Generationen und Moral - Was ist gute Arbeit?
Die Generation Z ist stinkfaul, will möglichst wenig arbeiten und dafür umso mehr Freizeit haben. Das ist nur eines von vielen Vorurteilen, mit denen junge Menschen heutzutage konfrontiert werden. Ob das nur Gerüchte sind, die ältere Arbeitnehmer in die Welt setzen, oder diese Aussagen einen wahren Kern haben, ist umstritten. Auch Studien sind diesbezüglich gespalten. Klar ist jedoch: Die verschiedenen Generationen blicken völlig verschieden auf das Arbeitsleben und die damit verbundenen Werte. Auch der Unterschied zwischen Ausbildung und Studium prägt dabei die Arbeitsmoral maßgeblich.
Das zeigte sich auch, als wir anlässlich unseres Formats „Ab in die Mitte! – Konsens ohne Nonsens“ zwei Menschen in ihrem Alltag begleitet haben, deren Lebensrealitäten unterschiedlicher nicht sein könnten – so scheint es zumindest auf den ersten Blick: Björn Fritz ist seit mittlerweile vier Jahren selbstständiger Malermeister mit einem kleinen Betrieb in Konstanz. Der 32-Jährige hat sich bewusst für den Weg ins Handwerk entschieden. Elias Engel hingegen studiert Architektur im sechsten Semester an der Hochschule in Konstanz (HTWG). Nebenbei arbeitet der 23-Jährige in einem Werkstudentenjob bei einem Engener Bauunternehmen im Vertrieb, um Praxiserfahrung zu sammeln.
Es ist noch dunkel, als Björn Fritz und seine Angestellten sich frühmorgens zur Besprechung in der Werkstatt treffen. Bevor es auf die unterschiedlichen Baustellen geht, trinken sie gemeinsam einen Kaffee. Den brauchen sie, um wach zu werden – es ist erst 7 Uhr. Ein zeitiger Arbeitsbeginn bedeutet aber nicht, dass der Malermeister früh Feierabend machen kann. Ganz im Gegenteil. Er sitzt oft bis 22 Uhr im Büro, wie er sagt: „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden in der Woche.“ Dementsprechend hält er nicht viel von den präferierten Arbeitszeiten der Generation Z: „Also ich muss ehrlich sagen, Arbeitsmoral mit einer Vier-Tage-Woche und Gleitzeit und was weiß ich, ist in der heutigen Zeit schwierig“, so der Malermeister. Er geht sogar so weit zu sagen, die Jugend sei faul und habe keine Lust zu arbeiten.
„Ich glaube, je besser die Erholung ist, desto besser ist das Ergebnis.“
„Ich glaube, je besser die Erholung ist, desto besser ist das Ergebnis.“
Elias Engel kann verstehen, wie Björn Fritz zu dieser Aussage kommt, als er im SÜDKURIER-Studio damit konfrontiert wird. Doch der 23-Jährige fasst die Arbeitsmoral seiner Generation anders auf: „Ich habe Eigenschaften, die vielleicht als faul gesehen werden, aber die – finde ich – nicht faul sind.“ Er meint damit, dass junge Menschen mehr leben und beispielsweise reisen wollen. „Das ist eher eine Freiheit oder eine Eigenschaft, die man sich nimmt“, so der Student weiter.
Das Handwerk habe damit zu kämpfen. Es fehlen Auszubildende, stellt Björn Fritz klar. „Im Landkreis Konstanz werden Klassen zusammengelegt mit Villingen oder Donaueschingen, um dann auf 15 Schüler zu kommen“, erzählt der Malermeister. Das führt er allerdings nicht nur auf Faulheit, sondern auch auf die Entscheidungsschwierigkeiten der Generation Z zurück, da es heutzutage viele Studien- und Ausbildungsangebote gebe. Man könne junge Arbeitskräfte dann teils nur mit dem Versprechen einer Vier-Tage-Woche locken, so Fritz.
Wir treffen uns mit Elias Engel zuerst in seinem Büro in Engen, wo er an seinem Laptop Aufträge bearbeitet. Als er in den Feierabend entlassen wird, enden seine Pflichten für den Tag allerdings noch nicht. Deshalb fahren wir mit ihm von Engen aus an die Hochschule nach Konstanz. Dort muss er weiter an einem Modell arbeiten, das Bestandteil einer praktischen Architektur-Prüfung ist. Hoch konzentriert schneidet er Formen aus einem Styropor-Block und befestigt sie mit Kleber auf einer Platte. Schnell sind erste Fortschritte sichtbar. Als wir uns am späten Nachmittag von ihm verabschieden, macht er sich auf den Weg in sein Wohnheim, um zu kochen und so den Kopf freizubekommen. Auch sonst ist ihm der Freizeitausgleich – etwa durch Tennisspielen – sehr wichtig: „Ich glaube, je besser die Erholung ist, desto besser ist das Ergebnis. Danach habe ich wieder mehr Power und kann besser arbeiten.“ Seine Überzeugung: Work-Life-Balance ist notwendig für gute Arbeit. Insbesondere in Bezug auf Konzentrationsfähigkeit und Fokus.
Björn Fritz sieht das anders, stellt er während der Diskussion im Studio klar. Er verspüre jederzeit ein gewisses Pflichtgefühl für seine Arbeit und mache deshalb häufig Überstunden. „Wir haben eine sehr hohe Anfrage, und das alles unter einen Hut zu bringen – inklusive Organisation der ganzen Baustellen – ist zeitlich ein bisschen schwierig“, führt er aus. Elias Engel kann da kontern: Obwohl er Wert auf Ausgleich lege, sitze er bis spätabends an seinen Studieninhalten. Auch nach unserem Treffen lernte er nach dem Kochen weiter, wie er erzählt.
