Haben Hunde ein Zeitgefühl? Was der Geruchssinn damit zu tun hat

Viele Hundehalter werden Situationen wie diese kennen: Der Hund steht am Bett, weckt sein Herrchen oder Frauchen auf und teilt ihm wortlos, aber nachdrücklich mit, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Oder er steht abends schon zur üblichen Zeit vor dem Fressnapf und wartet auf sein Abendessen. Aber woher wissen Hunde, wann es Zeit fürs Aufstehen oder Abendessen ist? Schließlich können sie keine Uhr lesen. Wie Hunde Zeit wahrnehmen und was ihr Geruchssinn damit zu tun hat, lesen Sie hier.

Zeitgefühl: Können Hunde Zeit wahrnehmen?

Kurz gesagt: Ja, Hunde haben ein Zeitgefühl. Allerdings nehmen sie Zeit anders wahr als Menschen. So können Hunde Zeit als kontinuierliche Abfolge von Ereignissen begreifen, die durch Veränderungen in ihrem Körper und in ihrer Umgebung gekennzeichnet sind, informiert das Online-Portal für Haustiergesundheit und -verhalten petMD. So nehmen sie etwa den Übergang von Dunkelheit zu Licht wahr und spüren ihren Hunger. Dadurch wissen sie, dass es bald Zeit zum Aufstehen und Füttern ist.

Genauso wie Menschen haben Hunde eine biologische Uhr, darauf deuten Studien laut dem Magazin BBC Science Focus hin. Dieser zirkadiane Rhythmus von Tieren, erklärt petMD, spielt eine zentrale Rolle für das Zeitempfinden eines Hundes: Körperliche Veränderungen, beeinflusst etwa durch Hormone, Körpertemperatur oder Stoffwechsel, signalisieren ihm, wann es Zeit zum Aufwachen, Schlafen, Fressen, für den Stuhlgang und für Bewegung ist.

Ein wichtiger Punkt für das Zeitgefühl von Hunden sind auch Tageszeiten und Routinen. „Hunde spüren, wie die Zeit durch ihren Tagesablauf vergeht“, sagt Hundetrainerin Frederica Caneiro gegenüber dem Online-Portal rover.com. Biologe und Spürhundtrainer Dr. Leopold Slotta-Bachmayr spricht gegenüber National Geographic von der „Synchronisation mit dem Menschen“: Wenn Hund und Mensch gut aufeinander eingespielt seien, dann sei es vor allem eine Frage von gemeinsamen Routinen, mit denen sich der Hund am Menschen orientiert. Dann müsse er auch die zeitlichen Abfolgen nicht kennen oder erkennen.

Hunde brauchen Routinen und fühlen sich am wohlsten, wenn sie wissen, was sie am Tag erwartet, erklärt rover.com. Vereinfacht gesagt, verknüpfen sie ein Verhalten oder einen Gegenstand mit einer bestimmten Aktivität, zum Beispiel: Der Wecker klingelt, der Hundehalter steht auf, es gibt Frühstück. Oder wenn das Frauchen die Leine in die Hand nimmt und die Schuhe anzieht, weiß der Hund, es geht gleich raus. Das Verhalten und die Routinen ihres Halters helfen den Hunden, die Tageszeit zu verstehen, erklärt Hundetrainer Darris Cooper laut dem Portal.

Welche Rolle spielt für Hunde der Geruch beim Zeitgefühl?

Hunde haben einen beeindruckenden Geruchssinn. In ihrem Buch „Hund - Nase - Mensch“ beschreibt Alexandra Horowitz, Psychologin und Leiterin des „Dog Cognition Lab“ am New Yorker Barnard College, laut petMD, wie Hunde anhand der nachlassenden Duftintensität den Zeitablauf wahrnehmen können. Der sogenannte „Geruch der Zeit“, das Konzept von Horowitz, das auch National Geographic beschreibt, soll demzufolge so funktionieren:

Wenn der Hundehalter zu Hause ist, ist sein Geruch am stärksten.

Nachdem er das Haus verlassen hat und im weiteren Verlauf des Tages, verblasst der Geruch allmählich.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt der Halter nach Hause. Der Hund kann anhand der Duftintensität seine Rückkehr vorhersagen – vorausgesetzt, der Halter kommt stets ungefähr zur gleichen Zeit nach Hause.

