Constantin Schreiber: „Spätestens nach fünf bis sechs Tagen ist man einfach mürbe“ |
Herr Schreiber, Sie sprechen fließend Arabisch, haben in mehreren Ländern der arabischen Welt gelebt und gearbeitet und auch Bücher darüber geschrieben. Wenn Sie nun auf den Krieg im Iran blicken: Was passiert da gerade?
CONSTANTIN SCHREIBER: Es ist wirklich historisch, was dort gerade passiert und könnte diese gesamte Region nachhaltig verändern. Wir haben alle wohl eine Vorstellung davon, wie menschenverachtend das Mullahregime im Iran ist, das die eigene Bevölkerung unterdrückt und ein Netzwerk von Terrorismus im Nahen Osten aufrechterhält. Auch, dass Israel sich in einem Existenzkampf befindet, wird wohl spätestens seit dem 7. Oktober 2023 auch bei uns so gesehen. Das Land ist aber auch zunehmend polarisiert, weil nicht alle Israelis gut finden, was die Regierung da tut. Die aus meiner Sicht gravierendste Herausforderung spielt sich aber am Golf ab. In den Emiraten, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien schlagen Raketen und Drohnen ein oder werden abgefangen. Was das in der arabischen Welt ausgelöst hat, das kann man an Bedeutung gar nicht unterschätzen.
Weil das Sicherheitsgefühl plötzlich infrage gestellt worden ist?
SCHREIBER: Weil dieses neue arabische Erfolgsmodell infrage gestellt wird. Ich war das erste Mal 1998 in Syrien. Damals gab es den Konsens in der arabischen Welt, wenn du was aus deinem Leben machen willst, wenn du Freiheit willst, dann musst du gehen. Es ist Dubais riesiger Verdienst, dieses Narrativ aufgebrochen zu haben, zu sagen: Wir können es auch bei uns. Niemand im Westen war vorher auf die Idee gekommen, in den Nahen Osten zu ziehen. Das hat in der arabischen Welt einen unglaublichen Wandel hervorgebracht und diese gesamte Region in einem positiven Sinne revolutioniert. Und das ist jetzt infrage gestellt.
Sie waren bei Ausbruch des Krieges in Tel Aviv. Wie haben Sie diese Tage erlebt?
SCHREIBER: Ich habe ja nach wie vor auch deutsche Medien konsumiert, neben lokalen Medien. Mein Eindruck war, dass man hier bis zuletzt davon ausgegangen ist, das wird nicht kommen. Auch, weil man wohl eher die Risiken gesehen hat. Das wurde in der Region und insbesondere in Israel ganz anders wahrgenommen. Weil man auch die Flugzeugträger, die Flugzeuge, dieses riesige militärische Szenario gesehen hat, ist dort ab einem gewissen Punkt keiner mehr davon ausgegangen, die ziehen einfach wieder ab. Eine frühere Mossad-Chefin, mit der ich Interviews geführt habe, hat mir am Freitagabend eine Nachricht geschickt: „It looks like war“. Dann ging die Nacht vorbei und morgens um sieben heulten unvermittelt die Sirenen los. Normalerweise bekommt man über eine App zunächst eine Vorwarnung und erst fünf bis zehn Minuten später gehen die Sirenen los. Daher dachte ich zuerst, das ist eine Übung. Dann sah man draußen aber schon Leute losrennen und da bin ich dann auch losgerannt.
Wenn es so weit ist, spult man dann sein professionelles Programm ab oder geht auch manchmal einfach die Angst mit einem durch?
SCHREIBER: Beschäftigung und Arbeit lenken einen sehr gut ab. Ich habe mich auch in den Tagen danach nie unsicher gefühlt. Als Journalist bekommt man viel zu sehen und spricht mit vielen. Ich hatte schon den Eindruck: Wenn ein Land wirklich gut vorbereitet ist auf so eine Situation, dann ist es Israel. Es gibt dort etwa unterirdische Krankenhäuser, die vor Raketen geschützt sind, diese Infrastruktur, Vorwarnsysteme, Abwehrkapazitäten. Ich habe fest damit gerechnet, dass es losgeht, hatte mir schon einen Kameramann reserviert, Interviewpartner kontaktiert. Was die Tage dann anstrengend gemacht hat, und das sagen mir jetzt auch die Israelis, mit denen ich noch in Kontakt bin, ist die körperliche Erschöpfung. Man wird jede Nacht fünf- bis sechsmal zu unterschiedlichen Zeiten durch Sirenengeheul aus dem Bett geworfen und muss irgendwo hinrennen, tagsüber natürlich auch noch. Spätestens nach fünf bis sechs Tagen ist man einfach........