Von Klassikern bis zu Exoten: Warum der Bodensee die ideale Obstregion ist |
Innerhalb weniger Tage ist die Natur quasi explodiert: Nach kühlen Nächten sorgen die Frühlingstemperaturen jetzt für einen rasanten Wachstumsschub. Auch in den Obstplantagen prägen weiße und rosafarbene Blüten das Landschaftsbild. Innerhalb der nächsten Wochen und Monate können hier wieder Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen geerntet werden.
Der Klassiker unter den Obstsorten aus der Region ist und bleibt der Bodensee-Apfel. Doch was macht den Bodensee überhaupt zur idealen Obstregion? Der Apfelanbau am Bodensee begann bereits im Jahr 724 nach Christus auf der Insel Reichenau. Der moderne Obstanbau entwickelte sich in den 1960er-Jahren. Grund dafür, dass Äpfel, Birnen und Co. hier besonders gut gedeihen, ist das milde Klima.
„Der Bodensee als Wärmereservoir sorgt für ideale Bedingungen“
„Der Bodensee als Wärmereservoir sorgt für ideale Bedingungen“, sagt Manfred Büchele, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee (KOB) in Bavendorf bei Ravensburg. Das KOB ist ein Forschungs- und Versuchszentrum, dort werden unter anderem neue Sorten und Anbaumethoden getestet. Selbst im Winter werde es nicht gar so kalt, Spätfröste fallen weniger extrem als in anderen Regionen aus. „Heute könnte man angesichts des Klimawandels wahrscheinlich auch in Biberach Äpfel anbauen“, so der Experte, „aber in der Zeit, in der der Obstanbau intensiviert wurde, sah das noch anders aus.“
Bis heute ist es am Bodensee tagsüber warm und sonnenreich, nachts kühlt es ab. „Das sorgt für ein besonders gutes Säure-Zucker-Verhältnis“, betont der KOB-Geschäftsführer. Das Klima fördert also die Bildung von Aromastoffen. Heute werden bei uns auf fast 8000 Hektar Äpfel angebaut. Von 100 Apfelsorten spielen derzeit zwischen 15 und 20 im kommerziellen Anbau eine Rolle. Rund 18 Kilo Äpfel essen wir Deutsche pro Jahr. Damit belegen Äpfel Platz eins bei den heimischen Sorten. Nimmt man die Obstsorten dazu, die aus dem Ausland eingeführt werden, wird der Apfel von der Banane auf Platz zwei verwiesen.
„Vom Credo ‚an apple a day...‘ sind wir trotzdem recht weit entfernt“, sagt Büchele. Im Schnitt kommt jeder von uns auf 90 Äpfel im Jahr. Mit großem Abstand folgen bei den heimischen Sorten Erdbeeren (dreieinhalb Kilo im Jahr), Birnen und Steinobst. Von den Konsumenten unterschätzt sei etwa die Kirsche, findet er. Er selbst schätze vor allem die Vielfalt. Eine Lieblingssorte habe er nicht. Bei den Äpfeln hätten über die vergangenen Jahre die Clubsorten an Bedeutung gewonnen. Von diesen sei unter anderem der Kanzi beliebt, ein Klassiker bleibe der Elstar. Der Rockit sei etwas für Kinder. „Das ist ein besonders kleiner Apfel, der in jede Vespertüte passt – besser als jeder Schokoriegel“, sagt er schmunzelnd.
Den Apfelanbau am Bodensee sieht Manfred Büchele weniger durch den Klimawandel gefährdet, vielmehr bedrohe der Preisdruck die Produzenten vor Ort. „Die großen Supermarktketten geben die Preise vor“, betont der Geschäftsführer des KOB. Auch die Wettbewerbskommission der Bundesregierung sah zuletzt eine deutliche Zunahme bei der Marktkonzentration. Der deutsche Handelsverband weist das zurück. Für Büchele hat ein angemessener Preis für den Erzeuger auch etwas mit der Wertschätzung seiner Arbeit zu tun. Immer restriktivere Vorgaben bei den Pflanzenschutzmitteln stellen die Erzeuger ebenfalls vor Herausforderungen. „Man muss die Kulturen schützen, sonst bekommen wir nicht die Qualität, die der Kunde verlangt“, so Büchele. Zumal für Importe andere Regeln gelten würden. „Manche Landwirte haben ihre Bäume rausgerissen, weil es sich für sie einfach nicht mehr lohnt“, sagt Büchele.
Landwirte produzieren für 12 Millionen Konsumenten
Was kann der Verbraucher tun – kauft er besser direkt beim Erzeuger? „Im Hofladen bekommt man ein besonders frisches Produkt, das nicht lange unterwegs war“, sagt Manfred Büchele. Wer vor Ort ist, sollte diese Optionen nutzen. „Aber man darf nicht vergessen, die Landwirte aus der Region produzieren für rund 12 Millionen Konsumenten, die leben nicht alle am Bodensee.“ Daher sei man auf den Handel angewiesen. „Direkt zu kaufen sei immer gut, aber das ist nicht die Masse“, weiß Büchele. Mit der Initiative Fairdi – Fair zur Gesellschaft, fair zur Umwelt, fair zum Erzeuger – fördere man vor Ort gemeinsam die strukturierte Weiterentwicklung des Obstanbaus am Bodensee.
Aprikosen etablieren sich in unserer Region
In den Versuchsfeldern des KOB werden momentan rund 450 neue Sorten getestet. Darunter auch der eine oder andere Exot. „Wir haben zum Beispiel Versuche mit Feigen gemacht“, sagt Manfred Büchele. Diese hätten gezeigt, dass die Früchte in unseren Gefilden reifen, sie für den Erwerbsanbau aber nicht geeignet sind. Aprikosen, die früher nur südlich der Alpen angebaut worden seien, würden sich hier hingegen zunehmend auch in der Fläche etablieren. Aktuell experimentiert man am Kompetenzzentrum im Kreis Ravensburg mit dem Anbau von Kakis. „Diese brauchen Wärme und wir benötigen gute Sorten“, erklärt der Fachmann. Ob die Verbreitung der sogenannten Götterfurcht auf den Feldern am Bodensee gelingen kann, werde man aber frühestens in fünf Jahren bewerten können. Büchele meint: „Darauf sind wir tatsächlich schon sehr gespannt.“
Obstanbau am Bodensee
Rund 90 Prozent der Obstanbauflächen am Bodensee sind Apfelplantagen. 1400 Landwirte bauen verschiedene Apfelsorten an, etwa 250.000 Tonnen Äpfel produziert die Bodenseeregion im Schnitt jedes Jahr. Ein einziger Apfelbaum kann 1500 Blüten tragen. Neben Kernobst, also Äpfeln und Birnen, wird am Bodensee Steinobst produziert. Hier spielen vor allem Kirschen, Zwetschgen und Mirabellen eine Rolle. Zudem gibt es eine große Auswahl an Beeren. Von Januar bis Dezember und von Apfel bis Zwetschge, wann welche der heimischen Sorten bei uns Saison hat, findet man hier bei der Vertriebsgesellschaft „Obst vom Bodensee“ auf einen Blick.
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