Zwischen Engpässen und Aufbruch: Tafeln im Landkreis Konstanz stellen sich neu auf

Die Tafeln im Landkreis Konstanz stehen vor einem Umbruch. Bei der Mitgliederversammlung des Vereins wurde deutlich, dass die bisherige Grundlage der Arbeit brüchiger wird. Aus dem Lebensmitteleinzelhandel kommen weniger Waren als noch vor wenigen Jahren. Gründe dafür sind präzisere Bestellungen, Just-in-time-Verfahren und eine immer genauere Kalkulation, etwa in Bäckereien. Für die Tafeln wächst damit der Druck, neue Wege der Versorgung zu erschließen.

Der Vorstand, der sich in diesem Jahr fünfmal getroffen hat, machte deshalb die „Allianz für Lebensmittelrettung“ zum Thema. Der Landesverband Baden-Württemberg ist dem Bündnis inzwischen beigetreten. Für die Tafel im Landkreis Konstanz hat das unmittelbare Folgen. Das Zentrallager in Worblingen soll als Standort der Landeslogistik Verantwortung für 30 Tafeln in der Region übernehmen. Damit wächst die Bedeutung des Vereins über den Landkreis hinaus.

Das Lager in Worblingen wird zum Schlüssel für die Verteilung im Bodenseeraum

Hinter dieser Neuausrichtung steckt ein klarer Strategiewechsel. Wenn der Handel weniger Überschüsse abgibt, müssen verstärkt Lebensmittel aus der Industrie gerettet werden. Dort fallen weiterhin hochwertige Waren an, etwa durch Überproduktionen, Verpackungswechsel oder nahende Mindesthaltbarkeitsdaten. Gemeinsam mit Tafel Deutschland und Dachser Food Logistics soll die Allianz solche Warenströme besser erschließen. Ziel ist es, Lebensmittel schneller in die Region zu bringen und möglichst schon am Tag nach der Anlieferung weiterzuverteilen.

Dafür wurden in Worblingen bereits Voraussetzungen geschaffen. Der Verein hat eine zusätzliche Halle mit 170 Quadratmetern angemietet und eine Fachkraft für Logistik eingestellt. Zudem laufen Absprachen mit den Tafeln im Bodenseeraum, um Mengen, Warenmix und Verteilung transparenter zu organisieren. Der Vorstand machte deutlich, dass das Lager entscheidend dafür sein wird, in welchem Umfang die Tafelarbeit in den kommenden Jahren fortgeführt werden kann.

In der Kasse klafft dieses Mal ein Loch

Auch wirtschaftlich bleibt die Lage angespannt. Die Umsätze gingen um drei Prozent zurück, der Haushalt weist ein Minus von 29.751 Euro aus, nachdem im Vorjahr noch ein Plus von rund 35.000 Euro verbucht worden war. Zugleich stützt sich der Verein auf 187 Mitglieder und ehrenamtliche Helfer. Bei den Kunden verändert sich das Bild ebenfalls. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich die Zusammensetzung der Kundschaft deutlich verschoben. Lag der Anteil ukrainischer Kunden zeitweise bei rund 80 Prozent, beträgt er inzwischen noch etwa 40 Prozent, andere Gruppen sind dafür wieder stärker vertreten.

Hilfe, die über Lebensmittel hinausgeht

Die Tafeln im Landkreis Konstanz leisten weit mehr als reine Lebensmittelhilfe. So wurden unter anderem Schulrucksäcke finanziert, ergänzt durch Friseuraktionen, Gastkoch-Termine und weitere Angebote, die Begegnung und Teilhabe fördern. Hinzu kamen kulturelle Projekte wie „Spielzeit“, bei dem Helfer und Kunden der Tafel selbst auf der Bühne standen.

Wie unterschiedlich die Arbeit vor Ort aussieht, zeigt der Blick in die einzelnen Standorte. In Stockach kommen pro Woche durchschnittlich 90 bis 100 Kundinnen und Kunden, in Radolfzell versorgen 24 Ehrenamtliche rund 100 Menschen wöchentlich. In Engen haben etwa 145 Haushaltsgemeinschaften Anspruch auf Unterstützung, darunter 226 Erwachsene und 162 Kinder. Tatsächlich werden dort pro Woche 60 bis 75 Personen erreicht.

Verantwortliche denken heute schon an morgen

Trotz aller Belastungen präsentierte sich der Verein handlungsfähig. Neue Kühltechnik, Fahrzeuge, eine Markise und in Worblingen eine Photovoltaikanlage mit Speicher zeigen, dass weiter investiert wird. Sichtbar wird damit vor allem eines. Die Tafeln wollen Versorgung heute sichern und müssen gleichzeitig die Weichen für morgen stellen.

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