Ein Experiment aus der BBC-Reihe „Inside the Animal Mind“ könnte diese These bestätigen. Dabei wurde kurz vor der Heimkehr des Besitzers dessen Geruch im Haus mithilfe eines kurz zuvor getragenen T-Shirts „aufgefrischt“. Der Hund, der sich normalerweise bereits 20 Minuten vor der gewohnten Rückkehr aufgeregt ans Fenster stellte, blieb ruhig liegen und wirkte sogar überrascht, als sein Besitzer wenig später das Haus betrat. Die BBC weist jedoch darauf hin, dass es eine Anzahl verschiedener Gründe für dieses Verhalten geben könnte.

Hunde können also womöglich mithilfe von Gerüchen Zeiträume abschätzen. Dass Hunde bestimmte Tageszeiten riechen können, hält Dr. Leopold Slotta-Bachmayr laut National Geographic für unwahrscheinlich. Vielmehr reagieren sie auf bestimmte Gerüche, die typischerweise zu bestimmten Tageszeiten auftreten. Ein Beispiel ist der Herd: Wenn er eingeschaltet wird, verbreitet er einen bestimmten Geruch, der dem Hund vor allem signalisiert, dass gekocht wird, und weniger, dass es gerade Mittag ist.

Laut BBC Science Focus haben Hunde kein episodisches Gedächtnis wie Menschen und damit kein Konzept von Vergangenheit und Zukunft. Sie leben stärker im Hier und Jetzt. Jedoch könne laut Horowitz die Ausbreitung eines Duftes dem Hund Informationen über Vergangenheit und Zukunft liefern, schreibt National Geographic. So kann ein schwacher, bodennaher Duft bedeuten, dass ein anderer Hund vorbeigegangen ist. Ein Duft, der in der Luft aufsteigt und immer stärker wird, kann dem Hund signalisieren, dass bald jemand kommt.

Wartezeit: Weiß mein Hund, wie lange ich ihn alleine lasse?

Wer seinen Hund regelmäßig alleine lassen muss, fragt sich womöglich, ob dieser eigentlich ein Gefühl dafür hat, wie lange er alleine zu Hause ist und ob es einen Unterschied für ihn macht, ob es eine Stunde oder vier Stunden sind. Während Hunde laut petMD kein Konzept von Minuten, Stunden oder Tagen haben, können sie schon erkennen, dass Zeit vergeht – wie beschrieben, etwa an der Veränderung des Tageslichtes, ihrem zirkadianen Rhythmus und dem abnehmenden Geruch des Herrchens in der Wohnung.

Dass Hunde Zeiträume sogar hinsichtlich ihrer Länge unterscheiden können, zeigte eine Studie, die 2011 im Fachmagazin Applied Animal Behaviour Science erschienen ist. Dazu wurden in Experimenten zwölf Hunde für 30 Minuten, zwei Stunden oder vier Stunden alleine gelassen. Danach wurde das Verhalten der Hunde beim Wiedersehen mit ihren Besitzern untersucht. Das Ergebnis zeigte: Je länger die Trennung dauerte, desto aufgeregter und erwartungsvoller reagierten die Hunde bei der Rückkehr ihrer Besitzer. Das legt nahe, dass Hunde nicht nur darauf reagieren, dass der Besitzer zurück ist, sondern wie lang er weg war.

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Fazit: Hunde haben ein gewisses Zeitgefühl, aber es funktioniert anders als beim Menschen. Sie können die Dauer von Ereignissen abschätzen und routinemäßige Abläufe erkennen, auch wenn sie keine abstrakten Zeiteinheiten wie Stunden oder Minuten begreifen. Gewohnheiten, sensorische Veränderungen in der Umgebung und ihr biologischer Rhythmus helfen ihnen dabei, Zeitverläufe wahrzunehmen.

Übrigens: Wer das Alter seines Hundes in Menschenjahre umrechnen möchte, kennt vielleicht die Faustregel, dass ein Menschenjahr sieben Hundejahren entspricht. Die Umrechnung ist aber komplexer und abhängig von Faktoren wie der Größe des Hundes.

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