Städtepartnerschaften benötigen neuen Schwung |
„Das vergangene Jahr stand im Zeichen der Neuordnung“, sagt Elke Dachauer. Die Leiterin des Sachgebiets Integration ist mit einem Stellenumfang von zehn Prozent auch für die Städtepartnerschaften Überlingens zuständig. In dieser Funktion berichtet sie dem Ausschuss Bildung, Kultur und Soziales (ABKS) über den Stand der Dinge. Seit 1987 besteht die Partnerschaft mit der französischen Stadt Chantilly, der Vertrag mit der sächsischen Gemeinde Bad Schandau wurde 1990 geschlossen. Bei beiden Partnerschaften sind die Aktivitäten in den vergangenen Jahren zurückgegangen, eine Belebung nach der Pandemie gestaltete sich schwierig. Elke Dachauer nennt Gründe dafür. Die einst recht intensiven Verbindungen zu Chantilly wurden auf beiden Seiten von Menschen getragen, die sich mittlerweile aus Altersgründen zurückziehen. Der lange recht rege Verein Cercle franco-allemand hat sich aufgelöst, es dominierten Wahlen vor Ort.
Als Impulse für eine Belebung der bestehenden Städtepartnerschaften verabschiedete der Gemeinderat Ende 2024 eine neue Richtlinie. Vereine, Institutionen und Gruppen mit Sitz in Überlingen können seitdem Anträge stellen für eine finanzielle Unterstützung von „Projekten, Veranstaltungen und Besuchen, die einen klaren Mehrwert für die Förderung der Städtepartnerschaft und Freundschaft der Städte erkennen lassen“, so die Richtlinie.
Instrument zur Förderung greift
Laut Elke Dachauer beginnt das Instrument zu greifen. Im vergangenen Jahr wurden drei Anträge gefördert. Im Mai besuchte eine Klasse des Gymnasiums Überlingen im Rahmen des Austauschprogramms Chantilly, der Musikverein Harmonie spielte in Bad Schandau. Dieses Ziel steuerten im Juni die Radsportfreunde Überlingen bei ihrer siebentägigen Tour an.
Aufgabe wäre es jetzt, neue Akteure im Ehrenamt zu gewinnen und das Jubiläum im kommenden Jahr vorzubereiten, so Dachauer. Sie regt an, dafür eine „Taskforce“ zu bilden, zum Beispiel aus den Reihen des Gremiums. Die Partnerschaft mit Chantilly wird 2027 dann 40 Jahre alt. Das greift Oberbürgermeister Jan Zeitler im Verlauf der Diskussion auf, spricht aber lieber von einem „Orgateam“, bei dem sich der „nicht allzu belastete Ausschuss Bildung, Kultur und Soziales einbringen“ könne, zusammen mit Vertretern des neuen Europäischen Partnerschaftsvereins Überlingen (EUPUE). Dessen Vorsitzender, Jens Bechu, verfolgt die Sitzung von der Zuschauerreihe aus und hatte zuvor – mit Erlaubnis des Gremiums – den im vergangenen Jahr gegründeten Verein vorgestellt. Noch seien sie eine kleine Gruppe und müssten noch an Bekanntheit gewinnen, so Bechu. Von der Stadt wünscht er sich mehr Unterstützung.
Förderinstrument und neuer Verein
Vereine, Institutionen und Gruppen mit Sitz in Überlingen können für Projekte, Veranstaltungen und Besuche, die einen klaren Mehrwert für die Förderung der Städtepartnerschaft und Freundschaft der Städte erkennen lassen, einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellen. Die Richtlinien und ein Antrag als Online-Formular sind auf der Homepage der Stadt abrufbar: www.ueberlingen.de/foerderung-staedtepartnerschaftlicher-projekte. Im April 2025 fand die Gründungsveranstaltung des Europäischen Partnerschaftsvereins Überlingen (EUPUE) statt. Der Verein hat das Ziel, europäische Partnerschaften, insbesondere die Städtepartnerschaft zwischen Chantilly und Überlingen, zu fördern. Jens Bechu fungiert als erster Vorsitzender. Kontakt: jens@bechu.de
Richtlinien überprüfen und eventuell anpassen
Jan Zeitler merkt an, dass die Stadt über 230 Vereine verfüge und auf die Gleichbehandlung achten müsse. „Wir können uns Gedanken machen, ob wir bei den Regeln nachschärfen. Das ist eine Frage der politischen Willensbildung“, sagt er in Richtung der Stadträte. Für eine Überprüfung und eventuelle Anpassung plädiert Günter Hornstein (CDU), ebenso Ulf Janicke (LBU/Grüne), der „vor allem mit Blick auf das nächste Jahr und die besondere Situation durch das Jubiläum“ die Antragsfrist verlängern möchte. Bettina Dreiseitl-Wanschura spricht sich für eine erste Unterstützung des Vereins aus und möchte junge Leute bei der Vorbereitung des Jubiläums einbeziehen. In Chantilly gibt es ein Pendant zum Überlinger Jugendgemeinderat, mit dem Jens Bechu nach eigener Aussage bereits Kontakt aufgenommen hat.
„Städtepartnerschaften funktionieren nur durch persönliche Kontakte und Freundschaften, die sich ergeben“, fügt Franz Dichgans (CDU) an. Er hält den neuen Verein für „wahnsinnig wichtig, um das zu erreichen. Das kann die Stadt nicht“. Man brauche keine neuen Partnerschaften mit anderen Städten einzugehen, wenn man es mit den aktuellen nicht hinbekomme. Damit bezieht er sich auf eine Frage von Christian Sellerbeck (FWV/ÜfA), der sich nach eventuell geplanten neuen Partnerstädten erkundigt hatte und den Schüleraustausch und die langjährigen guten Kontakte des Gymnasiums mit einer Stadt in den USA ins Spiel brachte. Der Vorschlag findet wenig Resonanz, Jan Zeitler winkt schon wegen der geplanten Verschärfungen bei der Einreise ab. Ihn erreichten immer wieder Anfragen, so der Oberbürgermeister, zum Beispiel aus Patagonien, was allein wegen der Reisekosten nach Südamerika nicht infrage komme.
Brigitte Mergenthaler-Walter, zweite Vorsitzende des EUPUE, meldet sich ebenfalls aus den Zuschauerreihen zu Wort und plädiert dafür, die Realschule mehr zu beteiligen, Möglichkeiten für Praktika zu schaffen und über einen jährlichen Schüleraustausch am Gymnasium nachzudenken. Der aktuelle findet alle zwei Jahre statt. Zudem regt sie an, die Vereine mehr einzubeziehen.
Günter Hornstein macht sich Sorgen um die Partnerschaft mit Bad Schandau wegen der politischen Entwicklung im Bundesland Sachsen. Elke Dachauer erläutert, dass hier das Instrument des Schüleraustausches schwierig sei, da die Schullandschaft des rund 3500 Einwohner zählenden Ortes kaum mit der Überlingens vergleichbar sei.
Jan Zeitler schließt den Tagesordnungspunkt mit den Worten: „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die Förderrichtlinien anpassen und den neuen Verein fördern können.“ Dazu regt er ein baldiges Auftakttreffen zur Organisation des Jubiläums mit Chantilly an, an dem der gesamte ABKS teilnehmen soll.
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