Die Kinderfrage als Ausdruck von Feminismus
Davina Nolle und Nina Fouchs kennen sich nicht, haben aber mehr gemeinsam als es auf den ersten Blick scheint. Beide bezeichnen sich als Feministinnen, obwohl sie kaum unterschiedlichere Lebensrealitäten verkörpern könnten. Nolle ist mehrfache Mutter, Fouchs dagegen hat sich mit 21 Jahren sterilisieren lassen. Im SÜDKURIER-Studio, moderiert von Pauline Filthaut, treffen die beiden Frauen für eine Diskussion über die Kinderfrage im Feminismus aufeinander.
Angst, sich selbst zu verlieren
Nina Fouchs sitzt in ihrer Wohnung in Rheinfelden auf der Couch und nippt an ihrem Tee. Ganz gelassen spricht die 21-Jährige über ihre frühe Entscheidung gegen eigene Kinder. Ein halbes Jahr ist ihre Sterilisation her. Bei einer Laparoskopie – eine Art Bauchspiegelung – wurden ihre Eileiter dauerhaft verschlossen. Schwanger werden kann sie jetzt nur noch durch künstliche Befruchtung. „Das wird aber nicht passieren“, sagt sie entschlossen. Für den Eingriff gab es mehrere Gründe. Durch ihre alleinerziehende Mutter habe sie früh miterlebt, wie viel Aufopferung Kinder erforderten, erzählt Fouchs. „Ich wusste, ich möchte diese Arbeit nicht leisten.“ Auch Angst spielte eine große Rolle. Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder Abtreibung, nachdem sie sich gegen hormonelle Verhütung entschied. Ihre Antwort auf die Frage, wovor sie sich am meisten fürchtete, formuliert sie noch drastischer: „Mich selbst zu verlieren.“
„Für mich wäre es jetzt ein Unding, alleine in meiner Wohnung zu sitzen.“
„Für mich wäre es jetzt ein Unding, alleine in meiner Wohnung zu sitzen.“
Davina Nolle, Mehrfach-Mutter
Konfrontiert mit dieser Aussage, wird Davina Nolle im Studio nachdenklich. Ganz falsch sei das wohl nicht, sagt sie. „Zeitweise mag das sein, dass man dazu neigt, sich zu verlieren.“ Auch sie habe das erlebt. „Das zu erkennen, war hart. Meine Erwartungshaltung an mich selbst war extrem hoch.“ Trotzdem dürfe man als Mutter auch egoistisch sein. Kinder bräuchten vor allem eine authentische Mama. Nina Fouchs betont, dass sie sich trotzdem lieber selbst priorisiere. „Ich habe mein Leben auf andere Art und Weise bereichert“, findet sie.
Diese Aussage teilt Nolle persönlich nicht. „Mir ging es gerade anders“, entgegnet sie ihrer Diskussionspartnerin. „Dadurch, dass ich Kinder habe, ist es für mich tatsächlich so, dass ich jetzt die beste Variante von mir selber bin.“ Trotzdem zeigt Nolle Verständnis für ihr Gegenüber. Auch ihre eigenen Töchter würde sie unterstützen, sollten diese sich je gegen Kinder entscheiden. „Ich bin lange genug Mutter, um genug Gründe zu kennen, dass es auch ein tolles Leben ohne Kinder geben kann.“
Etwas von sich hinterlassen
In ihrer Doula-Praxis in Schwenningen (Heuberg) macht Davina Nolle mit einer Schwangeren eine Klangschalenmeditation. Die 30-Jährige erwartet bald ihr zweites Kind. Als Doula erfüllt Nolle eine andere Funktion als eine Hebamme – sie ist emotionale Stütze werdender Mütter, von der Schwangerschaft über die Geburt bis zum Wochenbett. Ihren Beruf bezeichnet die 44-Jährige nicht als Arbeit, sondern als Leidenschaft. In ihrer Praxis finden sich zahlreiche liebevolle Dekorationen rund ums Schwanger- und Muttersein.
