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Franziskus-Hype: In Assisi ist die Hölle los

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20.03.2026

Cristofaro Bonarrigo ist müde, man sieht es ihm an. Eigentlich möchte sich der Pilger nur irgendwo hinsetzen. 190 Kilometer zu Fuß stecken in seinen 65 Jahre alten Knochen, vor neun Tagen wanderte er mit seinem Sohn Antonio, 33, in der Toskana los. Gerade kommen die beiden in Assisi vor der Basilika San Francesco an, große Rucksäcke auf dem Rücken. Die Wanderstiefel sind voller Schlamm, es hat geregnet in den vergangenen Tagen.

In Assisi immerhin, dem Ziel ihres Franziskus-Pilger-Weges, scheint die Sonne. „Er ist der Schutzheilige Italiens, ein Symbol für Bescheidenheit und Nächstenliebe, ein Vorbild“, sagt Cristofaro. Natürlich will er gerne die Reliquien des großen Franz von Assisi sehen. Aber es gibt zwei Probleme: Jetzt noch zwei Stunden lang anstehen, das schafft er nicht. Außerdem haben die beiden keine Online-Anmeldung. Und die ist notwendig.

Noch bis Sonntag sind erstmals überhaupt die Gebeine des Heiligen ausgestellt

Assisi mit seinen 28.000 Einwohnern ist stets gut besucht, aber dieser Tage ist – man kann es so sagen – die Hölle los. Und alles nur wegen ihm, Franz von Assisi. Noch bis Sonntag sind erstmals überhaupt die Gebeine des Heiligen in der Unterkirche der Basilika ausgestellt. Anlass ist sein 800. Todestag in diesem Jahr. Einen Monat lang konnten die Pilger bereits die Reliquien des wichtigsten italienischen Heiligen besuchen. Und sie kamen, vor allem in Bussen. Bis Mittwoch wurden rund 350.000 Besucherinnen und Besucher gezählt. Bis zum Sonntag sollen es dann knapp eine halbe Million Menschen gewesen sein, prognostizieren die Veranstalter vom Franziskaner-Konvent.

Vater und Sohn Bonarrigo aus Velletri bei Rom stehen nun oben vor dem Eingang zur Franziskus-Basilika. Der große Trubel beginnt viel weiter unten – in Assisi. Hinter der Porta San Francesco hupt ein Taxifahrer, ein Ape-Dreirad knattert vorbei und muss unvermittelt bremsen. Auch ein Lastwagenfahrer steckt mit seinem Fahrzeug fest und gestikuliert ungeduldig. Ein Strom von Menschen überquert die Straße. Stau in Assisi, der kleinen Stadt in Mittelitalien.

Ein Polizist versucht hilflos, den Verkehr zu regeln. „Aquì, hier entlang“, ruft eine südamerikanische Touristin ihrer Gruppe zu und deutet auf die lange Pilger-Schlange, die den Berg hinaufführt. „Papa, es ist der Wahnsinn“, ruft einer auf Italienisch in sein Telefon. „Ein Meer von Menschen!“

Die Gebeine des Franziskus haben einen Hype ausgelöst, ausgerechnet in einer Zeit, in der die katholische Kirche massenhaft Mitglieder verliert. Aber hier identifizieren sich die Menschen mit einem Mann, der vor 800 Jahren selbst die Kirche in eine Krise stürzte. Die war im Mittelalter, nicht unähnlich zu heute, reich, mächtig und oft weit entfernt von den Ideen des Evangeliums. Franz von Assisi war eine radikale Figur. Als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns brach er nach Krankheit und Lebenskrise mit seinem bisherigen Leben. Er wandte sich den Bedürftigen zu, lebte bewusst in Armut und predigte eine unmittelbare, praktische Form des Christentums.

Offensichtlich ergreift diese Lebenshaltung viele Menschen. Viele auch, die mit der Institution Kirche nicht mehr viel anfangen können.

