laptop gekauft, um ein bisschen Musik zu produzieren. Immer, wenn meine Frau und ich mit dem Wohnmobil unterwegs waren, haben wir uns diese Musikskizzen angehört. Und waren beide ganz begeistert. Gleichzeitig hatte ich so vehement gesagt, ich komme nie wieder, dass ich mir die Vorstellung gar nicht erst erlaubt habe, meine Meinung zu ändern.
GRAF: Kam ich ins Krankenhaus mit dem Verdacht auf einen stillen Herzinfarkt. Seitdem ich 50 bin, gehe ich regelmäßig zur Vorsorge, und Anfang 2025, war mein Blutdruck plötzlich so hoch, dass die Ärzte richtig Panik bekamen. Als ich plötzlich da im Krankenhausbett lag, dachte ich über mein Leben nach. Auf einmal war mir egal, was die Leute denken und ob ich 10.000 Male gesagt habe, ein Comeback werde es nicht geben. Als ich wieder zu Hause war, rief ich meinen Manager an, der sich natürlich gefreut hat, und beriet mich mit meiner Frau.
Die sich weniger gefreut hat?
GRAF: Doch, sie hat sich auch gefreut. Sie sagte sogar, sie fände es gut, wenn ich wieder loslegen würde. Im Unterschied zu früher fahren wir nun zu vielen Terminen gemeinsam. Ich will einfach nicht mehr so lange am Stück von meiner Frau getrennt sein.
Handelt das neue Lied „Liebe“, in dem zwei Menschen zusammen alt und grau werden, von Ihnen beiden?
GRAF: Diesen Song habe ich hauptsächlich für meine Eltern geschrieben. Sie waren für mich, auch mit über 80 noch, immer ein großes Vorbild, was Liebe und Beziehung angeht. Die beiden sind immer zusammengeblieben. Kern des Liedes ist meine Überzeugung, dass es Menschen gibt, die einfach füreinander bestimmt sind. Ich glaube daran, dass es die wahre Liebe gibt und dass sich die wahre Liebe auch findet. Ich glaube auch, dass wir uns alle irgendwann wiedersehen werden.
Der Sänger Der Graf (56) war nach der Schule Zeitsoldat und machte dann eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker. 1999 entstand das Projekt Unheilig, das erste Album erschien 2001, „Große Freiheit“ (2010) und die drei folgenden erreichten Platz eins der Charts. 2016 zog er sich ins Privatleben zurück, 2025 kündigte er seine Rückkehr an. Nun ist sein neues Album „Liebe Glaube Monster“ erschienen. Der Graf ist verheiratet und lebt in der Nähe von Aachen. Am 6. Juni tritt er in Tettnang auf (Tickets: tourist-info@tettnang.de), am 22. Januar 2027 in Kempten und am 20. Februar in Freiburg.
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