Björn Fritz kann dennoch nicht verstehen, weshalb die Work-Life-Balance für junge Menschen so einen hohen Stellenwert hat. Auch er habe als dreifacher Vater trotz seiner langen Arbeitszeiten noch genug Zeit für seine Familie, wie er sagt. Er gehe eben zwischendurch mal nach Hause, um seine Kinder ins Bett zu bringen, und fahre danach noch einmal in den Betrieb. Dass seine Arbeit also sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, findet der 32-Jährige nicht dramatisch – er habe schließlich Spaß an seinem Job, sagt er: „Entweder man geht gerne arbeiten oder besser gar nicht.“ Hier lenkt der Student Elias Engel ein: „Die Work-Life-Balance steht bei mir sehr hoch. Aber ganz oben, da kommt die Leidenschaft.“
Als wir mit Björn Fritz im Laufe seines Arbeitstags eine Baustelle in einem Konstanzer Wohngebiet besuchen, streicht einer seiner zwei Auszubildenden voller Tatendrang eine Kinderzimmerwand. Währenddessen scherzt der Azubi mit den anderen Mitarbeitern. Es wird sofort klar, dass sie ein gutes Verhältnis haben, der Auszubildende dennoch die Hierarchien kennt und achtet. Doch das ist für Fritz mittlerweile nicht mehr die Regel. Er findet, junge Arbeitnehmer hätten keinen Respekt mehr vor Erfahrenen. Und weiter: „Ich denke mal, früher wurde man von Haus aus schon anders erzogen, dass man da Respekt vor Älteren hat.“ In den vergangenen Jahren hat er diesbezüglich einige negative Erfahrungen gemacht: „Ich habe immer wieder junge Arbeitnehmer eingestellt, die sich dann nicht korrekt verhalten haben und teilweise auch respektlos waren. Die musste ich dann entlassen.“
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
Björn Fritz, Malermeister
Auch der 23-jährige Student fühlt sich als junger Mensch während der Diskussion im Studio von der Aussage betroffen. „Also ich würde wirklich behaupten, es kommt immer ganz auf die Person an“, rechtfertigt er sich. Außerdem sei es je nach Situation oftmals einfach scherzhaft gemeint. Er persönlich lerne zudem gerne von Erfahrenen. „Ich mag nur dieses ‚von oben herab’ nicht“, fährt Engel fort. „Und ich habe da immer schon gut dagegen geschossen, wenn mir was nicht passt.“ Das findet der Malermeister an sich zwar richtig, doch er betont zugleich: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Meine Mitarbeiter müssen wissen, was ich will und dass ich auch mal ein ernstes Wort sagen muss.“ Er muss sich aber eingestehen, dass die Grenze zwischen Spaß, Ernst und Respektlosigkeit manchmal fließend sei.
Ein Gespräch auf Augenhöhe
Ziel unseres Formats „Ab in die Mitte! Konsens ohne Nonsens“ ist, zu schauen, wo Menschen am Ende trotz unterschiedlicher Standpunkte mehr verbindet als trennt. Beide machen also einen Schritt in die Mitte. Aber nicht nur bei diesem Thema können sie einen Schritt aufeinander zugehen. Generell sind sie der Meinung, dass sie trotz des Generationenunterschieds durchaus ähnliche Ansichten bezüglich der Arbeitsmoral vertreten. Zumindest können sie die Sichtweise des jeweils anderen nachvollziehen, sagen Björn Fritz und Elias Engel, nachdem sie sich die Hand gegeben haben.
„Es ist wichtig, seine Geschichte anzuhören“, sagt Engel über Fritz. Er findet es zudem bemerkenswert, dass der 32-Jährige seinen Weg gegangen ist, auch wenn der nicht immer einfach war. Der Malermeister habe mit seiner Selbstständigkeit etwas Richtiges aufgezogen. Das sieht der Student geradezu als Vorbild – denn auch sein Ziel ist es, als Architekt einmal selbstständig zu sein, wie er verrät. Auch Björn Fritz kann etwas von der Diskussion mit dem Studenten mitnehmen: „Dass es in Zukunft wohl gute Architekten geben wird“, sagt er zwinkernd. Für den Malermeister war der Austausch mit dem Studenten auf Augenhöhe, ergänzt er am Ende der Diskussion.
Respekt schafft Konsens
Die Begegnung mit Elias Engel und Björn Fritz wie auch ihre Diskussion im SÜDKURIER-Studio haben gezeigt, dass es die eine einfache Antwort auf die Frage „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?“ nicht gibt. Das regt zum Nachdenken an: Welche Werte verbinde ich eigentlich mit dem Arbeiten? Und sehen meine Mitmenschen das anders? Und es zeigt sich: Man kann darüber diskutieren, auch wenn es sehr gegensätzlich wird – so lange beide Seiten Respekt füreinander haben. Björn Fritz und Elias Engel sind dabei als Vorbilder vorangegangen: Sie haben sich gegenseitig zugehört und sind auch mal kontrovers aufeinander eingegangen. So zeigt auch diese Folge von „Ab in die Mitte!“, dass grundverschiedene Menschen einander respektieren können und die Arbeit des jeweils anderen zu schätzen wissen. Und so unterschiedlich waren ihre Ansichten letzten Endes eigentlich gar nicht: Die beiden Gesprächspartner können also als gutes Beispiel dafür dienen, wie gesellschaftlicher Konsens entsteht. Ohne diesen dürfte es – auch das wird deutlich – schwierig werden, die Arbeitswelt von morgen zu organisieren.
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