Franziskus stellte die gesellschaftliche Ordnung des Mittelalters infrage. Statt Macht und Reichtum setzte er auf Demut, Nächstenliebe und eine universelle Geschwisterlichkeit – auch gegenüber Tieren und der Natur. Legendär sind sein „Sonnengesang“ oder sein Dialog mit einem muslimischen Sultan während eines Kreuzzugs, ein früher Versuch interreligiöser Verständigung.

Sein Einfluss war so groß, dass die Kirche ihn nicht unterdrücken, sondern integrieren musste: Der Franziskanerorden wurde anerkannt, Franziskus bereits 1228, nur zwei Jahre nach seinem Tod, heiliggesprochen. Seine Ideen prägen bis heute das Bild eines direkten, reformorientierten Glaubens. Nicht zufällig wählte mit Papst Franziskus 2013 ein Papst seinen Namen.

Zum ersten Mal ist nun ein Körper, eine Reliquie, zur Franziskus-Geschichte sichtbar. Wer ihn sehen will, muss sich online anmelden, steht an, wird kontrolliert. In Schüben geht es in den unteren Teil der Basilika. Drinnen verstummt die Menge, es ist ein Rascheln, Schlurfen, Flüstern. Die Franziskus-Gemeinde zieht zu ihrem Idol, in Turnschuhen, Sandalen, mit Krücken, Kinderwagen, Rollstühlen. „No Foto“, ruft ein Aufseher unnötigerweise. Niemand hat sein Smartphone in der Hand. Die Franziskus-Gemeinde bewegt sich ehrfürchtig auf ihr Idol zu.

Nach einer Weile kommt ein Bediensteter und desinfiziert das Plexiglas des Sarkophags

Vorn am Altar ist der Heilige in einem Sarkophag aus Plexiglas aufgebahrt. „Corpus Sancti Francisci“ ist darin eingraviert, „der Körper des heiligen Franziskus“. Fast alle fassen das Glas an, bekreuzigen sich. Manche werfen sich zu Boden. Nach einer Weile kommt ein Bediensteter und desinfiziert das Glas. Ein paar Sekunden weilt der eigene Blick auf den Überresten dieses wirklich kleinen Körpers. Der Schädel ist eingefallen, die Knochen zu einem Skelett zusammengefügt, am Fußende ein Haufen offenbar nicht Zuordenbares. „Prego signori“, sagt ein Aufpasser und mahnt zum Weitergehen.

Marco Moroni trägt Birkenstocksandalen, die schwarze Franziskaner-Kutte mit einfachem, weißem Seil als Gürtel. Moroni ist der Klosterchef, Kustode des Heiligen Konvents von Assisi. Er hatte die Idee, die Gebeine zum Jubiläum der Welt zu zeigen. 2015 durfte er noch als einfacher Mönch bei einer Inspektion die Überreste des Ordensgründers sehen. „Das war so ein starkes und berührendes Erlebnis“, erzählt der 60-Jährige in seinem Büro im Konvent. „Sein Körper war zersplittert, schwach, zerbrechlich, einfach nur die Knochen. Seine Kleinheit, Schlichtheit traf mich.“ Nur 1,57 Meter groß soll Franziskus gewesen sein. Moroni dachte sich: Dieses Erlebnis sollten viel mehr Menschen haben.

Die Geschichte dieses Körpers ist bewegt. 1230, vier Jahre nach dem Tod, wurde der Leichnam Franz von Assisis in der eigens als Grabstätte gebauten Unterkirche versteckt und eingemauert. So sollte der Diebstahl seiner Reliquien verhindert werden. Bald ging die Kenntnis des genauen Begräbnisortes verloren. Jahrhundertelang wusste niemand, wo Franz von Assisi exakt begraben war. Erst 1818 erlaubte Papst Pius VII. die Suche nach den Überresten. Nach wochenlangen Grabungen wurde ein Steinsarkophag unter dem Hauptaltar gefunden. Die Gebeine wurden anatomisch und historisch untersucht. Seither steht amtlich fest: Es handelt sich um die Reliquien des heiligen Franziskus. Eine Krypta wurde unter dem Altar gebaut. Normalerweise liegen hier die Gebeine.