Nicht nur privat, sondern auch beruflich erlebt Nolle Mutterschaft hautnah mit. Sie selbst hat drei eigene Kinder und drei, wie sie es nennt, Bonuskinder. Mama zu sein bedeutet für sie auch, etwas von sich zu hinterlassen. In ihren Kindern erkenne sie oft Züge geliebter Personen. „Ich finde das schön, wenn von tollen Menschen etwas übrigbleibt“, sagt Nolle. Ohne Kinder sei das anders. „Wenn ich kein Kind bekomme, dann beende ich die Geschichte.“
„Was hinterlässt du auf dieser Welt?“, fragt Moderatorin Pauline Filthaut in der Diskussion Nina Fouchs. Die 21-Jährige zögert nicht. „Hoffentlich nichts“, sagt sie forsch. Das Wichtigste für sie sei es, keinen negativen Einfluss zu haben. „Wenn ich gehe, dann gehe ich und dann bin ich auch sehr zufrieden damit.“ Davina Nolle ist betroffen. „Wenn von deiner Intelligenz, von deinem Witz, deinem Charme noch ein bisschen was dableiben würde, das wäre schon wundervoll.“ Die Frauen sehen sich zwar auf einer gemeinsamen Ebene, denn beide wollen glücklich sein mit dem Leben, das sie gerade führen. Fouchs vertritt dennoch den Standpunkt, dass allein das Weiterführen der Familie ein dummer Grund ist, Kinder zu kriegen.
Das stößt bei Nolle auf Unverständnis. „Warum?“, fragt sie Fouchs. Die 21-Jährige erklärt, sie habe das Gefühl, vielen Menschen fehle das Bewusstsein, was es bedeute, ein Kind zu kriegen. „Was mir immer wieder aufgefallen ist, ist, dass Menschen Kinder haben als Lösung für Probleme oder einfach nur um des Kindes willen.“ Nolle stimmt ihr nur teilweise zu. Man wisse nie genau, was mit Baby auf einen zukomme. Man müsse sich schon ein bisschen auf das Abenteuer einlassen. „Das kann ich sagen, kann ich nicht“, entgegnet Fouchs. „Ich kann mich auf dieses Abenteuer nicht einlassen.“
Ein veraltetes Rollenbild
Nina Fouchs macht zurzeit eine Ausbildung zur Fachinformatikerin. Sie wirkt stolz auf die Freiheiten, die sie im Leben hat. Die Liste ihrer Hobbys ist lang: Poledance, Online-Spiele, Querflöte spielen, Lesen, Motorradfahren oder auch die Pflege ihrer Springspinne namens Röstzwiebel. „Hobbys sind meine Selbstverwirklichung“, sagt Fouchs. Begeistert erzählt sie von ihrem Plan, sich noch drei Vogelspinnen und eine Königspython anzuschaffen. Für Dating, sagt sie, habe sie gar keine Zeit.
Dass Kinder sie in ihren Freiheiten einschränken würden, davon ist die 21-Jährige überzeugt. Auch ihre Sterilisation will sie nicht als Egoismus, sondern als einen Akt der Selbstbestimmung bezeichnen. Zwei Jahre lang machte sie sich vorab Gedanken, recherchierte und suchte nach einem Arzt, der bereit war, die Operation so früh durchzuführen. „Seitdem ich es gemacht habe, habe ich es kein einziges Mal bereut“, sagt sie heute. Trotzdem erhält sie auch negative Kommentare, sowohl von Frauen als auch von Männern, die sich von ihrer Entscheidung angegriffen fühlen. Manche sagten ihr, sie sei jetzt „keine richtige Frau“ mehr. „Sowas finde ich lächerlich“, sagt Fouchs. Das traditionelle Frauenbild habe sie sowieso nie gereizt. Sie kämpfe fast schon dagegen an, erklärt die 21-Jährige. „Wir leben in einer Zeit, in der ein traditionelles Bild nicht mehr realistisch ist und auch nicht mehr zeitgemäß.“
„Dein Leben, wie du es lebst, wäre für mich persönlich ein Albtraum.“
„Dein Leben, wie du es lebst, wäre für mich persönlich ein Albtraum.“
Nina Fouchs, 21 und sterilisiert
Im Studio wird Davina Nolle emotional, was die Kritik angeht, die Fouchs erlebt. „Es macht mich sehr betroffen, dass wir das Jahr 2026 haben und eine Frau, weil sie eine Entscheidung für sich und ihre Zukunft trifft, so angegangen wird.“ Fouchs kann ihr nur zustimmen. Kinder hätten genauso ein Daseinsrecht wie sie als bewusst kinderlose Frau. Bei der Debatte zum traditionellen Frauenbild, wie Nolle es lebt, wird Fouchs aber drastischer. „Dein Leben, wie du es lebst, wäre für mich persönlich, sehr überspitzt, ein Albtraum“, sagt sie. Sie bevorzuge ein ruhiges Leben.
