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Neue Ausstellung in Überlingen enthüllt bislang unbekannte Details über das Münster

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26.03.2026

Das Überlinger Münster ist die größte gotische Kirche am Bodensee. Zudem ist es Abbild des rasanten Wachstums Überlingens. „Bei der Grundsteinlegung 1350 hatte die Stadt etwa 3500 Einwohner“, sagt Stadtarchivar Walter Liehner beim Rundgang mit dem SÜDKURIER durch die kommende Sonderausstellung: „Das Überlinger Münster vom Mittelalter bis heute.“ Und die Bürger des mittelalterlichen Iburinga trachteten nach Großem. Raphael Wiedemer-Steidinger, Leiter des Fachbereichs Kultur, fügt hinzu: „Wäre es nach den Bauherren gegangen, könnten wir eine Basilika präsentieren“, also eine dreischiffige Kirche mit fensterreichem Lichtgaden. Doch über die Bauzeit von mehreren Jahrhunderten kam es immer wieder zu Planänderungen. So entstand das gotische, fünfschiffige Sankt-Nikolaus-Münster.  

Das Städtische Museum widmet dem Sankt-Nikolaus-Münster eine Sonderausstellung. Aus mehreren Jahrhunderten wurden rund 60 Exponate zusammengetragen. Diese Gegenstände zeigen nicht nur den Weg der Kirche durch die Zeit, sondern auch bislang unbekannte Details zur Bau- oder Kulturgeschichte. Die Ausstellung läuft vom 1. April bis zum 12. Dezember 2026. Der Eintritt beträgt 5 Euro. Außerdem gibt es Kuratorenführungen für 8 Euro.

Eine überfällige Ausstellung

Bis heute habe das Gotteshaus eine Bedeutung für die Bürgerschaft Überlingens, sagt Archivar Walter Liehner. Über die Konfessionen hinweg sei es identitätsstiftend und mit seinen ungleichen Türmen das Wahrzeichen der Stadt. Doch eine entsprechende Würdigung blieb bislang aus. Das ließ laut Kulturamtsleiter Michael Brunner nur einen Schluss zu: Die Ausstellung war überfällig.

Die Anlässe dafür häufen sich. Vor 450 Jahren, 1476, wurde der Nordturm fertiggestellt. Daneben spielen diverse Jubiläen mit rein: 1924 wurde die umfassende Renovierung des Münsters abgeschlossen. Zuletzt wurde die Restauration des großflächigen Gemäldes des Jüngsten Gerichts, das Jacob Carl Stauder 1722 schuf, der Öffentlichkeit vorgestellt. Aus all diesen Gründen finden seit Jahren Forschungen zur Geschichte, Bauentwicklung und Innenausstattung des Münsters statt. Doch neuere Erkenntnisse blieben bisher weitgehend unpubliziert, so Brunner. Die vielen Forschungen und neuen Erkenntnisse rund um das Münster sollen bald in einer Monografie im Wilhelm Fink Verlag erscheinen.

Die Geheimnisse des Münsters

Trotz oder gerade wegen der Größe des Münsters steckt der glücklicherweise nur redensartliche Teufel im Detail. Die Geheimnisse der Basilika sind mitunter gut versteckt. Etwa der geschnitzte Bettler aus dem Bernhardus-Altar. Wie der Hochaltar ist er ein Werk des Barockbildhauers Jörg Zürn. Er weist eine enorme Ähnlichkeit mit einem stilisierten Selbstbildnis des Handwerkers auf. Ist der Bettler im Altar also ein Kryptoporträt Zürns? Ein weiteres Beispiel wären die Figuren des Zürn-Altars, die erstmals kunsthistorisch gedeutet wurden. Etwa der Hirte mit Sackpfeife, die ein triebgesteuertes und damit vorchristliches Stadium andeutet, wie Brunner referiert. Auch das Jesuskind ist Teil der Ausstellung – im Münster liegt derweil eine Neufassung der Owinger Bildhauerei Benz.

Deutlich größere Dimensionen trägt der Spott Jacob Carl Stauders über Michelangelos Körperkult, den er in seinem Wandgemälde über dem Chor des Münsters verbildlicht. Ausgerechnet die „Sixtina am Bodensee“ zeigt Adam als lamentierenden Muskelprotz in der Hölle. Die Ausstellung stellt drei Gemälde Stauders gegenüber, darunter die Neuentdeckung aus der St. Leonhards-Kapelle. Der Vergleich verdeutlicht seine stilistische Vielfalt. Mal sind die Bilder flüchtig mit breitem Pinsel aufgetragen, mal pittoresk und opulent. Vielleicht das künstlerische Abbild eines redegewandten, aber moralisch fragwürdigen „Partylöwen“, wie ihn Kulturamtsleiter Brunner charakterisiert.

Die Ausstellung führt über die sakrale Kunst und die Restaurierung zur Baugeschichte. Entwürfe zeigen etwa die Vision eines gigantischen Münsterturms oder vervollständigt mit Zwillingstürmen, die an die Stadtkirche Esslingens erinnern, verbunden mit einer überdachten Brücke. Ein bislang gehütetes Geheimnis dürfte auch der Entwurf eines Münsterfensters des niederländischen Künstlers Roy Mordechay sein. Der hatte beim internationalen Wettbewerb für ein neues Kunstwerk im Kölner Dom den zweiten Platz belegt. Für das Überlinger Münster hat er 2025 ebenfalls einen Entwurf geschaffen: das Friedensfenster. „Es wäre das einzige Kirchenfenster eines israelisch-jüdischen Künstlers in Deutschland“, sagt Brunner. Finanziert wäre es, genehmigt noch nicht.

Der zusammengepuzzelte Altar

„Eine Herzensangelegenheit“, wie Stadtarchivar Walter Liehner sagt, sei ihm das kirchliche Brauchtum. Dabei waren und sind die Prozessionen von zentraler Bedeutung. „Die bedeutendste war die Fronleichnamsprozession, bei der alles aufgeboten wurde, was die Reichsstadt zur Schau tragen konnte“, schildert der Archivar. Dabei enthüllt er auch einen Fehler in der Schwedenprozession: „Eigentlich blickt die Maria zum Volk.“ Seit den 50er-Jahren werde jedoch mit dem Rücken zum Gefolge getragen. „Wegen der Touristen“, wie er sagt, weil es auf Fotos besser aussieht, dafür die Tradition außer Acht lässt.

Im Münzschatz eine Prozessionslaterne des Ammans aufzustöbern, erfreute ihn angesichts seiner Passion für das Brauchtum umso mehr. Zumal sie 1500 entstanden ist. Vor allem habe sie eine außergewöhnliche Symbolik: „1397 verpfändete König Wenzel das Ammanamt und explizit auch den Blutbann an die Reichsstadt“, erläutert der Archivar. Der Amman war von da an auch Richter über Leben und Tod. Er hält das Licht in den Händen. „Er konnte es entzünden, aber auch ausblasen“, verbildlicht Liehner das mittelalterliche Verständnis. Liehners persönlicher Höhepunkt ist jedoch die Wiederentdeckung des Josefsaltars. Der wurde 1883 durch den Herz-Jesu-Altar in der dritten Nordkapelle ersetzt. In „detektivischer Kleinstarbeit“ habe er die drei Teile des Josefaltars zusammengetragen, erzählt er. Es zeichne einen Archivar aus, wenn er die Klaviatur seiner Archivalien auch spielen kann, scherzt Liehner. So entdeckte er etwa, dass ein Teil des Altars als Gemälde an der Wand hing – ausgerechnet im Pfarrbüro.

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