1978 wurde das Grab erneut geöffnet und der Körper erneut anatomisch sowie historisch untersucht. Man bettete die Gebeine in den Plexiglas-Sarkophag um, ordnete sie anatomisch, befüllte den Sarkophag mit Stickstoff, zur besseren Konservierung der Knochen. Damals bekam ein kleiner Kreis Auserwählter den Heiligen zu Gesicht. Seither wird etwa alle 20 Jahre der Zustand der Reliquien überprüft. 2015 war schließlich Marco Moroni dabei. Der Kustode zeigt sich überwältigt: „In der Kirche ist es so still, keiner nimmt sein Smartphone zur Hand. Und das alles für die Knochen dieses kleinen Mannes!“

„Er ist so klein“, wundert sich eine Frau

Auch Erhard und Regina Schätz aus Linz sind beeindruckt nach dem Besuch. „Ich war wirklich überrascht, dass noch so viele Knochen da sind“, sagt Erhard Schätz. „Er ist so klein“, wundert sich seine Frau. Sie ist sich sicher, dass es kein Zufall ist, dass die Gebeine des Franz von Assisi gerade jetzt ausgestellt sind, wo die Welt in Flammen aufgehe. „Ich hoffe sehr auf Frieden“, sagt Regina Schätz. Sie sei beeindruckt von der „Kraft der Reliquien“ und habe dem Heiligen in ihren Gebeten das dringende Bedürfnis der Welt nach Frieden anvertraut.

Vor der Kirche sitzt Chiara Velli mit ihren drei Kindern Matteo, Elena und Sofia. Die Familie ist aus Rom nach Assisi gekommen. „Franziskus ist ein Bezugspunkt für uns“, sagt der 14-Jährige Matteo. Sofia, 7, ist „glücklich und stolz“, den Heiligen gesehen zu haben. Für Mutter Chiara vermittelt Franziskus auch heute noch „eine Botschaft von Harmonie und Frieden“. Für sie sei der Heilige Inspiration, wenn es darum gehe, Frieden in die eigene Familie zu bringen. „Gar nicht so einfach!“, sagt Velli lachend. Dann kommt auch Vater Francesco aus der Kirche. Er ist berührt von der Franziskus-Erfahrung. „Er ist nicht nur ein Mythos, sondern eine ganz konkrete Person“, sagt er. Das bestärke ihn im Glauben. „Auch der ist nicht nur eine Idee, sondern will ganz konkret und jeden Tag gelebt werden.“

„Wir haben uns der überflüssigen Dinge entledigt“, sagt Cristofaro. „Wie der heilige Franziskus“

Die Wanderer Cristofaro und Antonio Bonarrigo haben viel erlebt auf ihrem fast 200 Kilometer langen Franziskus-Weg. Irgendwie war der Heilige unterwegs immer wieder dabei. Erzählen sie. Einmal umkreisten nachts Wölfe ihr Zelt. „Wir hatten Angst“, berichtet Antonio. Aber es passierte nichts. Vielleicht hatte Franz von Assisi die Tiere beruhigt, genauso wie in der berühmten Geschichte des Wolfs von Gubbio? Die beiden schickten später Gepäck aus ihrem 40 Kilogramm schweren Rucksack nach Hause. „Wir haben uns der überflüssigen Dinge entledigt“, sagt Cristofaro. „Wie der heilige Franziskus.“

Und der bewirkt am Ende noch ein kleines Wunder. Eigentlich sind alle Online-Reservierungen vergriffen. Für die letzten Tage haben die Veranstalter aber kurzfristig Extra-Slots für Spätentschlossene freigeschaltet.

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