„Beeindruckend“ und „ganz anders als früher“ – das sagen die ersten Besucher der Marienschlucht

Die wohl schönste Marienschlucht-Geschichte an diesem Nachmittag hat SÜDKURIER-Leser Manfred Gleichauf. Er ist zurückgekommen an den Ort einer besonderen Erinnerung: In den frühen 50er-Jahren, erzählt Gleichauf, Jahrgang 1943, war er als Grundschulkind auf einem Schulausflug hierher, es war ein Höhepunkt in einer Zeit des Mangels. Zurück an der Ekkehard-Schule in Singen musste er einen Aufsatz schreiben: „Mein Ausflug in die Marienschlucht.“

70 Jahre später ist er wieder hier, staunt über den neu gebauten Steg und steigt rüstig über die schmalen Pfade und die vielen Treppenstufen hinab vom Parkplatz bis ans Ufer und wieder hinauf. Manfred Gleichauf ist der älteste Gewinner bei der Aktion „Der SÜDKURIER öffnet Türen“ und darf mit 19 anderen Gästen das Naturwunder noch vor dem offiziellen Start am 28. März bestaunen. Mehr als 1000 Menschen hatten einen Platz gewinnen wollen.

Matthias Weckbach könnte man stundenlang zuhören

Das Fazit von Manfred Gleichauf fällt ähnlich aus wie das der anderen Besucher: „Das ist eine fantastische Konstruktion“. Projektleiter Matthias Weckbach hatte mit der Gruppe seinen scheinbar unerschöpflichen Wissensschatz geteilt, über Zug- und Druckanker berichtet, die Brutzeit des Wanderfalken und die Veränderungen an der weitgehend unberührten Uferlinie.

Auch für Barbara Götz-Fitsch, aufgewachsen in Bodman, ist es eine kleine Zeitreise. „Mehr als 50 Jahre“ sei es her, dass sie letztmals in der Marienschlucht war. Für sie ist es eine Kindheitserinnerung. Ihr Vater, berichtet sie, fuhr mit anderen Männern aus Bodman am Feierabend gern mit der motorisierten Gundel hierher. Für die Männer gab’s ein Bier, für die Kinder gab’s ein Eis aus dem Felsenkeller, dessen Eingang bis heute zu sehen ist. Vom romantischen Weglein von einst ist nicht viel geblieben, „das hat nicht mehr viel gemein mit dem, wie es war“, sagt sie. Und fügt gleich hinzu: „Aber es ist wunderbar, dass man wieder hierher kommen kann.“

Ist es ein massiver Verbau aus 80 Tonnen Stahl, der einen harten Kontrast zur wilden Natur darstellt – oder ein beeindruckendes Ingenieurbauwerk, das diese Natur erst wieder zugänglich macht? Für die meisten der Gäste bei „Der SÜDKURIER öffnet Türen“ überwiegt das Staunen. „Richtig toll“, sag Anne Thätner aus Bodman-Ludwigshafen. Sie hat diesen Ort wie viele andere als Kind schon besucht und war gespannt, was aus der Marienschlucht geworden ist. Staunend steht sie am Ufer, blickt hinüber nach Sipplingen und ist sich sicher: „Wir kommen wieder hierher und probieren auch all die schönen Wanderwege aus!“

„Beeindruckend“ finden Christiane und Volkmar Zingel aus Allensbach beides – die Natur und das neue Bauwerk. Wie die meisten anderen Gäste haben sie sich auch auf die Aussichtskanzel gewagt, die frei über der an dieser Stelle locker 30 Meter tiefen Schlucht zu schweben scheint – Aus- und Tiefblicke sind hier garantiert. Für alle, denen die Höhe nicht ganz so behagt, hat Matthias Weckbach noch einen Tipp: „Nicht durch die Gitterroste direkt nach unten schauen, sondern den Blick nach vorne richten“ – dann geht es ganz komfortabel über all die Stufen hinab ans Ufer. Auch wenn die Besucher nicht mehr auf den nur schulterbreiten Grund der Schlucht kommen, lohnt sich ein Besuch unbedingt, finden die Zingels: „Toll, dass es so ein Erlebnis bleibt!“

Wann er zuletzt in der Marienschlucht war, kann Harald Härle gar nicht mehr genau sagen. „Ich hatte es irgendwie anders in Erinnerung, aber das ist ja auch gefühlt hundert Jahre her!“, sagt er lachend. Wie sein Begleiter Jürgen Brügel hat er die Kamera mitgebracht und fotografiert fleißig die wilde Natur oberhalb des Mondfelsens und das menschengemachte Bauwerk. Beeindruckt sind beide nicht nur vom neuen Steg, sondern auch an den vielen Überlegungen, die hinter dem Projekt stecken. „Schön, dass sich Leute so sehr dafür engagiert haben, das wieder zugänglich zu machen“, sagt Harald Härle.

Darüber freut sich Matthias Weckbach, erzählt aber vor allem von einem großen Gemeinschaftswerk. Wie drei Gemeinden – Allensbach, Bodman-Ludwigshafen und Konstanz – auch in Zeiten klammer werdender Kassen zusammengestanden sind und das Projekt zu Ende gebracht haben. Und er erklärt auch, warum die neue Marienschlucht nicht barrierefrei geworden ist. Heinz Höcky aus Friedrichshafen, seit drei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen, hatte dem SÜDKURIER diese Frage gestellt, und auch bei der exklusiven Vorschau-Tour taucht sie auf.

Auch eine barrierefreie Rampe wurde geprüft

Man habe das geprüft, sagt Projektleiter Weckbach. Aber: „Eine barrierefreie Rampe darf maximal sechs Prozent Steigung beziehungsweise Gefälle haben. Dafür hätten wir ein sehr viel größeres und teureres Bauwerk errichten müssen.“ Und ob da der Naturschutz noch mitgemacht hätte, ist ebenso offen wie die Frage, ob auch die Zugangswege hätten entsprechend ausgebaut werden können.

Sylvia Baur und Hans-Dieter Ruppert aus Konstanz schrecken die Stufen nicht. Sie haben einen Nachrücker-Platz bei der so gefragten Führung erhalten, weil ein ursprünglicher Gewinner krank geworden ist und so nett war, beim SÜDKURIER abzusagen. „Ein Wahnsinns-Bauwerk“, meinen die beiden anerkennend und sind gespannt, wie sich die Massen an Stahl und Beton einfügen, wenn sie eingewachsen sind. Und sie freuen sich wie so viele der anderen Teilnehmer an diesem Tag gleich doppelt – über die neue Marienschlucht und die Chance, sie vor allen anderen zu sehen. „Wir hatten den 28. März schon fest im Kalender“, berichtet Sylvia Baur strahlend, „jetzt können wir später zurückkommen, wenn der erste Rummel abgeklungen ist.“

Tag der offenen Schlucht

Mit vielen Aktionen zwischen 10 und 17 Uhr an allen Ausgangspunkten zur Marienschlucht (Bodman, Langenrain, Wallhausen) und direkt vor Ort feiern am Samstag, 28. März, Allensbach, Bodman-Ludwigshafen und Konstanz die Wiedereröffnung der Marienschlucht nach elf Jahren Sperrung. Zahlreiche Vereine sorgen für Bewirtung, Unterhaltung und Informationen. Die Schlucht ist dann dauerhaft bei freiem Eintritt zugänglich. Besucher mit Hunden sollten beachten, dass ihre Vierbeiner auf dem geriffelten Gitterrost möglicherweise nur schlecht laufen können.

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