Beim Singener Wirtschaftsforum wird an der Uhr gedreht: Zeit ist ein wertvolles Gut geworden

Herr Geissler, wie würden Sie, als Zeitforscher, den Begriff „Zeit“ mit wenigen Worten definieren?

JONAS GEISSLER: Zeit ist der Grund dafür, dass nicht alles auf einmal passiert.

Und sie gilt als knapp werdender Rohstoff.

JONAS GEISSLER: Richtig, seit wir in unserem Kulturkreis begonnen haben, Zeit in Geld zu berechnen, haben wir die Zeit zu einem wertvollen Gut gemacht. Folglich sind wir bestrebt, Vorgänge zu verdichten, die Aktivitäten innerhalb eines Zeitrahmens zu beschleunigen, Zeit zu sparen, weil sie wertvoll ist – obwohl wir das real gar nicht tun können. Wir haben nicht wie bei „Momo“ ein Zeitkonto. Und wir können auch nicht zweimal jährlich die Zeit umstellen – lediglich die Uhren. Das Einzige, was wir mit der Zeit tun können, ist, sie zu leben und dabei Aufgaben oder uns selbst zu managen und zu organisieren.

Viele empfinden permanent Zeitdruck. Leben wir tatsächlich schneller – oder nehmen wir Zeit nur anders wahr?

JONAS GEISSLER: Was sich beschleunigt hat, sind die Interaktionsepisoden pro Zeiteinheit. Wir tun – aufgrund der vorhandenen Möglichkeiten – immer mehr Dinge in der gleichen Zeit. Was aber nicht mitgewachsen ist, ist unsere Verarbeitungskapazität, denn diese ist biologisch determiniert und lässt sich nur geringfügig steigern.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

JONAS GEISSLER: Die Zeit kommt uns kürzer vor, weil wir immer mehr Dinge tun müssen – oder können – deren Wahrnehmung jedoch oberflächlicher ist, die nicht in die Tiefe gehen, uns emotional weniger berühren. Exemplarisch für die Reizüberflutung steht das Wischen auf dem Smartphone. Was dabei fehlt, ist Merk-würdiges, etwas, das uns berührt, Emotionen weckt. Biografische Momente verankern sich in unserem emotionalen Erfahrungsgedächtnis, dehnen die Zeit, schaffen Erinnerungen. 

Das erklärt die Gefahr von Social Media – gerade für Kinder.

JONAS GEISSLER: Für die Debatte, ob wir unsere Kinder auf Social Media loslassen dürfen oder nicht, ist es wichtig zu wissen, dass sich hier das wohl größte Geschäftsmodell unseres Planeten verbirgt. Die kurzen Clips und Posts der Sozialen Medien sind strategisch so clever gebaut, dass unsere Dopaminloops permanent angeschubst werden. Und das Gehirn der Kinder ist formbarer, als das eines Erwachsenen. Werden sie täglich mit diesen schnellen, oberflächlichen Infos befeuert, haben sie keine Chance, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen, die über ein drei Sekunden langes TikTok-Video hinausgehen oder sich wegwischen lassen. Wie sollen sie mündige Bürger werden? In logischer Konsequenz wird das ebenso gesundheitliche wie gesellschaftliche Folgen haben.

Gibt es im Umgang mit Zeit Generationsunterschiede?

JONAS GEISSLER: Die ganze Generationsaufteilung wird kritisch gesehen. Zu Recht. Es gibt jedoch Alters- und Lebensphasenunterschiede, aufgrund sich verändernder Bedürfnisse. Wenn ich mit Mitte zwanzig nach dem Studium einen Job annehme, keine Kinder, keine Verpflichtungen habe, ist mir vielleicht das Gehalt weniger wichtig, als 52 Urlaubstage zu bekommen, in denen ich reisen könnte. Für jemanden mit Mitte 30, der eine Familie versorgen und den Kredit für eine Immobilie abbezahlen muss, verschieben sich die Präferenzen. Der wird das Gehalt der Freizeit vorziehen. Zeit ist Geld und das erzeugt Wohlstand – jedoch nicht Glück. Wenn man am Ende des Lebens auf das zurückblickt, was es lebenswert machte, nennt kaum jemand Geld, sondern resonanzgeprägte Werte wie Liebe, Vertrauen, Freunde, Zufriedenheit, Genuss. Daher werden sich diejenigen, die sich bereits einen bestimmten Wohlstand erarbeitet haben, in Hinblick auf die noch verbleibende Lebenszeit eher weniger arbeiten wollen. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Zeit steht zwischen Leben und Tod – sonst würden wir uns gar nicht damit auseinandersetzen.

Welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat eine sich verändernde Wahrnehmung der Zeit?

JONAS GEISSLER: Ich bin immer wieder erstaunt, dass Unternehmen, die Zeit nicht stärker in den Fokus rücken. Oft wird Stress zum Wertschätzungscode. Wer zeigt, dass er aus- oder überlastet ist, ist ein gutes Mitglied des Unternehmens. Aus reiner Produktivitätsperspektive wäre es jedoch notwendig, bedürfnisorientiert zu handeln. Wissensarbeit, für Schreibende, Forschende, Kreative, kann nicht funktionieren oder bemessen werden, wie die von Industriearbeit, denn bei Stress greifen wir auf erlernte Muster zurück und sind gar nicht in der Lage, innovativ zu sein. Daher wäre es wichtig, Zeiträume zu schaffen, die Freiraum zur Innovation bieten.

Gemeinsam mit Prof. Harald Lesch werden sie im Rahmen des Singener Wirtschaftsforums, referieren. Welche Rolle spielt denn die Zeit bei der Gestaltung der Zukunft? 

JONAS GEISSLER: Die Art, wie wir mit Zeit umgehen, gestaltet unsere individuelle, gesellschaftliche und unternehmerische Zukunft. Durch unseren momentanen Umgang mit Zeit produzieren wir Krisen – ökologische oder politische - und wir erklären Zusammenhänge, Lösungen und geben Denkanstöße, wie wir mit diesen Herausforderungen umgehen können.

Zu Person und Veranstaltung

Zur Person: Jonas Geissler (*1979 in München) studierte Soziologie und Medien-Management, bevor er sich als Autor, Berater und Speaker etablierte. Er hat Lehraufträge an Universitäten und Hochschulen, ist Autor von „Time is Honey - vom klugen Umgang mit der Zeit“ und dem Spiegel Bestseller „Alles eine Frage der Zeit“ und ist regelmäßig im Radio und TV zu Gast. Mehr unter: https://jonasgeissler.de

Zur Veranstaltung: Am Mittwoch, 25.03.2026 (von 09.30 Uhr bis 19.30 Uhr) veranstalten die Stadthalle Singen in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Singen das Wirtschaftsforum. Den Abendvortrag gestalten Prof. Harald Lesch und Jonas Geissler. Tickets gibt es ab sofort im Vorverkauf. Weitere Infos unter :www.stadthalle-singen.de/veranstaltungen/wirtschaftsforum-singen (nic)

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