„Für mich wäre es jetzt ein Unding, alleine in meiner Wohnung zu sitzen“, kontert Nolle schlagfertig. Trotzdem kann sie Fouchs’ Sicht nachvollziehen. Früher sei es ihr ähnlich gegangen. Heute ziehe sie aber ihre Energie daraus, Mutter zu sein. Fouchs lenkt ebenfalls ein. Sie könne ja immer noch adoptieren und sich den Trubel ins Haus holen, sagt sie lachend.
In ihrer Freizeit geht Davina Nolle mit ihrem Mann gerne wandern, ins Fitnessstudio oder auf Konzerte. Aber auch die täglichen Runden mit ihrem Beagle Mabel sind für die 44-Jährige ein festes Hobby. Wegen ihrer Kinder habe sie ihre Freizeit nie aufgeben müssen, erzählt sie beim Spaziergang im Schnee. „Wir waren immer auf Reisen, immer draußen und auf Wanderschaft. Das war uns auch wichtig, den Kindern die Welt zu zeigen.“ Das sieht man auch an den vielen Fotocollagen von gemeinsamen Urlauben im Treppenhaus der Familie. Angesprochen auf die Frage, was sie Frauen entgegne, die Schwangerschaft als Risiko für die eigene Freiheit sehen, sagt Nolle: „Das liegt ja ganz bei einem selbst. Was lasse ich mir für Freiräume nehmen und warum?“
Im Studio bekräftigt Nolle, dass einige Mütter sich Freiräume nehmen ließen. Auch ihr sei es beim ersten Kind so ergangen. „Aber ich bin auch für mich da“, sagt sie. „Ich bin nicht nur Mutter, ich bin auch Frau und Ehefrau.“ Fouchs erwidert, in ihrer Erfahrung würden Frauen vom System her zu oft auf eine Rolle begrenzt. „Der Mensch lebt aus dem, was er gelernt hat. Wenn dir das nur so beigebracht wurde, dass du dir keine Freiräume nehmen darfst als Mutter, dann ist das einfach ein Fehlwissen“, sagt sie. Sie selbst sei aus diesem System ausgebrochen. Wo sich beide Frauen einig sind: Mütter sind nicht schuld, wenn ihnen nötige Freiräume fehlten. Nolle betont, es müsse mehr Unterstützung und Angebote geben. Fouchs unterstreicht zusätzlich die Rolle von Vätern. „Sie sollten sich mehr mit der Kindererziehung beschäftigen und dann auch die Frau entlasten.“
Gehen Davina Nolle und Nina Fouchs am Ende ihrer Diskussion auch einen Schritt aufeinander zu, weil sie voneinander gelernt haben? Sie machen sogar mehr als das – sie umarmen sich. „Ich fand, das war ein toller, positiver Austausch“, sagt Nolle. „Ich möchte, dass sie weiter stark für sich durchs Leben geht.“ Fouchs dagegen lobt Nolles gesunde Beziehung zu ihren Kindern. „Ich finde es schön, dass du für dich so einen wunderbaren Aspekt daraus ziehen konntest, Mutter zu sein.“
Feminismus – da sind sich schließlich beide einig – bedeutet, als Frau die Wahl zu haben. Ohne gesellschaftliches Urteil. Egal ob für oder gegen Kinder. Die offene Diskussion der beiden hat gezeigt, was der Feminismus in sich beabsichtigt: die Selbstbestimmung aller Frauen. So fasst es auch Davina Nolle selbst zusammen. Sie und Nina Fouchs hätten mehr gemeinsam als gedacht, findet sie. In dieser Debatte wurde also nicht nur die Mitte gefunden – sondern vielleicht sogar eine neue Freundschaft zwischen zwei starken Frauen.
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